Willkommen im Religions-Philosophischen Salon Berlin

Der Religionsphilosophische Salon Berlin ist seit 2007 eine Initiative von Christian Johannes Modehn und Hartmut Wiebus. Seit Beginn der Corona-Pandemie im März 2020 gab es keine öffentlichen Salon – Veranstaltungen (“Präsenz-Veranstaltungen”) mehr, hingegen werden oft neue Beiträge als Hinweise zur Debatte auf unserer Website publiziert.

Warum ein religionsphilosophischer Salon?
Warum ein religionsphilosophischer Salon?

1.

Der Titel und die „Sache“ „philosophischer Salon“ sind alles andere als verstaubt. Das Interesse an philosophischen Gesprächen und Debatten in überschaubarem Kreis, in angenehmer Atmosphäre (also in einem „Salon“), ist evident.
(Frontal-) Vorträge – etwa in Akademien – vor zahlreichem, weithin bloß zuhörendem Publikum sind oft Ausdruck autoritären Belehrens. Ein Salon ist ein freundlicher Ort des Dialogs.

2.

In unserem religionsphilosophischen Salon soll das Philosophieren geübt werden, also das selbstkritische, systematische Nachdenken. Das Thema Religion wird auch in den heutigen Philosophien ernst genommen. Philosophische Religionskritik hat nicht mehr Sinn zu beweisen, dass Religion bedeutungslos ist, im Gegenteil: Philosophische Religionskritik zeigt, welche Form einer vernünftigen Religion bzw. Spiritualität heute zur Lebensgestaltung gehören kann. Und welche Gestalten von Religion/Kirchen/”Sekten” alles andere als einen befreienden Charakter haben. Der Klerikalismus herrscht ungebrochen in der katholischen Kirche und den orthodoxen Kirchen; im weiten Feld des Evangelischen nimmt die Herrschaft der fundamentalistischen evangelikalen Kirchen ständig. freisinnige, vernünftige christliche Kirchen sind leider marginal (vgl. die Remonstranten). 

3.

Unser religionsphilosophischer Salon ist wichtig angesichts des tiefgreifenden religiösen Umbruchs in Deutschland /Europa. Die Bindung an die Kirchen lässt bekanntlich immer mehr nach. Die so genannte Säkularisierung nimmt zu. Aber Säkularisierung bedeutet gerade nicht automatisch Zunahme des Atheismus. Religionsphilosophische Salons können die Themen der Religionen und das subjektive Bewegtsein durch religiöse Fragen angesichts der Kirchenkrise vernünftig weiterführen, in der Freiheit des Geistes… über den Klerikalismus oder den vielfältigen religiösen Fundamentalismus hinaus.

4.

Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie gibt es nur im Plural, die (Religions-)Philosophien in Afrika, Asien und Lateinamerika dürfen nicht länger als „zweitrangig“ behandelt werden. In welcher Weise Religion dort zum „Opium“ wird angesichts des Elends so vieler Menschen, ist eine besonders relevante Frage, auch angesichts der Zunahme christlicher und muslimischer Fundamentalismen. Dringend wird die Frage: Inwieweit ist philosophisches Denken Europas eng mit dem kolonialen Denken verbunden?

5.

Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phien bieten also in ihren vielfältigen Entwürfen unterschiedliche Hinweise zur Fähigkeit der Menschen, ihre engen Grenzen zu überschreiten und sich dem im Denken zu nähern, was die Tradition Gott oder Transzendenz nennt. Dabei treten diese unterschiedlichen Entwürfe in einen lernbereiten Dialog. In unserem religionsphilosophischen Salon gibt es z.B.ein starkes Interesse am (Zen-) Buddhismus.

6.

Uns ist es wichtig uns zu zeigen, dass Menschen im philosophischen Bedenken ihrer tieferen Lebenserfahrungen das Endliche überschreiten können und sollen und das Göttliche, das Transzendente erreichen können. Das Göttliche als das Gründende und Ewige zeigt sich dabei im Denken als bereits anwesend. Es ist sozusagen unthematisch gegenwärtig im Geist des Menschen.
Wenn der Mensch nach dem Göttlichen fragt, hat er also notwendigerweise „immer schon“ ein gewisses Vorverständnis vom Göttlichen. Dieses „Vorwissen“ gilt, nebenbei, für alles Fragen und Suchen.

7.

Insofern ist Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie auch eine subjektive Form der Lebensgestaltung, d.h. eine bestimmte Weise zu denken und zu handeln.
Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie kennt keine Dogmen, sicher ist nur das eine Dogma: Umfassend selbstkritisch zu denken und alle Grenzen zu prüfen, in die wir uns selbst einsperren oder in die wir durch andere, etwa durch politische Propaganda, durch Konsum und Werbung im Neoliberalismus, eingeschlossen werden. In dieser Offenheit, Grenzen zu überschreiten, zeigt sich die Lebendigkeit der Religions -Philosophie. Philosophieren ist etwas Lebendiges, im Unterschied zu vielen klerikalen Konfessionen ist sie nichts Erstarrtes voller Verbotsschilder

8.

Diese „Entdeckungsreisen“ der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phien können angestoßen werden durch explizit philosophische Texte, aber auch durch Poesie und Literatur, Kunst und Musik, durch eine Phänomenologie des alltäglichen Lebens, durch die politische Analyse der vielfachen Formen von Unterdrückung, Rassismus, Fundamentalismus. Mit anderen Worten: Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie findet eigentlich in allen Lebensbereichen statt, kann sich von allen „Produkten des Geistes“ (Hegel) bewegen lassen. Wer die Gesprächsthemen anschaut, die wir seit 2007 in den meist monatlichen Veranstaltungen („Salon-Abende“) in den Mittelpunkt stellen, wird von der großen Vielfalt überrascht sein. Bisher fanden ca. 100 Salon-Gespräche statt.

9.

Wo hat unser religionsphilosophischer Salon seinen Ort? Als Raum eignet sich nicht nur eine große Wohnung oder der Nebenraum eines Cafés, sondern auch eine Kunst – Galerie. In den vergangenen 7 Jahren fanden wir in der Galerie „Fantom“ in Charlottenburg freundliche Aufnahme. Zuvor in verschiedenen Cafés. Kirchliche Räume, Gemeinderäume etwa, sind für uns keine offenen und öffentlichen Räume. Sie sind meist nicht sehr „inspirierend“, d.h. sie sind „ungemütlich“, also keine Salons, sondern eher Amtsstuben.

10.

In unserem religionsphilosophischen Salon sind selbstverständlich Menschen aller Kulturen, aller Weltanschauungen und Philosophien und Religionen willkommen. Unser Salon ist insofern hoffentlich ein praktisches Exempel, dass es in einer Metropole – wie Berlin – Orte geben kann, die auch immer vorhandenen „Gettos“ überwinden.

11.

Unser religionsphilosophischer Salon sollte auch ein Ort freundschaftlicher Begegnung und menschlicher Nähe. Darum haben wir in jedem Jahr im Sommer Tagesausflüge gestaltet, mit jeweils 10 – 12 TeilnehmerInnen: Etwa nach Erkner (Gerhart Hauptmann Haus), Karlshorst (das deutsch-russische Museum), Jüterbog als Ort der Reformation, das ehem. Kloster Chorin, Frohnau (Buddhistisches Haus), Lübars… Außerdem gestalteten wir kleine Feiern in privatem Rahmen anlässlich von Weihnachten. Auch ein Kreis, der sich mehrfach schon traf, um Gedichte zu lesen und zu meditieren, hat sich aus dem Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon entwickelt. Aber alle diese Initiativen waren (und sind wohl) mühsam, u.a. auch deswegen, weil letztlich die ganze Organisation von den beiden Initiatoren – ehrnemtlich selbstverständlich – geleistet wurde und wird.

12.

Anlässlich der „Welttage der Philosophie“, in jedem Jahr im November von der UNESCO vorgeschlagen, haben wir größere Veranstaltungen mit über 60 TeilnehmerInnen im Berliner AFRIKA Haus gestaltet, etwa mit dem Theologen Prof. Wilhelm Gräb, dem Theologen Michael Bongardt. Der Berliner Philosoph Jürgen Große hat in unserem Salon über Emil Cioran gesprochen, der Philosoph Peter Bieri diskutierte im Salon über sein Buch „Wie wollen wir leben?“, die Politologin Barbara Muraca stellte ihr Buch „Gut leben“ vor, Thomas Fatheuer von der Heinrich – Böll- Stiftung vertiefte das Thema; der evangelische Pfarrer Edgar Dusdal (Karlshorst) berichtete über seine Erfahrungen in der DDR; der Theologe der niederländischen Kirche der Remonstranten, Prof. Johan Goud (Den Haag), war zweimal bei uns zur Diskussion, öfter dabei waren Dik Mook und Margriet Dijkmans – van Gunst aus Amsterdam…

Am 25.1.2023 notiert: Eine traurige Nachricht, ein großer Verlust für eine moderne “liberale Theologie”: Prof. Wilhelm Gräb, Prof. em. für praktische Theologie an der Humboldt-Universität Berlin,  ist am 23. Januar 2023 in Berlin nach langer Krankheit gestorben. Der Religionsphilosophische Salon Berlin verdankt ihm viele wichtige Anregungen und dankt nochmals auf diese Weise für insgesamt 65 Beiträge und Interviews, die Wilhelm Gräb in mehr als zehn Jahren für diese website gab. LINK.

Ich darf sagen, wir haben einen Freund verloren, der als ein Theologe der heutigen Moderne ungewöhnliche, aber richtige Perspektiven zeigte in seiner großen Aufgeschlossenheit und Freundlichkeit. Für ihn war die religiöse Glaubensform eines jeden Menschen wichtiger als die fixierenden, dogmatischen Lehren der Kirche. Diese theologische Freiheit, alle dogmatische Engstirnigkeit, allen Fundamentalismus auch in der evangelischen Kirche zu überwinden, “beiseite zu tun”, wie Wilhelm gern sagte, ist in ihrem radikalen Mut schon ziemlich einmalig. Ob diese Vorschläge und Ansätze zu einer Reformationen der Kirchen noch ernstgenommen werden, gerade in dieser “Kirchenkrise” ist eine offene Frage… Über seine Verdienste in der Forschung zu Schleiermacher wird später zu berichten sein.

Interessant in dem Zusammenhang das Interview, das uns Wilhelm Gräb 2012 zum Thema TOD und Sterben gab: LINK 

Zur theologischen Besinnung empfehle ich auch unser Interview mit Wilhelm Gräb “Der Gott der Liebe”. LINK:

Über vierzig viel beachtete Interviews mit dem protestantischen Theologen Prof. Wilhelm Gräb (Berlin, Humboldt – Universität) sind auf unserer Website publiziert. LINK.

Vorläufige Bilanz

Die Bilanz, vorläufig, Ende Juni 2022, formuliert: Einige wenige Interessenten außerhalb von Berlin haben die Idee des religionsphilosophischen Salons aufgegriffen. Aber wir können nicht sagen, dass etwa im kirchlichen Bereich, evangelisch wie katholisch, die Idee des freien und undogmatischen und offenen Salon-Gesprächs außerhalb der üblichen kirchlichen Räume (!), also in Café oder Galerien,  aufgegriffen und realisiert wurde. Das ist ein Faktum: Je mehr Christen aus den Kirchen austreten, um so ängstlicher und dogmatischer werden die Kirchen(führer), also auch ihre Pfarrer usw. Der Weg der Kirche in ein kulturelles Getto scheint vorgezeichnet zu sein, zumindest für die katholische Kirche. Tatsächlich haben sich über all die Jahre sehr sehr wenige “Vertreter” der großen Kirchen für unsere Initiative überhaupt interessiert. So konnten wir auch in jeder Hinsicht frei arbeiten!

Hinweis zu unseren Themen
Hinweis zu unseren Themen:
Eine Übersicht unserer Themen im Salon von Februar 2020 bis 2015 finden Sie hier. Die Themen von 2009 bis 2015 werden demnächst dokumentiert. Genauso wichtig wie die Salonabende sind auch die religionsphilosophischen und religionskritischen Hinweise Christian Modehn, publiziert auf der Website www.religionsphilosophischer-salon.de , bisher sind dort ca.1.300 Beiträge als „Hinweise“ veröffentlicht, mehr als eine Million vierhundertausend „Klicker“ gab es bisher (Stand 27.6.2022).

Der geplante religionsphilosophische Salon am 27.3.2020 über Hegel musste leider wegen der Corona – Pandemie ausfallen. Wir hoffen, dass noch einmal Salon – Gespräche stattfinden können. Sicher auch über Hegel.
Dass die Veranstaltung über Hegel anlässlich seines 250. Todestagesausfallen musste, ist aber besonders zu bedauern. Einige einführende Hinweise zur Philosophie Hegels hatte ich für den 27.3. 2020 vorbereitet, klicken Sie hier. Nach wie vor empfehle ich das große „Hegel-Handbuch“ von Walter Jaeschke, J.B. Metzler Verlag, 3. Auflage, 540 Seiten, nur 24, 90Euro.

Unser letztes Salongespräch fand am Freitag, den 14.Februar 2020 , wie immer um 19 Uhr statt, über das Thema: “Das Kalte Herz”. Mehr als ein Märchen (von Wilhelm Hauff). „Das kalte Herz“ offenbart die “imperiale Lebensweise”. 22 TeilnehmerInnen waren dabei. Leider mussten wir – wie öfter schon – acht Interessierten absagen, weil der Raum eben klein ist und nur eine Gruppe eine Gesprächssituation ermöglicht. Aber das große Interesse, ohne jede öffentliche Werbung, allein im Internet, und ohne jede Finanzierung von außen, ist schon bemerkenswert. Für einige vertiefende Hinweise zur imperialen Lebensweise: Beachten Sie diesen LINK.

Gründer

Gründer und Initiator des „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ sind:
Christian Modehn, 1948 in Berlin – Friedrichshagen geboren, hat nach dem Abitur in West-Berlin Theologie (Staatsexamen über Heidegger) und Philosophie (M.A. über Hegel) studiert: In Berlin (F.U.), St. Augustin, Bonn und München. Er arbeitete von 1973 bis 2007  immer als freier Journalist, über die Themen Religionen, Kirchen und Philosophien, für Fernseh- und Radiosender der ARD, sowie für die Zeitschrift PUBLIK – FORUM. Zur Information über einige meiner Hörfunksendungen und Fernsehdokumentationen klicken Sie bitte hier.
Und:
Hartmut Wiebus, 1944 in Seehausen/Altmark geboren, hat in Berlin (F.U.) Pädagogik (Diplomarbeit über Erich Fromm) und Psychologie studiert, und vor allem als evangelischer Klinikseelsorger gearbeitet.

Der religionsphilosophische Salon Berlin erhält von keiner Seite finanzielle Zuwendungen oder Unterstützung. Wir sind unabhängig und frei. Alle Arbeit für den Salon, also Organisation und die Impuls-Referate und die Moderation, leisten wir ehrenamtlich. Von den TeilnehmerInnen eines Salon-Abends werden lediglich 5 Euro erbeten … für die Raummiete in der Galerie Fantom.

Christian Johannes Modehn und Hartmut Wiebus, am 8.5.2021, erneut bearbeitet am 27.6.2022.

Franz Kafkas paradoxe Weisheiten

Hinweise auf einige Aphorismen Franz Kafkas.
Von Christian Modehn, zuerst veröffentlicht am 4.3.2024.

Ein Vorwort:
Franz Kafka hat auch seine Tagebuchnotizen und Briefe als wichtige. literarische Arbeiten verstanden, keineswegs nur als „Beiläufiges“, „Sekundäres“. Seine Aphorismen erscheinen wie Lehrsätze, die sich auch auf vorgegebene Weisungen, Normen, Gebote, Konventionen beziehen. Kafkas Aphorismen, die 1917 in Zürau in Oktavheften geschriebenen, wirken eher wie Kommentare, betont der Germanist Peter – André Alt. Es sind Hinweise zur Lebensgestaltung. Sie führen aber nicht in allseitige Klarheit und Durchsichtigkeit. Die Aphorismen überschreiten logische Argumente, sie leben vom Widerspruch zu alltäglichen Selbstverständlichkeiten. „Kafka hatte einen Widerwillen gegen analytische Abstraktion“, schreibt Alt (S. 82), er lehnte abstrakt argumentierende Philosophien mit ihren „klaren Antworten“ ab. Es geht ihm bei den Lebensfragen (als Hintergrund der Aphorismen) nur darum, den geistigen, auch den religiösen Horizont zu öffnen, in dem eventuell Ansätze von Antworten auf diese Lebensfragen wenigstens ahnbar werden.
Kafka hat keine Vorliebe zur Philosophie entwickelt, hingegen ist sein Interesse am Werk des Philosophen Kierkegaard durchaus bemerkenswert… weil Kierkegaard auch das literarische Erzählen hochschätzt.

Die folgenden Aphorismen wurden dem Buch „Franz Kafka. Betrachtungen über Leben, Kunst und Glauben“ entnommen. Das Buch erschien 2007 im DTV Verlag, es enthält ein Nachwort von Peter – André Alt. Die Seitenangaben zu den jeweiligen Aphorismen beziehen sich auf dieses Buch.

Die hier ausgewählten Aphorismen wurden wegen ihrer Prägnanz und Kürze ausgewählt, vor allem aber, weil sie unmittelbar ins Philosophieren führen. Eigentlich stehen die Aphorismen für sich selbst. Hier wird der Versuch gemacht, kurze, subjektive Hinweise der Interpretation vorzuschlagen.Diese Hinweise können anregen, sich weiter in diese und andere Aphorismen Kafkas zu vertiefen … und andere Interpretationen zu formulieren.

Die Literaturwissenschaftlerin Margarete Kohlenbach hat in ihrem Buch “Franz Kafka in Zürau. 1917-1918” (Transit Verlag, Berlin, 2023) die meisten der dort geschriebenen Aphorismen Kafkas ausfürlich auf  252 Seiten untersucht und sie auf das Leben (und Leiden) Kafkas (dort) bezogen.

Unser Vorschlag zur Lektüre einiger weniger, kurzer offenbar auch “philosophischer” Aphorismen Kafkas ist wesentlich bescheidener, unser Vorschlag will die LeserInnen zu eigener Lektüre und eigener Interpretation ermuntern. Dazu muss man kein Kafka – Spezialist sein. “Die Texte Kafkas verändern unaufhörlich ihren Klang und ihre Farbe”, schreibt der Literaturkritiker Gregor Dotzauer im “Tagesspiegel”( 11.1. 2024, Seite 24).

1.
„Wer sucht, findet nicht. Wer nicht sucht, wird gefunden.“
(Oktavhefte 13. Dezember 1917). S 55.

Wer dem Sinn dieses Satzes folgt, erkennt: Also muss es doch einen Suchenden geben, der dann denjenigen findet, der eben nicht sucht. Ein Widerspruch, mindestens dann, wenn man die Aussage Kafkas auf den menschlichen Bereich bezieht. Das Suchen hier kann man aber als Suchen nach Sinn, nach „Gott“ verstehen. Dann aber sollte man – nach Kafka – aber gerade nicht Gott aktiv suchen. Man sollte stille sein, nichts tun, nichts suchen: Dann wird man gefunden, von Gott, von dem tragenden Lebens-Sinn.

2.
“Man darf niemanden betrügen. Auch nicht die Welt um ihren Sieg.“
(Oktavhefte 8. Dezember 1917). S. 54.

Ein Satz, der an Immanuel Kant erinnert, an dessen absolute Zurückweisung von Lüge und Betrug. Wenn man sich im Sinne Kafkas an diese Maxime (Kants) hält, dann muss man hinnehmen und ertragen, dass „die Welt“ siegen wird. Was ist hier die Welt? Offenbar alles Irdische, alles Ideologische, das Welt, “gegenüber” zu Gott,  diesen „Gott“ ausschließt oder auch einen transzendenten Lebens – Sinn. Wer also niemals jemanden betrügen will, muss die Herrschaft der Welt als dem Nicht – Göttlichen in Kauf nehmen. Sollten wir vielleicht doch etwas betrügen, lügen, damit die Welt gerade nicht siegt? Kant würde nicht zustimmen!

3.
„Wahrheit bringt keine Erfolge. Wahrheit zerstört nur das Zerstörte.“
(An Robert Klopstock, Juni 1922.) S. 57.

Wer sich bemüht, in einer Welt voller Lügen und Verlogenheiten die Wahrheit zu sagen und Wahrheit zu leben und zu tun, wird keinen Erfolg haben mit seiner Haltung, meint Kafka. Die Wahrheit wird sich nicht durchsetzen. Das Engagement zugunsten der Wahrheit kann nur das zerstören und beseitigen, was ohnehin schon zerstört ist und als kaputt und wertlos gilt. „Wahrheit zerstört das Zerstörbare“ ist heute angesichts der Kriege, der Rechtsradikalen Macht und Verbrechen, der Allgegenwart von Lügen etc… eine ziemlich optimistische Überzeugung Kafkas.

4.
Erkenntnis haben wir. Wer sich besonders um sie bemüht, ist verdächtig, sich gegen sie zu bemühen.“
(Oktavhefte 25. Januar 1918). S. 56.

Wissenschaftler, Philosophen, Theologen fallen bei Herrschenden in Ungnade, werden verfolgt, getötet, von jenen, die Macht haben. Wer neue Erkenntnisse mitteilt, stört diese etablierte, alte und selbstverständlich gewordene Erkenntnis und Wahrheit. Solche Störenfriede gilt es auszuschalten, indem man sie „verdächtigt“ eigentlich gar keine weiterführende Erkenntnis zu lehren.

5.
„Wer glaubt, kann keine Wunder erleben. Bei Tag sieht man keine Sterne.“
(Oktavhefte 22.November 1917.) S. 64.

Wer religiös glaubt, lebt förmlich wie selbstverständlich in einer transzendenten Geborgenheit, lebt gleichsam auf sicherem Boden und in einem hoffnungsvollen Horizont. Ein solcher Glaubender braucht keine einzelnen Wunder. Denn das größte Wunder ist für ihn bereits dieser sein Glaube. Darum Kafkas Ergänzung: Wer im hellen Licht lebt, braucht nicht die wunderbaren Sterne, die nur nachts zu sehen sind.Wer glaubt ist im Licht, er braucht keine wunderbaren Sterne.

6.
Und ähnlich ist auch dieser Aphorismus: 
„Wer Wunder tut, sagt: Ich kann die Erde nicht lassen“
(Oktavhefte 21. November 1917.) S. 54.

Wer Außergewöhnliches, Wunderbares leistet, will die Erde, das Leben auf Erden, pflegen und fördern, er „kann die Erde nicht lassen“, er kann sie nicht loslassen, zugunsten einer transzendierenden, über die Welt hinausgehenden und die Welt „überwindenden“ Lebenseinstellung.

7.
„Theoretisch gibt es eine vollkommene Glücksmöglichkeit: An das Unzerstörbare in sich glauben und nicht zu ihm streben.“
(Oktavhefte 19. Dez. 1917,) S. 24.

Haben wir das Unzerstörbare in uns entdeckt, auf das Kafka aufmerksam macht? Unzerstörbar als dauernd bleibend kann nur Ewiges in uns sein. Wer oder was ist der Ewige? Religiöse Menschen nennen ihn Gott. Gott lebt als das Unzerstörbare in uns. Aber, und das ist Kafkas Rat: Streben wir nicht nach ihm. Werden wir nicht zu Aktivisten der Gott – Suche. Gott ist doch schon unzerstörbar in uns. Das ist „vollkommene Glückseligkeit“.

8.
„Du kannst dich zurückhalten von den Leiden der Welt, das ist dir freigestellt und entspricht deiner Natur. Aber vielleicht ist gerade dieses Zurückhalten das einzige Leid, das du vermeiden könntest.“
(Oktavhefte 22. Februar 1918). S. 24.

Wer sich aus den politischen Konflikten, Krisen und Kriegen und damit aus allem Leiden der anderen Menschen fein narzisstisch raushält, der „entspricht“ durchaus seiner nun einmal egoistischen „Natur“. Aber dieser egoistische Rückzug, dieses Ignorieren des Leidens und der Leidenden der Welt, bereitet dem Egoisten dann doch seelisches Leiden. Falls er noch ein Gewissen hat, möchte man ergänzen.

9.
Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg. Was wir Weg nennen, ist Zögern“ .
(Zit. S. 81.)

Eine Erkenntnis Kafkas, die wie ein Motto für viele Politiker damals und heute vor allem gilt: Sie gehen nicht den Weg zum Ziel, etwa zum Frieden, zur universellen Gerechtigkeit, sie stehen bloß irritiert herum, reden viel und „zögern“ nur. Und sie nennen dieses Zögern dann noch ihren politischen „Weg.“

10.
„Geständnis und Lüge ist das Gleiche“.
Verfasst Ende 1920. (zit. S. 91.)

Es gibt in totalitären Regimen ständig die Praxis, die zu Unrecht Verurteilten, also die politischen oder religiösen Feinde, zu einem Geständnis zu zwingen, meist durch grausamste Folter. Die Prozesse in Moskau zu Stalins Zeiten in Berlin im Nazi-Regime oder die Slansky – Prozesse in Prag (1952) oder die „Gerichte“ der katholischen Inquisition sind treffende Beispiele für diese „Geständnisse“ eigener Fehler, diese Geständnisse sind de facto, der Wahrheit folgend, nichts als Lügen. Diese „Lügner“ haben auch nach ihrem Geständnis keine Überlebenschance im totalitären System. Die Romane Kafkas, etwa „Der Prozess“, zeigen in dem Protagonisten Josef K. den „unschuldigen Schuldigen“, auch Josef K. wird trotz Unschuld aufgefordert, „doch bei nächster Gelegenheit das Geständnis zu machen“.

11.
Wenn das, was im Paradies zerstört worden sein soll, zerstörbar war, dann war es nicht entscheidend. War es aber unzerstörbar, dann leben wir in einem falschen Glauben“
(Oktavhefte, 30. Dezember 1917, S. 87.)

Ein Satz der die göttliche Schöpfung von Welt und Menschen (Adam und Eva) meint. Was wurde im Paradies von wem zerstört? Die Menschen zerstörten ihre gehorsame Bindung an Gott und wurden von ihm aus dem Paradies vertrieben. Diese Haltung des Ungehorsams kann durchaus als etwas Zerstörbares, also zu Überwindendes angesehen werden. Dann ist der Ungehorsam nicht wesentlich. Wenn aber diese gehorsame Bindung an Gott als etwas Unzerstörbares, also als Absolutes und selbst schon Göttliches angesehen wird? Dann können wir diese gehorsame Überzeugung nicht akzeptieren, dann “leben wir in einem falschen Glauben”: Wer also Gehorsam absolut setzt, führt in einen „falschen Glauben“…Da hat Kafka – auch aktuell – recht.

Siehe auch Kafka und Kant LINK

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Mit Hanna Arendt denken (lernen)

Über ein neues Buch von Lyndsey Stonebridge
Ein Hinweis von Christian Modehn am 17.5.2024

1.
Ohne eine Verbindung zum Denken Hannah Arendts gibt es offenbar heute keine kulturkritische oder Politik – kritische Veröffentlichung oder Debatte. Ihre Texte aus dem Nachlass werden nun auf Deutsch publiziert, und die LeserInnen sind erstaunt über die Kraft des kritischen Denkens, das in der Forderung gipfelt: Jeder Mensch sollte nicht nur zum eigenen Nachdenken, sondern auch zum reflektierten Urteilen finden. Gregor Dotzauer spricht im „Tagesspiegel“ (am 25.4.2024, Seite 24) zurecht von einer „kleinen Hannah- Arendt-Industrie“. Und diese vielfältige Begeisterung, für Hannah Arendts Erkenntnisse wird sehr bald noch stärker werden: Denn es steht ein kulturell, journalistisch und damit kommerziell ergiebiger runder Gedenktag bevor: Hannah Arends 50. Todestag am 4.Dezember 2025!

2.
Bis dahin werden alle ihre Werke in der „kritischen Gesamtausgabe“ sicher noch nicht vorliegen, über eine website(  LINK ) kann man sich über den Stand der definitiv wissenschaftlich Arendt – Publikationen (mit Ausnahme der Briefe) informieren. So bleiben wir noch auf eine Fülle von Arendt-Büchern und Arendt-Broschüren angewiesen, abgesehen von der genau so großen Menge von Einführungen in das Denken Hannah Arendts.

3.
Über diesen „Arendt – Boom“, wäre eigens nachzudenken: Bei den LeserInnern gibt es vielleicht die Begeisterung für eine Philosophin, die zugleich viel kämpferischer der politischen Theorie verpflichtet ist. Als Jüdin musste sie gerade auch von jüdischer Seite viel Polemik hinnehmen. Aber Anfeindungen für ihre meist präzise, manchmal polemische Position nahm sie in Kauf. Einige ihrer Erkenntnisse haben sich fast wie Slogans durchgesetzt, etwa die These von der „Banalität des Bösen“, formuliert im Erleben des Nazi- Verbrechers Adolf Eichmann anläßlich seines Prozesses in Jerusalem. Oder auch die bleibende Erkenntnis: „Wir haben ein (Menschen-)Recht, Rechte zu haben“, gesprochen nicht nur im Blick auf die vielen staatenlosen und deswegen rechtlosen Flüchtlinge.

4.
Nun hat Lyndsey Stonebridge im C.H. Beck – Verlag eine Einführung zu Hannah Arendt vorgelegt: „Wir sind frei, die Welt zu verändern“ ist der offenbar Mut machende Titel für diese jetzigen Zeiten der Kriege und der Zunahme rechtsradikaler, faschistischer Parteien. Der Untertitel: „Hannah Arendts Lektionen in Liebe und Ungehorsam“. Lieben und gleichzeitig (dem Staat, „der“ Politik, einigen jüdischen Organisationen) ungehorsam sein, ist eine spannungsreiche Beziehung, die sich die Autorin vorgenommen hat. Lyndsey Stonebridge forscht vor allem zur politischen Theorie, sie ist Professorin für Humanities und Menschenrechte an der Universität Birmingham. Mehrfach schon wurden ihre Bücher mit Preisen ausgezeichnet.

5.
Ihr neues Buch (2024 veröffentlicht) versucht in jedem der 10 Kapitel philosophische Themen mit der Biographie, der Werk – Interpretation und der Aktualisierung Hannah Arendts für „uns“, zumal in den USA, zu verbinden. Manchmal entsteht in den Kapiteln eine gewisse Sprunghaftigkeit und oft eine zu knappe Würdigung der dort angesprochenen brisantesten Themen im Denken Arendts.
In Kapitel 2 etwa mit dem Titel „Wie man denkt“ schreibt die Autorin über die Zeit der jungen Hannah Arendt in Königsberg, die Autorin springt dann zu den Mord – Attacken kürzlich in Hanau, um dann zu Martin Heidegger in Marburg zu kommen…Ziel ist immer, die LeserInnen auf die aktuelle Relevanz des Denkens Hanna Arendts aufmerksam zu machen. Ein weiteres Beispiel: Im 10. zentralen Kapitel mit dem Titel „Was ist Freiheit“ geht es auch um das letzte, unvollendete Buch Arendts „Leben des Geistes“, dabei gibt es Hinweise zu ihrer Beziehung mit Heidegger, um Aufenthalte in der Schweiz, um ihre Kant – Lektüren, um den Zustand der us-amerikanischen Politik in den Jahren ab 1970, mit einem Sprung dann zu Trump und – nebenbei auch der Hinweis: Der junge Senator Joe Biden hätte im Jahr 1975 Hannah Arendt um ein Exemplar ihres Vortrages in Boston gebeten.

6.
Das Buch kann aufgrund der lebendigen Darstellung eine Hilfe für diejenigen sein, die sich bisher noch nicht über Hannah Arendt informiert haben. In der Schwebe lässt die Autorin: Ist Hannah Arendt eine Philosophin (im klassischen Sinne), ist sie eine „brillante Theoretikerin“ (S. 306) oder ist sie vor allem eine Spezialistin der politischen Theorie? Arendt selbst bevorzugte den etwas komplizierten Titel „Theoretikerin der Politik“. Als Philosophin im klassischen (deutschen) Sinne verstand sie sich wohl nicht, auch wenn sie immer anerkannte: Durch ihren Liebhaber und Lehrer Martin Heidegger das Denken, also das philosophische, gelernt zu haben.

7.
Manche Aussagen der Autorin Lyndsey Stonebridge finde ich problematisch, etwa wenn sie eher flapsig schreibt: “Nachdem er (Heidegger) das Sein über Bord geworfen hatte…“ (Seite 71). Heidegger hatte nie das Sein „über Bord geworfen“, also auf die Erörterung der Seins-Frage verzichtet. Wenn die Autorin „Sein“ allerdings als welthafte Realität meint, hat sie vielleicht recht, aber dieses dinghafte Sein meinte Heidegger gar nicht.

8.
Viel zu knapp wird meines Erachtens Arendts kritisch reflektierte Stellung zum Zionismus dargestellt. In einem Artikel über „Zionism“, 1945 in New York veröffentlicht, kritisiert sie deutlich das Beharren einiger Zionisten auf einer Staatsgründung in Palästina: „Dies ist die kritiklose Übernahme des Nationalismus in seiner deutschen Version“, so in der deutschen Ausgabe des Textes auf Seite 159 (in H.A., Die verborgene Tradition, Suhrkamp, 2016). Auch Micha Brumlik weist in seinem Beitrag in „H.A. und das 20. Jahrhundert“ auf dieses Zitat hin, S. 22). Und Susie Linfield will in ihrer Publikation in der „Yale University Press (2020) differenzieren: Und auch könne man nicht plausibel argumentieren, dass Arendts Ansichten zum Zionismus immer einer übergeordneten Logik entsprachen. (Im Original: Nor can one plausibly argue that there was always an overriding logic to her views on Zionism.“)
9.
Die Autorin Lyndsey Stonebridge hat gewiss viel Sympathien für Hannah Arendt. Das heißt nicht, dass sie doch einige kritische Hinweise gibt, etwa den Umgang Arendts mit der Geschichte des Kolonialismus (etwa S. 150). Auch die Verschwiegenheit Arendts über das private,„intime“ körperliche Leben wird erwähnt: „So bleibt in ihren überlieferten Schriften auch ihr Körper stets gewissenhaft den Blicken entzogen“. Und warum Hannah Arendt trotz aller Kritik nach 1945 an ihrem einstigen Liebhaber Martin Heidegger doch weiterhin stärkeres Interesse hat, wird in dem Buch nicht recht deutlich. In Hannah Arendt Buch „Menschen in finsteren Zeiten“ ist ihr Radio – Vortrag anläßlich des 80. Geburtstages Heideggers (1969) veröffentlicht. Er habe sie das Denken gelehrt, heißt es auch dort. Heideggers Verstrickung in den Nationalsozialismus wird von Arendt eher kurz und allgemein erwähnt. Befremdlich ist, dass sie sogar Heideggers „Spätphilosophie“ noch als anregend und wohl auch verständlich – nachvollziehbar empfinde.
Wichtig ist, dass die Autorin die geistige, sehr freundschaftliche Verbundenheit mit Karl Jaspers betont. Bei ihm verfasste Arendt ihre philosophische Promotion über die Liebe im Denken des Heiligen Augustinus. Hannah Arendt hatte sich als achtzehnjährige, damals aus Königsberg kommend, in Marburg bekanntlich neben Philosophie auch für Evangelische Theologie und Griechisch eingeschrieben. Warum eigentlich auch für evangelische Theologie, wäre eine Frage. Dass Arendt durchaus Sympathien für einzelne Katholiken hatte, ist seit ihrem Beitrag über Papst Johannes XXIII. „Angelo Giuseppe Roncalli. Der christliche Papst“ bekannt (veröffentlicht in „Menschen in finsteren Zeiten“) LINK.

10.
Hanna Arendt ist auch heute zweifellos eine Lehrerin des kritischen Denkens und selbstbewussten Urteilens, also eine Lehrerin geistvollen, humanen Lebens. Aber dass sie umfassend eine „Meisterin“ für heute sei, wäre eine Überforderung. Ob man mit Arendts Werken den geradezu universellen Rechtsruck in Europa, bis hin zum Rechtsradikalismus und Faschismus, verstehen kann, ist die Frage. Genauso gilt dies für die Radikalisierung vieler Muslims zu Fundamentalisten oder auch vieler Christen zu Evangelikalen. Feminismus war auch für sie kein großes Thema. Und zur aktuellen Klima-Katastrophe hat sie speziell eher wenig zu sagen.

11.
Die Menschen heute aber halten sich sehr gern an eine – dem ersten Eindruck nach – „leicht lesebare“, mutige Philosophin bzw. Theoretikerin der Politik. Sie lieben ihre meist stringenten Argumentationen, schätzen ihr Eintreten für die Menschenrechte, ihren Kampf gegen den Juden-Hass. Einer solchen Frau und ihrem vielfältigen, umfangreichen Werk zu begegnen, führt ins lebendige Leben des Geistes und …ins „tätige Leben“.

Lyndsey Stonebridge, „Wir sin frei, die Welt zu verändern“. Hannah Arendts Lektionen in Liebe und Ungehorsam. Übersetzt von Frank Lachmann, C.H. Beck Verlag, 351 Seiten, 26€.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Marienlieder: Die Frommen wissen nicht, was sie singen.

Unverständliches, Merkwürdiges, Entfremdendes in Marien-Lledern
Ein Hinweis von Christian Modehn am 13.5.2024.

Warum dieser Hinweis? Weil die immer noch üblichen Marien – Lieder der beste Beweis sind, dass die katholische Kirchenführung sich der vernunft-gestützten Inhalte von Liedern und Gebeten verweigert, von der Verweigerung, feministische Dimensionen in den Marien – Liedern zu entwickeln, ganz zu schweigen. Diese üblichen Marien – Lieder sind der Beweis: Diese Kirche setzt auf volksreligiöse, intellektuell unkontrollierte Frömmigkeit und unsinnigen Wunder – Glauben. Die Kirchenführung will die Vernunft vor den Kirchentüren zum Stillstand bringen. Sie demonstriert also ihre Zurückweisung gegen die Moderne. Weiteres Beispiel: Ablehnung der Demokratie (also auch umfassende Synodalität der Gleichberechtigung aller) in der Kirche.

1.
Theologie, die den Anspruch hat, kritisch zu sein, kann im Jahr 2024 nicht darauf verzichten, auch kritisch die in den katholischen Gottesdiensten auch heute noch üblichen Lieder, zum Beispiel die Marien – Lieder hinsichtlich ihres Textes zu untersuchen. Über die musikalische Qualität wollen wir schweigen.

2.
Wenn der christliche Glaube eine begründete Lebensorientierung sein will, kann er nicht darauf verzichten zu prüfen, mit welchen Inhalten denn die Menschen etwa in den Liedern konfrontiert sind, die zu singen sie in Gottesdiensten aufgefordert werden.

3.
Wir konzentrieren uns hier nur auf katholische Kirchenlieder, evangelische kann man später vom Inhalt untersuchen und auch dort fragen: Was ist nachvollziehbare, aber anspruchsvolle religiöse Poesie auch im Jahr 2024 in West – Europa? Was ist schlicht und einfach mitgeschleppter religiöser Wahn aus dem 16. bis 20. Jahrhundert.

4.
Unsere Analysen fallen knapp aus, sind eben Hinweise für weitere Forschungen und es können längst nicht alle Marien – Lieder untersucht werden.

5. BEISPIELE:
„Freu dich du Himmelskönigin“, Gotteslob Nr. 576.

Da werden die singenden Gläubigen im Text dieses sehr beliebten Liedes aufgefordert: Sie sollen Maria im Himmel („Himmelskönigin“) zurufen: Maria freu dich im Himmel, darüber, dass alles Leid, also auch das Leid Marias, „hin ist“, wie es im Text heißt. Nicht die Gläubigen sollen sich primär freuen, dass Jesus von Nazareth „auferstanden“ ist, nein: Maria im Himmel soll sich freuen über ihres Sohnes Auferstehung. Bei so viel Freuden – Zuspruch der Irdischen an die Himmelsköngin fehlt nicht das Flehen am Schluss: Sie solle doch im Himmel, bei Gott, „für uns (Menschen) bitten…

6.
„Lasst uns erfreuen herzlich sehr“, Gotteslob Nr. 585.

Da sollen sich die Gläubigen über die Auferstehung Jesu von Nazareth freuen. Warum? Wieder ein befremdlicher Gedanke: Weil Maria nicht mehr „seufzt und weint“. Nicht die Gläubigen sollen sich freuen, nicht sie sollen aufhören zu weinen, sondern bestenfalls über den Umweg, dass sich Maria im Himmel freut. Darf man ein solches Denken „entfremdend“ nennen? Gewiss!
Nebenbei: Als ich einst im Kloster war, haben kritische „Mitbrüder“ eher in leisen, ängstlichen Tönen anstelle von „Maria seufzt und weint nicht mehr“ gesungen: „Maria säuft, aber weint nicht mehr“. Das war natürlich etwas blasphemisch, aber der Beginn eines frommen religionskritischen Bewusstseins.
Ganz schlimm wird es in Strophe 5, wo die Frommen singen: „Aus seinen Wunden fließen her, Halleluja, fünf Freudenseen, fünf Freudenmeer, Halleluja“! Verstehe es, wer Laune hat: Jedenfalls gehören solche Liedchen zur „Denken beim Singen bitte abschalten“. Kann man ja noch machen, wer will, es werden immer weniger, die dieses Lied im Ernst mit – singen wollen und können.
Schon komisch, dass solch ein Gesangbuch 1975 (sic) noch erscheinen konnte. Haben die Theologen damals geschlafen?

7.
„Meerstern, sei gegrüßt“, Gotteslob Nr. 578.

Maria als Meeres- Stern zu verehren, ist ein alter Glaube aus Seefahrerzeiten.
Aber der Text in Strophe 1 geht weiter: „Gottes hohe Mutter, allzeit reine Jungfrau, selig Tor zum Himmel“.
Da werden Behauptungen gemacht, die viele Christen heute nicht mehr nachvollziehen können: Maria als Gottes Mutter: Gott hat also eine Mutter. Ist dann diese Frau eben als Mutter früher gewesen als Gott, der Ursprung von allem. Ist dann Maria eine Art Ur-Göttin?
Maria als allzeit reine Jungfrau finden viele, als Formel verwendet, doch sehr problematisch: Maria als wirkliche Frau ist viel näher bei den Menschen… Und ist Maria das „Tor zum Himmel“, also zur Erlösung als „Sein mit Gott“. Kann an ernsthaft auch nicht singen. Denn wenn es eines (von vielen!) Toren zum Himmel gibt, dann wohl die humane Gestalt des Jesus von Nazareth.
Und dieser „Meeresstern“ soll in Strophe auch noch „der Schuldner Ketten lösen“…Das wäre aktuell wirklich wichtig. Macht Maria als Maria im Himmel aber nicht. Als Frau in Nazareth hat sie Schuldner unterstützt? Vielleicht!

8.

„Die Schönste von allen, von fürstlichen Stand“…(Nr. 864)

Jedes Bistum hat noch einen eigenen regionalen, Bistums – speziellen Anhang von Liedern. Und da wird das Nachdenken noch öfter ausgeschaltet. Den BerlinerInnen 2024 wird etwa zugemutet zu singen: „Die Schönste von allen, von fürstlichem Stand, kann Schönres nicht malen ein englische Hand“.
Wollen wir Demokraten wirklich eine Fürstin verehren? Die Dame aus Regensburg, Fürstin G. Von T. Und T. reicht uns völlig. Und auch diese Frage ist wichtig: :Was ist eine „englische Hand“ ? Kommen da die Briten zu Ehren? Die englische Hand bezieht sich auf die Hände der Engel. Seit wann Engel als totale Geistwesen denn nun Hände haben, fragt sich manch ein Sänger und fasst sich an den Kopf.
Diese himmlisch Frau, so wird behauptet, hat zudem „eine goldene Krone“, ein „Zepter“ führt sie, sie ist zudem „eine starke Heldin“. Wirklich beeindruckend! Und schon wieder geht s auch in der 2. Strophe ums Englische, da heißt es: „mit englischem Schritt der höfischen Schlange den Kopf sie zertritt“. Natürlich hat der englische Schritt wieder nichts mit Great Britain zu tun, man denke also nicht an das rüstige Gehen der greisen Königin Elisabeth II., nein: Maria soll mit dem Schritt eines Engels die höllische Schlange zertreten…
„Die Phantasie der Frommen gebiert Ungeheuer“ möchte man nun in Abwandlung des bekannten Capriccios (Nr. 43) von Francisco Goya sagen mit dem Titel. „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“.

9.
Wir wollen diese Hinweis auf nun wirklich sehr befremdliche Texte abbrechen, mit einigen sprachlichen Hinweisen noch aus anderen Marienliedern, die noch speziell im Gesangbuch für die Menschen im Bistum Berlin (1975 veröffentlicht) zum Singen anempfohlen werden.
In Nr. 866 „Wunderschön prächtige…“ wird Maria die „Sonnenumglänzete, die Sternumkränzete“, sogar „die Leuchte“ genannt, in Strophe 3 wird Maria gleichzeitig „Du Gottes Tochter und Mutter und Braut“ genannt…ja was denn nun: Tochter Gottes oder Mutter Gottes oder Braut .. von wem, vielleicht vom heiligen Josef? In Strophe 4 wird ein neues Wort erfunden, Maria sei der „Spiegel der Reinigkeit“ (sic)…Bitte erklärt mir, liebe Herausgeber dieses Gesangbuches, was ein „Spiegel der Reinigkeit“ ist. Doch wohl kein neues Presse – Erzeugnis aus dem Hause Augstein?

10.
Die Frage soll diskutiert werden: Wie oft und wie schnell wird in vielen offiziell katholischen Marien – Songs die Grenze von Glauben zum Aberglauben überschritten? Kaum zu zählen!
Braucht die katholische Kirchenführung diese Art von vertrackter Marien – Frömmigkeit, um die Frauen ins Mysteriöse abzuschieben, um ihnen nicht Gleichberechtigung (etwa Zugang zum Priesteramt) zu gewähren? Sehr wahrscheinlich. Solange solcher Schmarren gesungen wird, wird sich für Frauen nichts ändern in der katholischen Kirche.
Maria als Frau, als mutige Frau, als leibliche Mutter Jesu und dessen Geschwister, von ihrem Mann Josef gezeugt, könnte doch TheologInnen inspirieren … auch zum Lieder Komponieren, wenn man denn das noch will. Passiert aber nicht, oder eher sehr am Rande.

11. Zusammenfassung:
Die Autoren dieser Lieder damals wussten in ihrem totalen spirituellen Überschwang nicht, was sie da alles sich so zusammen reimten. Hauptsache das Reimen, wie dumm auch immer, stimmte, Theologie war egal. Und die – naturgemäß – wenig nachdenklichen Frommen jubelten mit und wussten gar nicht, was sie da alles so singen. Das ist ja ein weit verbreitetes Phänomen, man denke daran, dass der widerwärtige Text der Nationalhymne Frankreichs immer noch geschmettert wird, sicher ganz laut, wenn denn die rechtsextreme Marine Le Pen Präsidentin wird…

Die Herausgeber solcher offiziellen katholischen Lieder für Menschen im Jahr 1975 wussten gar nicht, wie viel Aberglauben sie den heutigen Katholiken zumuten können.

Und die Singenden heute? „Sie wissen nicht, was sie da singen“. Kann man ja machen, bei vielen Schlagern wird auch heute noch viel Unsinn und Blödsinn gesungen. Aber ist das eine Entschuldigung dafür, dass in Gottesdiensten nicht nachvollziehbare Texte gesungen werden? Gottesdienste sollen als geistliche Dienste an den Menschen einen reifen, einen denkenden, einen kritischen Gläubigen unterstützen und pflegen wollen. Diese Lieder sind eine geistige und theologische Katastrophe. Kann man diese Katastrophe noch bewältigen oder wenigstens einschränken: Aufklärung tut not. Wird aber nicht passieren in dieser Kirche, die, wie Papst Franziskus kürzlich richtig sagt, eine „absolute Wahl – Monarchie“ ist.

Zu den Marienliedern: LINK.

Zur Marseillaise: LINK.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

 

 

Über „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ (Immanuel Kant,1793).

WARUM sollen wir uns mit Kants Religionsschrift auseinandersetzen und von ihr lernen?

Einige unvollständige Hinweise von Christian Modehn, geschrieben am 30.4.2024

Vorwort:
Weil Kant argumentierend sich gegen kirchlichen und sonstigen religiösen Fundamentalismus wendet, sollen wir jetzt die „Religionsschrift“ lesen und diskutieren.
Weil Kant zeigt: Religiöses Leben ist – auch im Sinne der Lehren Jesu von Nazareth – ethisches Leben, das den Grundsätzen der Vernunft entspricht.
Kant zeigt, nur ein hinsichtlich der Dogmen stark reduzierter Glaube, lässt eine menschenwürdige Form eines religiösen Lebens zu.
Kant zeigt: Es gibt die Möglichkeit, in dieser verrückten gewalttätigen religiösen Welt eine Art vernünftige Weltreligion aller Menschen zu denken und auch realisieren. Kant spricht von der „unsichtbaren Kirche“, die alle Menschen vereint.
Kant wehrt sich gegen die Vorstellung, religiös oder gar christlich seien jene Menschen, die an Wunder glauben, sich wie Kinder naiv an den herrschenden Klerus binden („Pfaffen“ sagt Kant) und meinen, mit religiösem Trallala in Gesängen und Riten, Wallfahrten etc. irgendetwas Sinnvolles für sich selbst und ihre seelische Reife zu tun: Das ist Entfremdung von der freien Selbstbestimmung des eigentlich vernünftigen Menschen. Er kann ja religiösen Trallala sehr moderat zum Spaß praktizieren, aber immer wissen: Religiöses Leben im Sinne des Lehrers Jesus von Nazareth ist etwas anderes: Ein ethisches Leben allein ist Gott wohlgefällig. Moralisch meint bei Kant: Den Grundsätzen der Freiheit und des Kategorischen Imperativs entsprechend

1.
Einige LeserInnen haben uns gebeten, angesichts der Lektüre unserer Texte zu Kants Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie eine, für weite Kreise bestimmte, hoffentlich dann auch zugängliche Hinführung zur Lektüre vor allem des 4. Kapitels dieses Buches zu schreiben.

2.
Kant plädiert, oft in mühsamen Formulierungen, für die Vernunftreligion, die sich dem Menschen aus der Reflexion auf die Vernunft selbst ergibt … mit ganz wenigen Grundsätzen, wenigen elementaren Glaubenslehren.
„Von dieser natürlichen“, d.h. vernünftigen, „Religion kann jedermann durch seine Vernunft überzeugt werden“ (B 232). Schon im „Dritten Stück“ des Buches heißt es: „Reiner Vernunftglaube beweist sich selbst“ (B 194)

3.
Zwei zentrale Erkenntnisse sind entscheidend für den Vernunftglauben: „Gott ist Urheber der moralischen Welt“. Und: „Es gilt der Vernunftbegriff der Unsterblichkeit.“ Davon kann man jeden „praktisch hinreichend überzeugen“ (B 236.)
Die Kirchenreligion der etablierter Art ist eine „gelehrte Religion“, d.h eine solche, deren Dogmen nur durch Prediger eingepaukt“ werden kann, also von außen indoktriniert wird. Kant spricht in dem Zusammenhang auch von (belastenden, entfremdenden) „Fronglauben“. Er bezieht sich auf Statuten der Religion, ist also ein „statuarischer Glaube.“

4.
Es geht Kant in dieser Schrift also um die Beförderung der entscheidenden Tugendgesinnung durch die Religion (das Christentum). Und Tugendgesinnung wird sichtbar in (moralisch) gutem Lebenswandel. Der wahre religiöse Mensch für Kant ist nicht jemand, der göttliche Gebote bloß äußerlich verehrt, (B 312), ohne dabei „den Willen des himmlischen Vaters tut (ebd.).

5.
Der vernünftige „natürliche ehrliche Mensch“ „auf den man in Geschäften und in Nöten vertrauen kann“ (B 313), wird von Kant gelobt als Beispiel der gelebten Tugendgesinnung. Der „ehrliche Mensch“ wäre also auch der säkulare Humanist oder der „vernünftig Religiöse.“ Ein solcher Mensch ist für Kant dem religiösen Menschen, der auf Gottes himmlische Gnaden vertraut, ebenbürtig. Die Frommen können den Vergleich mit den ehrlichen einfachen Menschen kaum aushalten, meint Kant.

6.
Am Ende seiner Religionsschrift spricht Kant vom WAHN des dogmatischen Glaubens. (B 301) . Wahn ist etwa der Glaube an Wunder.
Auch „das zur Kirche gehen“ als Gnadenmittel zu gebrauchen ist ein Wahn. (B 308.) Wahn gibt es auch bei der Taufe: Alle Sünden werden abgewaschen, heißt es in der griechischen Kirche. Dieser Wahn ist „fast mehr als ein heidnischer Aberglaube“. (B 310.)

7. Wesentlich ist:

Es geht zentral um die Erkenntnis des Unterschiedes :
– Die geoffenbarte, satzhafte, mit Büchern der Offenbarung, ausgestattete Religion wird von Klerikern beherrscht. Diese Religion soll letztlich überwunden werden.
– Und die sich aus der Reflexion der Vernunft selbst ergebende „natürliche“ Vernunftreligion. Diese ist allen Menschen zugänglich. Sie soll gefördert werden.

Beide Religionsformen sind im Christentums durchaus miteinander verbunden: Es kann in der geoffenbarten Religion etwas an Einsicht sein, das mit der allgemeinen Vernunft korrespondiert. Kant spricht vom „Keim“ des wahren Religionsglaubens. Auch in der kirchlich geprägten, der geoffenbarten Religion gibt es vernünftige Elemente, auf die die Menschen von selbst hätten kommen können. Darum kann Kant sagen, religiös gesehen sei seine Zeit die beste: Denn der allgemeine Vernunftglaube habe Keime in der Kirchenreligion, es gibt für Kant also eine Annäherung an die von ihm angezielte „unsichtbare Kirche aller guten Menschen“.

8.
Die Vernunftreligion lebt in einer „unsichtbaren Kirche“, diese ist ohne Strukturen, aber sie kennt durchaus Lehrer, die herrschaftsfrei die Vernunft-Religion erklären. DIESE VERNUNFTRELIGION SOLL ALS WELTRELIGION AUSGEBREITET WERDEN (B 237). Sie braucht eine Dienerschaft, aber keine Kirchenbeamten. Die Vernunftreligion der einzelnen existiert nicht als feste Organisation.

9.
Warum hat Kant diese Schrift verfasst, wo er doch stark von der Zensur des preußischen Staates bedroht war:
Kant zeigt, das er alles andere als eine Vernichter der metaphysischen, also der aufs Göttliche bezogenen Reflexionen ist.
Er spricht argumentierend von Religion. In seinen Hauptschriften hatte Kant den Begriff der Erkenntnis auf die begriffliche Wahrnehmung der Objekte der Außenwelt bezogen. Seine Darstellungen zur Religion sind also streng genommen, im Kantischen Sinne, keine „Erkenntnisse“, sondern eher in Begriffen gefasste Denk – Notwendigkeiten. Aber sofern sie begründet sind, kann man über Kant hinaus gehend diese seine Aussagen durchaus auch im weiteren Sinne Erkenntnisse nennen, denke ich.

10.
Es geht Kant auch in dieser Schrift um einen Durchbruch in der Religions- und der Kirchengeschichte: Es geht ihm um die Förderung der natürlich genannten Vernunft – Religion. Diese ist tatsächlich die in aller Menschen Herz geschriebenen Religion (B 239. ) Sie hat in Jesus einen Lehrer. Jesus ist das Ideal der gottwohlgefälligen Menschheit. Aber Jesus ist für Kant kein Gott-(Mensch).

11.
Nur die „reine moralische Herzensgesinnung“ (B 240) ist religiös und menschlich entscheidend. Diese Forderung des praktischen moralischen Lebenswandels ALS gelebte Religion entspricht den Vorstellungen Jesu von Nazareth: Für ihn ist das menschlich gute Leben Kriterium für ein Gott wohlgefälliges Leben (B 242). Insofern zeigt Jesus selbst schon eine vernünftige Religion, die allen Menschen durch ihre eigene Vernunft verständlich vorgelegt werden kann. (B 246.)

Der Text Immanuels Kants: LINK

Siehe auch diese weiteren Hinweise zu Kant von Christian Modehn:

LINK

LINK

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Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

75 Jahre Grundgesetz: Für eine Demokratie, einen Rechtsstaat, der sich verteidigt

Radikale Gruppen wollen in Deutschland anstelle der Demokratie das Kalifat, den Gottesstaat.
Ein Hinweis von Christian Modehn am 6. 5. 2024.

1.
Vor 75 Jahren, am 24. Mai 1949, trat das „Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland“ in Kraft. Der 23. Mai wird als „Verfassungstag“ gefeiert und auch „bedacht“: Vom 24. bis 26. Mai 2024 wird es rund um das Bundeskanzleramt und den Deutschen Bundestag ein großes Demokratiefest geben.

2.
„75 Jahre Grundgesetz“ : Das Ereignis ist bei aller Anerkennung der insgesamt „stabilen“ Demokratie, auch nach dem (übereilten?) Beitritt der DDR zur BRD-Verfassung, jetzt von der Erkenntnis bestimmt: Wir leben zunehmend in einer „gefährdeten Demokratie“. Darin sind sich die meisten Demokraten in Deutschland einig.

3.
Es geht jetzt entschlossen darum, in politischer Tat, für die Bewahrung der Demokratie und die demokratische Weiter – Entwicklung Deutschlands einzutreten. Eine Herausforderung, die alle wenigen, noch verbliebenen demokratischen Staaten, in irgendeiner Weise gestalten müssen. Neue Formen des Dialogs, der Überzeugung, der Debatte, der Teilhabe der Bürger am politischen Geschehen sind wichtig. Alles schon hundertmal gesagt. Auch über den Ausschluss (das Verbot) bestimmter gewalttätiger Gruppen aus dem Ganzen des demokratischen Zusammenhangs muss debattiert und dann wirksam entschieden werden.

4.
Die AFD nennt sich „Alternative für Deutschland“. Diese Partei ist aber nichts anderes als eine Alternative zu Deutschland, d.h. zur Demokratie in Deutschland. Ein autoritärer Staat ist das Ziel dieser rechtsradikalen Partei mit Führern, die man nun offiziell Faschisten nennen darf. Um so verlogener, wenn die AFD jetzt – angesichts der Grundgesetz Feierlichkeiten – groß tönend die Demokratie in Deutschland lobt: Die AFD ist also dankbar, dass sie in unserer Demokratie wachsen und gedeihen kann … bis sie dann eines Tages die Demokratie abschafft. Wer das sieht und auch noch „einfach so“ hinnimmt, begeht einen kontinuierlichen Suizid der Demokratie. Die Rechtsextremen sind in Deutschland und in den anderen europäischen Demokratien und Rechtsstaaten die größte Gefahr für eine humane Zukunft.

5.
Die Debatte über Formen des Widerstands gegen die AFD und andere rechtsextreme Parteien und Gruppen wird also – hoffentlich – im Mittelpunkt des Gedenkens „75 Jahre Grundgesetz“ stehen.

6.
Den „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ interessiert die Frage: Wie geht die Demokratie in Deutschland mit religiösen Gruppen und religiös sich nennenden Organisationen um, die die demokratische Verfassung ignorieren und Demokratie abschaffen wollen, etwa zugunsten eines Gottesstaates, eines Kalifates. Ob diese Gruppen hinsichtlich der Form ihrer angedachten Herrschaft selbst rechtsextrem zu nennen sind, ist eine Frage, die hier nicht diskutiert wird. Hier geht es um fundamentalistische religiöse Gruppen, in denen so genannte Kleriker herrschen sollen: Sie wollen die angeblich von Gott selbst übermittelten menschenrechtsfeindlichen Grundsätze durchsetzen. Jegliche Trennung von Religion und Staat ist in einem politischen Kalifat ausgeschlossen.
Das Thema steht im Mittelpunkten Debatten, weil etwa eine – zwar – nicht repräsentative Studie zeigt: Fast die Hälfte einer in Niedersachen befragten Gruppe muslimische Schüler meinte, ein islamischer Gottesstaat sei die beste Staatsform. Noch problematischer: Während einer Demonstration in Hamburg am 28. April 2024 sind einige hundert Menschen ganz offen für die Einführung des Kalifates in Deutschland eingetreten: „Kalifat ist die Lösung“, hieß es auf einem der Plakate. Oder: „Kalifat ist die Lösung“. (Nur eine von vielen Quellen: https://www1.wdr.de/nachrichten/dieanderefrage-scharia106.html)

7.
Man kann diese aktuellen Forderungen nach einem Gottesstaat in Deutschland im Jahr 2024 nicht in Verbindung bringen mit dem bekannten Spruch aus dem Neuen Testament: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apostelgeschichte, 5,29). Dieses Bekenntnis der Apostel richtet sich gegen die Umgangsformen der hohen Vertreter des Judentums: Die kleine Gemeinde der Jesus – Gläubigen wollte mit dieser Forderung auf ihrem eigenen Verständnis der göttlichen Wirklichkeit bestehen, gegen andere Deutungen der religiösen Mehrheit der Juden. Dieser Spruch des Neuen Testaments bezieht sich also auf einen inter-religiösen Streit, er hat gar nichts mit der radikalen Profilierung bestimmter Religionsgemeinschaften in einer modernen Demokratie zu tun.
Wenn man schon diesen Spruch aus der Apostelgeschichte des Neuen Testaments verallgemeinern will, kann er nur lauten: „Christen sollen im Konflikt mit autoritären, diktatorischen (!) Staaten ihrem Gewissen folgen und nicht den ungerechten Gesetzen dieser Staaten.“ In einer Demokratie, einem Rechtsstaat, hat dieser genannte Bibelspruch keine politische Bedeutung. Dass etwa die Päpste als „Stellvertreter Christi auf Erden“ (katholische Kalifen ?) auch maßlos politische Herrschaft beanspruchten, ist historisch evident. Dass es Katholiken heute noch gibt, die von der Durchsetzung katholischer und für göttlich gehaltener moralischer Forderungen träumen, ist genauso zweifelsfrei. Aber diese Kreise sind – bis jetzt – nicht bestimmend im Katholizismus innerhalb demokratischer Staaten.

8.
Mit unserem Hinweis auf Forderungen, das politische Kalifat in Deutschland zu errichten, wird selbstverständlich überhaupt nicht und ganz und gar nicht unterstellt, „der“ Islam in seiner Vielfalt halte das Kalifat in Deutschland für wichtiger als das Grundgesetz. Es gilt aber wachsam zu sein: „Die wachsame, weil bedrohte Demokratie“ ist das Motto der Gegenwart:
Und dann gilt es, endlich umfassend wahrzunehmen: Auch innerhalb der Religionen machen sich rechtsradikale, fundamentalistische und gewalttätige Tendenzen stark. Das gilt etwa für evangelikale Christengemeinden in den USA, man denke an den Sturm auf das Kapitol in Washington am 6.1.2021: Fundamentalistische Christen waren an der Gewaltaktion maßgeblich beteiligt. Man denke auch an die gewalttätigen Aktionen evangelikal – charismatischer Unterstützer für Präsident Bolsonaro in Brasilien usw. Von der religiös motivierten Gewalt in Diktaturen soll hier gar nicht die Rede sein: Religion ist für diese Herrscher sozusagen die himmlische, absolut geltende Entschuldigung für alle ihre Untaten gegen die Menschenrechte. In solchen Fällen denkt der Demokrat oft: Gäbe es doch bloß diese (fundamentalistischen Interpretation der) Religionen nicht, wie „nackt“ und blamiert und geistig hilflos würden dann die totalitären Herrscher dastehen.

9.
Zu unserem aktuellen „Scharia“ – Kalifat – Problem in Deutschland: Den Autoren des Grundgesetzes stand dieses Thema 1949 überhaupt nicht vor Augen. Dennoch muss das Problem mit den Mitteln des Grundgesetzes von 1949 gelöst werden.

10.
Es galt und es gilt: Artikel 4, Absatz 1 des Grundgesetzes: „Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich“. In Absatz 2 heißt es: „Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.“ Das heißt: Religiöse Menschen, nicht-religiöse Menschen, Atheisten … haben gleichberechtigt Anteil an dieser Freiheit des Glaubens.
Der Artikel 140 des Grundgesetzes folgt weithin den Artikel der Reichsverfassung von Weimar (WRV, 1919), darin wird das Kirche – Staat – Verhältnis in Deutschland definiert. Es „besteht keine Staatskirche“ (Art. 137). Das Grundgesetz sieht eine milde zu nennende Form der Trennung von Kirche und Staat vor, aber das speziell ist nicht unser Thema. Wichtig in unserem Zusammenhang: Artikel 137, § 3: „Jede Religionsgesellschaft ordnet und verwaltet ihre Angelegenheiten selbständig“, und zwar, wie es ausdrücklich heißt, „innerhalb der Schranken des für alle geltenden Gesetzes.“

11.
Das Grundgesetz ist also bestimmt von einer weltanschaulichen, religiösen Neutralität des Staates. Kein Vertreter irgendeiner Religion darf sich ermächtigt fühlen, politisch zu herrschen. „Staat ohne Gott“ ist also der richtige, für eine Demokratie einzig angemessene Titel, des Buches des Rechtsphilosophen Horst Dreier zur Verhältnisbestimmung von Religion und demokratischem Staat: Die Demokratie braucht keinen Gott irgendeiner Religion. (Zum Buch von Horst Dreier, siehe Fußnote 1).

12.
Das heißt aber nicht, das dieser demokratische Staat selbst eine gottlose Ideologie entwickeln und vertreten darf: Der demokratische Staat hat deswegen keinen eigenen Gott, weil er – prinzipiell – alle Götter aller Religionen und Konfessionen gleichberechtigt sich entfalten lässt. Weil die Demokratie zu ihrer eigenen Legitimierung keine (Staats -) Religion braucht, kann sie umfassende Religionsfreiheit gewähren. Die Demokratie pflegt und anerkennt die religiöse Pluralität. Und die Demokratie in der deutschen Verfassung steht zu allen Religionen in der gleichen Distanz. Um das „Seelenheil“ des Bürgers, seine innere, persönliche religiöse Ideologie kümmert sich die Demokratie nicht. Die Gestaltung des Seelenheils eines Bürgers geht den demokratischen Staat nichts an. Jeder und jede suche selbst auf seine Weise sein „Seelenheil“ in irgendeiner der Religionen oder auch atheistischen Weltanschauungen.

13.
Diese Bestimmungen des Grundgesetzes entwerfen förmlich eine ideale Situation des Miteinanders von Staat und Religionen in Deutschland. Die Gefährdung der Demokratie in Deutschland durch radikale, extreme und tendenziell gewalttätige religiöse Gruppen war selbst für den renommierten Staatsrechtler Horst Dreier kein Thema, als er sein Buch „Staat ohne Gott“ im Jahr 2018 veröffentlichte.
Dreier schreibt auf Seite 63 die heute brisant wirkende Einschätzung: : „Religionsfreiheit stellt eine radikal individuelle Rechtsposition dar, die ohne jede Verpflichtung auf den Staat gewährleistet wird und auch bei inhaltlicher Fundamental – Opposition ihm (dem Staat) gegenüber ohne Abstriche garantiert wird.“ Religionsfreiheit soll also auch „bei inhaltlicher Fundamental – Opposition ihm (dem Staat) gegenüber ohne Abstriche garantiert“ sein?
Hintergrund für diese Aussage ist zunächst die richtige und gültige Erkenntnis: Der Staat darf die innere religiöse Gesinnung seiner Bürger nicht prüfen, geschweige denn bewerten und kontrollieren. „Rechtsgehorsam muss genügen“, also die formale Befolgung der Gesetze, auch wenn der Handelnde gar nicht die Grundsätze der Verfassung und der ihr folgenden Gesetze schätzt.. . und etwa nur aus Angst vor Strafe die Gesetze respektiert…

14.
Natürlich entspricht es dem Geist der Demokratie und des Rechtsstaates: Zuerst mit allen Gegnern und auch Feinden der Demokratie und des Rechtsstaates zu sprechen. Doch wie „unendlich“ darf dabei die Geduld der Demokraten mit den Verweigerern der vernünftigen Argumente sein? Wie soll die Demokratie mit religiösen Gruppen umgehen, die Rechtsstaat und Demokratie abschaffen wollen? Muss also dieser prinzipiell religiös neutrale Staat dann doch die zur Gewalkt aufrufende Lehre einer bestimmten Religion zurückweisen (etwa das politische Kalifat und die politische Herrschaft der Scharia) und diese Gruppe zum Schutz der Demokratie öffentlich anklagen und dann verbieten? Es zeigt sich hier ein gewisses Dilemma der Demokratie: Sie soll dann also ins innere Leben einer Religion eingreifen, hinsichtlich der irrigen Vorstellungen vom Gottesstaat usw., obwohl solche Eingriffe, also mit dem Ziel inhaltlich begründeter Verbote, von der eigentlich religiös neutralen Demokratie nicht möglich sein dürften. Es ist für die Demokratie in Deutschland untersagt: „die parteiergreifende Einmischung in die Überzeugung, die Handlungen und in die Darstellung Einzelner oder religiöser und weltanschaulicher Gemeinschaften“ (Dreier, Seite 98).

15.
In der Not der gefährdeten Demokratie muss sich der Rechtsstaat vor den im „Innern“ agierenden Zerstörern der Demokratie wehren. Gegen Aggressoren von außen wehrt sich die Demokratie bekanntlich selbstverständlich.
Es ist offensichtlich, dass die AutorInnen des Grundgesetzes (1949) nicht sahen und noch nicht sehen konnten, wollten, dass es Religionen, Konfessionen etc. geben kann, die die Demokratie abschaffen wollen. Dabei hätten sich die AutorInnen doch an die Ideologie der evangelischen Nazis und Hitler Freunde, der „Deutschen Christen“ (gegründet 1931), erinnern können. Diese nicht gerade minoritären Kreise wollten im Dienste Hitlers religiös die Weimarer Republik zerstören. Komisch, diese Vergesslichkeit damals 1949…

16.
Jetzt geht es darum: Der demokratische Staat, nun in einem Notfall der Bedrohung durch gewalttätige antidemokratische religiöse Gruppen, kann seine grundlegende Religionsfreiheit nur am Leben erhalten, wenn er selbst eine Ausnahme macht hinsichtlich der sonst umfassend geltenden Anerkennung der Religionsfreiheit. Konkret also: Die religiöse Vereinigung derer verbieten, die ein politisches Kalifat in Deutschland errichten wollen. Wenn eine Rechtsordnung von religiösen Fanatikern angestrebt wird oder bereits realisiert wurde, “die die Menschenwürde untergräbt, kann es unsere Pflicht sein, diese (angestrebte oder bereits reale) Ordnung in Frage zu stellen. Die Menschenwürde bezeichnet exakt die Grenze der Souverenität des Staates”(Omri Boehm, “Die Zeit”, 10. 8.2023, S. 45)

17.
Im Grundgesetz gibt es den Artikel 9, der sich – im allgemeinen – auf Vereine und Gesellschaften bezieht. Darunter könnte man ja auch religiös (sich nennende) Vereine zählen. Sie könnten vom Absatz 2 dieses Artikels 9 mit gemeint sein, dort heißt es in Absatz 2: „Vereinigungen, deren Zwecke oder deren Tätigkeit den Strafgesetzen zuwiderlaufen oder die sich gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder gegen den Gedanken der Völkerverständigung richten, sind verboten.“

18.
Der demokratische Rechtsstaat ist bei der Verteidigung gegen rechtsextreme und religiös fundamentalistische Gruppen selbst an die geistige, aber wirkliche Verpflichtung gebunden, den Prinzipien der Gerechtigkeit und der universellen Menschlichkeit zu entsprechen. Dieser Gedanke geht von der Erkenntnis aus: Was alle Menschen erst zu Menschen macht, ist die Verpflichtung, universellen ethischen Gesetzen zu folgen. Und denen können Menschen in der Tat auch entsprechen, weil sie in ihrer Vernunft selbst den Aufruf zu diesem moralischen – ethischen Handeln erleben. Diese sich also in jedes Menschen Geist zeigende Idee einer universellen Menschlichkeit „leuchtet“ im Geist auf als eine solche, die „nicht von Menschen gemacht ist“ (Omri Boehm, Radikaler Universalismus, S. 17): Die Idee der universell für alle Menschen geltenden Menschlichkeit weist jegliche sich abkapselnde identitäre Ideologie einer Gruppe, wie die der „Kalifen – Freunde“, entschieden ab: Diese Identitäten Ideologien sind letztlich tödlich für den Bestand einer humane Menschheit. (Zum Buch von Omri Boehm, siehe Fußnote 2)

19.
Diese sich in jedes Menschen Vernunft zeigende Idee der universellen Menschlichkeit kann also prinzipiell nicht von Menschen abgeschafft und ausgelöscht werden. Denn sie gehört zur immer schon gegebenen inneren Verfassung des menschlichen Geistes.

20.
Diese Erkenntnis, dass die sich verteidigende Demokratie selbst einem universellen geistigen Gesetz der für alle geltenden Menschlichkeit untersteht, mag für einige „Ungeübte“ zunächst nur mit Geduld nachzuvollziehen sein. Aber ohne diese anspruchsvolle Erkenntnis sind Demokratie und Rechtsstaat nicht zu verstehen. Es gilt, wie Omri Boehm sagt, „die Verpflichtung auf die universelle moralische Wahrheit“ (S. 78) zu erkennen und zu realisieren: Und diese wollen Vorkämpfer des Kalifates wie die Rechtsextremen zugunsten ihrer totalen Herrschaft zerstören… Die identitären Ideologien (des Kalifates und der Rechtsextremen), die man mit Immanuel Kant „Maximen“ nennen kann, haben in der Konfrontation mit dem ethischen Kriterium „Kategorischer Imperativ“ keinen Bestand. Diese Ideologien, „Maximen“, werden durch die Erkenntnis des „Kategorischen Imperativs“ zurückgewiesen: „Handle so, dass die Maxime deines Handelns allgemeines Gesetz für alle sein können“ (Kant). Welcher Kalifats Fanatiker, welcher Rechtsextreme, möchte schon selbst erleben, dass sein eigenes Dasein in einem totalen, identitären Staat bedroht, gegängelt und ausgelöscht werden kann.

21.
Ohne universell geltende Grundsätze der Menschlichkeit können selbst die fanatischen Kalifats – Ideologen und die Rechtsextremen (Faschisten) wie auch Linksextremen (Stalinisten) gar nicht überleben. Um ihres eigenen Überlebens willen sollen sie sich von ihrer verbrecherischen Ideologie befreien oder sich von Demokraten befreien lassen.

Fußnote 1. Horst Dreier, „Staat ohne Gott. Religion in der säkularen Moderne“, C.H.Beck Verlag, München, 2018.

Fußnote 2: Omri Boehm, „Radikaler Universalismus“. Propyläen Verlag, Berlin, 2022.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

Christi Himmelfahrt – Mystik und Gerechtigkeit

Ein Hinweis von Christian Modehn.
 Am 2.5.2024

Der Titel des Festes „Christi Himmelfahrt“ kann verstaubt, verschroben, spinös erscheinen. Was das Fest eigentlich meint, hat aber mit Mystik und mit Politik zu tun, genauer: Mit dem Eintreten für die gleiche Würde aller Menschen. Und das können Menschen realisieren. Denn sie haben Vernunft, haben Geist, der heilig ist.

1.
Die neue und – für Dogmatiker und Fundamentalisten – etwas gewagte Erkenntnis lässt sich zusammenfassen: Ostern, Christi Himmelfahrt und Pfingsten, diese drei Feste, beziehen sich auf eine einzige Erzählung von religiösen Menschen. Die drei Festtage sind also ein einziges “Fest”, das in den Berichten des Neuen Testaments folgend, in eine zeitlich gedehnte chronologische Erzähl – Struktur gesetzt wurde.
Tatsächlich haben die drei „Feste“ einen Mittelpunkt: Es ist die Erkenntnis des göttlichen Geistes in allen Menschen. Und genau diese Erfahrung meint Pfingsten.
Wer also Christi Himmelfahrt verstehen will, muss sich zuerst mit Pfingsten befassen.

2.
Das Pfingst – Fest ist diese Erzählung: Die Gemeinschaft der Jesus-Jünger war nach Jesu Tod überzeugt: Wir haben „plötzlich“, wie in einer Überraschung, als Geschenk, ein neues, ein tiefes Verständnis gewonnen über Jesus von Nazareth. Die Freunde Jesu, die Gemeinschaft der „Urkirche“, erkannte – nach langem Zweifeln und in ihrer Verzweiflung über Jesu Tod – plötzlich eine neue, bleibende geistige Lebendigkeit ihres Freundes Jesus von Nazareth. Er ist über seinen Tod hinaus geistig, nur in der Poesie sagbar, präsent, er hat Teil am Ewigen. Die Freunde Jesu konnten also von Jesus als dem Präsenten, dem Ewigen, sprechen. Diesen Geist, der den lebendigen Jesus von Nazareth erkennt, erlebt die Gemeinde als Geschenk, sie spricht vom Heiligen Geist, als einer bislang kaum bemerkten besonderen Qualität ihres eigenen menschlichen Geistes: Die Menschen erkennen: Der Geist ist heilig!

3.
Und warum gibt es noch über Ostern hinaus ein eigenes Fest Christi Himmelfahrt? Dieses seltsame Wort „Himmelfahrt“ ist eine Metapher für den Mythos, die Erzählung: Dieser Jesus von Nazareth ist nicht im Nichts verschwunden. Jesu Leichnam liegt zwar – wie der Leichnam jedes anderen Menschen – in einem Grab! Aber Jesu Geist als ewiger Geist ist „woanders“, er ist – bildlich gesprochen – an dem Ort des Ewigen, des Göttlichen, in dem „Himmel“.
Die Gemeinde will mit dem Fest Christi Himmelfahrt“ also noch einmal explizit feiern, dass dieser geliebte Mensch und Prophet Jesus von Nazareth nicht mehr nur zur Erde, nicht mehr nur zur Welt der Menschen, gehört. Er ist leiblich verschwunden, aber geistig nicht entschwunden. Jesus ist in den Bereich des Ewigen eingetreten, den man „Himmel“ nennen kann oder „Sein beim Ewigen“.

4.
Warum werden in christlichen Kirchen drei Gedenktage und drei Feste (Ostern, Christi Himmelfahrt, Pfingsten) in so kurzer Zeit hintereinander gefeiert? Diese drei christlichen Feste haben, wie gezeigt, alle einen grundlegend gleichen Inhalt: Sie feiern den Übergang Jesu (und damit aller Menschen) vom Tod in den geistigen Bereich des Ewigen.
Dass die Kirchen dreimal (Ostern, Christi Himmelfahrt und Pfingsten) eigentlich das Gleiche, in kurzem zeitlichen Abstand feiern, ist einzig in der sehr menschlichen Begeisterung begründet, möglichst viele Feste – mit unterschiedlichen Akzenten – zu feiern. Be-geisterung kennt oft keine Grenzen…

5.
Noch einmal zurück zur Basis des Festes Christi Himmelfahrt: Pfingsten betrifft das Selbstverständnis der Menschen. Als Fest des Geistes als des heiligen, kritischen Geistes ist Pfingsten das Fest der Dimension, die „den“ Menschen, alle Menschen, auszeichnet. Im Geist als der Vernunft erschließt sich die Menschenwürde, erschließen sich die Menschenrechte. Pfingsten als Fest des Geistes, der heilig ist, macht die Vernunft stark, Pfingsten ist deshalb das politisch sehr präzise Fest der Menschenwürde, der Menschenrechte, der wesentlichen Gleichheit aller Menschen, der universalen Gerechtigkeit also. Pfingsten ist alles andere als ein gedankenloses, fundamentalistisch geprägtes Fest eines frommen, charismatisch sich nennenden Trallala.

6.
Christi Himmelfahrt ist kein Gedenktag an einen ins Unendliche – in himmlische Ferne Entrückten. Christi Himmelfahrt als Erzählung lässt die Welt der Menschen nicht gottlos erscheinen. Vielmehr ist der Geist der Menschen als der göttliche Geist die Anwesenheit des Ewigen im Irdischen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Der Geist ist heilig: Eine kleine Philosophie des Pfingsfestes

Ein Hinweis von Christian Modehn am 30.4.2024. Überarbeiteter Beitrag von 2015, der viel Aufmerksamkeit fand.

Siehe auch: “Eine philosophische “Predigt” zum Pfingstfest”: LINK:

Siehe auch: “Pfingsten – Fest der Philosophen. Ein Vorschlag von G.W.F. Hegel”   LINK

1.
Mit dem Pfingstfest tun sich die meisten Menschen heute schwer. Auch religiöse Menschen. Und daran sind die Kirchen mit-schuld: Die bis heute in kirchlichen Kreisen übliche theologisch-spitzfindige Trennung von (bloß auf den Menschen bezogenem) „Geist“ und dem offenbar göttlichen „Heiligen Geist“ ist nicht nur problematisch. Sie ist falsch. Sie ist ein Relikt aus Zeiten, als die Kirche und ihre amtliche, herrschende Theologie die Wirklichkeit aufspaltete, in “Natürlich” und “Über-Natürlich” trennte. Dabei konnte kein Theologe erklären, was denn nun die “Übernatur” ist. Aber es wurden zwei Welten geschaffen, die eine (natürliche, angeblich heidnische) als fern von Gott befindliche Wirklichkeit; die andere, die übernatürliche Wirklichkeit, als Gnaden-Wirklichkeit: Und diese wird von der Kirchenführung verwaltet und bestimmt. Der weltweit geachtete katholische Theologe Karl Rahner SJ hat in seinen zahlreichen Hinweisen zur Gotteserfahrung immer gezeigt, dass im Wahrnehmen menschlichen Geistes (in der Einsamkeit, in der Liebe, in der Angst usw.) das Göttliche erfahren werden kann. Im menschlichen Geist, wohlgemerkt, an dem alle Menschen Anteil haben. Theologisch formulierte das Karl Rahner so: “Wir leben immer schon in einer von Gott, dem göttlichen Geist, bestimmten Wirklichkeit”. Mit anderen Worten: Der göttliche Geist ist in jedem Menschen, als menschlicher Geist, immer schon wirksam. Universell, selbstverständlich auch in allen Religionen.

2.
Die im Neuen Testament beschriebene Geschichte vom Pfingstereignis will darauf hinweisen: Auch die Gemeinde ist (nach dem Weggang Jesu von Nazareth) geisterfüllt, lebendig, kreativ. Und sie erlebt ihren neuen Optimismus als Geschenk. Sie erlebt vor allem ihre eigene Vielfalt als Gabe. Jede einzelne Sprache, d.h. jede einzelne Kultur, ist wertvoll, keine Sprache, keine Kultur darf dominieren. Alle Sprachen, alle Kulturen, haben das gleiche Lebensrecht. Der in Berlin zu Pfingsten stattfindende “Karneval der Kulturen” als Fest der Vielfalt und der Gleichberechtigung aller Kulturen, ist/war ein (fernes) Echo auf die religiösen Geschichten vom Pfingstfest. Nur wird aus diesem Fest der Viefalt eben ein “Karneval”. Und ein Karneval als Ereignis eines Tages hat keine politischen Konsequenzen für eine gelebte Politik der Vielfalt.  Hat keine Konsequenzen etwa auf die Flüchtlingspolitik, auf die Abwehr des Fremden, auf die alltäglichen (geschürten) Ängste vor dem Anderem. Der “Karneval der Kulturen” ist/war insofern bloß ein “ästhetisches”, aber kein politisches Ereignis.

3.
Schon früher lehrten Philosophen und Theologen, wie Meister Eckart, darin durchaus Thomas von Aquin folgend: Es gibt nur den einen als den einzigen Geist im Menschen. Eigentlich eine Einsicht, die in der geistvollen Erfahrung eines jeden Menschen bestätigt wird: Hat jemand schon einmal seinen “natürlichen” Geist als solchen, später aber seinen “übernatürlichen”, so genannten heiligen Geist als solchen erfahren? Der Geist als Geist ist heilig, weil er das Belebende, das Kreative, ist.
Der Geist ist das über alles Gegebene stets hinaus Weisende im menschlichen Leben; weil Geist auch Sprache ist und Poesie in ihrer unendlichen Fähigkeit des Ausdrucks und Suchens; weil Geist auch Musik ist und neue Welten erschließt; weil Geist Philosophie ist in der Suche nach jenen Zeichen, die über das Weltliche hinausweisen; weil Geist Religion (bzw. Religionen im Plural) ist in der Suchbewegung, sich von selbst gemachten Göttern zu befreien und des Namenlosen, des alles gründenden Geheimnisses inne zu werden. Weil Geist refelktierte gestaltete Freiheit ist, und Freiheit etwas Unantastbares, Heiliges, Sakrales, vom Menschen nicht Totzuschlagendes, nicht Abzuschaffendes ist. Weil mit dem Symbol Geist letztlich das Menschliche des Menschen gemeint ist, selbst wenn einzelne Philosophen, wie Nietzsche meinen, der Geist des Menschen sei dann doch noch von Trieben anhängig: Aber allein diese Erkenntnis kann kein Trieb als Trieb formulieren, dazu braucht man dann doch wieder den Geist. Er ist dann also doch größer als der Trieb… Also: Der Geist wird als der letztlich Unzerstörbare, wenn nicht Absolute erfahren, und das ermutigt zu der Hoffnung: Der allgemeine Geist, an dem jeder und jede teilhat, wird den inidviduellen Tod überdauern.

4.
Pfingsten ist also das Fest des einen, universalen Geistes. In einer aufs Materielle fixierten Welt, in der der universale Gott das Geld ist und die Banker an der Wall Street und anderswo die Hohenpriester sind, hat ein “Fest des Geistes” einen schweren Stand. Trotzdem bleibt die Erkenntnis, die tröstlicher ist als die Börsennotiz der Wall Street: Wo immer und wann immer noch geistvoll gelebt wird, in der Weise der Reflexion, des Sich-Beziehens auf den Geist, im geistvollen Miteinander, im Gestalten und “Machen” gemäß den Impulsen des Geistes… da wird das umfassend menschliche (eben geistvolle) Leben gefeiert und dem Gott des Bloß-Materiellen widerstanden. Dabei ist “geist-voll” überhaupt nicht gemeint als Eröffnung eines dualistischen Denkens, sozusagen als Absage alles Leiblichen, Erotischen usw. Das Gegenteil ist der Fall. Es gibt sicher nichts Geistvolleres als gelebte Erotik, als geistvoll gestaltete Leiblichkeit.

5.
Pfingsten will also eine geistvolle Gesellschaft. Man kann sie eine offene Gesellschaft nennen, eine solche, die ohne Überwachung und Kontrolle auskommt, eben eine Gesellschaft, die Freiheit für das höchste Gut hält und jeglichem autoritärem Verhalten Widerstand leistet. Demokraten kennen die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen ihrer Demokratie: Sie wissen, eine bessere Staatsform gibt es nicht, sie lässt sich stets entwickeln und korrigieren und sie muss vor allen Liebhabern der so einfach erscheinenden autoritären Staatsform (Diktatur) heftig und deutlich verteidigt werden.
Insofern ist Pfingsten ein Fest der Freiheit des Geistes. Da müssen sich die Kirchentüren weit öffnen, um vor allem die dogmatisch erstarrten Kirchen erst einmal selbst zu verwandeln: Weil eben alle zum Fest eingeladen sind, alle, die die Freiheit des Geistes verteidigen, Skeptiker, Agnostiker, weltliche Humanisten…Wo finden solche ökumenischen Feiern statt?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-Salon Berlin.