Frankreich: Papst Leo besucht Paris, Lourdes, Metz. Seine große Show vom 25. bis 28. September 2026.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 23.9.2026

1.
Der Religionsphilosophische Salon Berlin hat seit vielen Jahren über den Zustand des Katholizismus in Frankreich berichtet. Ein Beispiel: LINK.  Alle diese Beiträge sind mit Leichtigkeit auf dieser Website zu finden! Hier nur ganz wenige Hinweise, denn wir wollen uns nicht ewig wiederholen: Obwohl man angesichts des Zustandes der katholischen Kirchen zur Wiederholung gezwungen wird, weil sich nichts grundlegend verändert. Der Klerus behält die Macht.

2.
Nun wird also der reiselustige Papst Leo XIV. (er war schon in Algerien, Kamerun und Angola, im schönen und sehr reichen Monaco und dem kleinen San Marino…) vom 25. bis 28. September 2026 auch Frankreich besuchen (Paris, Lourdes, Metz): Auf Einladung der dortigen Bischöfe und der Regierung, d.h. die französische Regierung (Macron) hat diese Einladung unterstützt! Aber sie bezahlt von den insgesamt etwa 27 Millionen Kosten nur die Unkosten für die „offizielle Sicherheit“ des Gastes bei einem „Großereignis“. Viele Millionen Euro muss die Kirche also selbst für dieses Papst – Spektakel durch Spenden aufbringen… aber es gibt ja einige sehr katholische, aber politisch rechtsextreme katholische Millionäre, wie den Medienmogul Vincent Bolloré.

3.
Wer die sehr kleiner werdende katholische Welt in Frankreich beobachtet, ist erstaunt: Es gibt eigentlich seit Monaten kein anderes Thema, das derart heftig etwa die katholischen Medien (die Tageszeitung La Croix und viele katholische Wochenzeitungen) beschäftigt. Sie sprechen von „engouement“, also von Schwärmerei der Katholiken für den Papstbesuch. Sie schwärmen für ihren Führer.

4.
Aber die Schwärmerei für den Papst Leo hält sich dann doch in Grenzen. Das zeigt jetzt eine repräsentative Umfrage anläßlich des Papstbesuches: Nur 21% der Befragten wollen in den Medien dem Papstbesuch „folgen“. Darunter sind 56 % der praktizierenden Katholiken, eine nicht gerade überwältigende Zahl hinsichtlich einer eigentlich treuen und gehorsamen Verbundenheit dieser Kreise mit dem “heiligen Vater“. 22% der zu anderen Religionen gehörenden Befragten wollen den Papst – Besuch in den Medien „verfolgen“, und nur 16 % der – mehrheitlich – nicht-religiösen Menschen in Frankreich interessieren sich sogar für den Papstbesuch. LINK

5.
Noch ernüchternder für die katholische Führung sind weitere Aussagen der Befragten: Nur 10 % der praktizierenden Katholiken erhoffen sich eine Vertiefung der Spiritualität durch den Papstbesuch, genau so wenige erhoffen sich eine Erneuerung der Gemeinden und Gemeinschaften durch das Kommen des Papstes.

6.
Natürlich ist es für manche beeindruckend, dass etwa 600.000 Fromme an der Place de la Concorde und den Champs Elysées an der absolut riesigsten Mammut – Messe des Papstes irgendwie „teilnehmen“ und dort auch „kommunizieren“ wollen. Die stramm katholisch – konservativen Bewegungen, von denen es in Frankreich sehr viele zunehmend gibt, das haben wir alles veröffentlicht, haben offenbar alle ihre Getreuen nach Paris zur mächtigsten aller Mammut -Messen gelotst. Ob eine solche absoluten Massen -Messe noch eine Abendmahlsfeier im Sinne eines gewissen Jesus von Nazareth ist, bleibt die Frage.
Man möchte sie bei noch etwas theologischen – biblischen Verstand eindeutig mit Nein beantworten.

7.
Tatsache ist: Papst Leo wird zumal in Paris und Metz die üblichen allgemeinen, friedlichen, manchmal auch etwas kritischen Worte finden zum Zusammenleben der Menschen in einer zerstrittenen Gesellschaft, er wird, wie ständig schon im Vatikan seit Monaten, mahnen und warnen. Und warnen und mahnen, Das ist die Hauptaufgabe eines Papstes als Staatschef. Aber garantiert wird der Papst nicht explizit, konkrete Namen nennen, also nicht die rechtsextreme Partei „Rassemblement National“ oder die Partei „Reconquete“ und deren irgendwie noch katholisch bzw. jüdisch gebundenen Parteiführer beim Namen nennen und diese Rechtsextremen als für Katholiken und vernünftige Menschen sowieso als nicht wählbar bezeichnen. Das wäre ja auch nicht so erwartbar, denn der Papst ist immer auch Diplomat und Staats-Chef des staatlichen Winzlings „Heiliger Stuhl2. Und je nach Situation kann der Papst, diplomatisch klug,schwanken zwischen seiner Rolle als Staatschef und der des religiösen Führers, der vielleicht noch ein paarprophetisch – konkrete Worte sagen könnte. Hingegen wird der Papst, seinem Lieblingsthema folgend, sehr deutlich die jüngsten Gesetze des französischen Staates zum selbstbestimmten Tod aufs heftigste pauschal kritisieren. Er bläht sich dann auf als Verteidiger der Menschenrechte, verschweigt aber wie immer, dass die Menschenrechte in der katholischen Kirche und auch die Demokratie NICHT gelten. Dass er unglaubwürdig ist, wird dann bei diesem „engouement“ (d.h. Papst -Schwärmerei) von den verbleibenden Frommen gern übersehen. Sie sehen dann auch als reaktionäre Politiker den Papst auf ihrer Seite…

8.
Wir weisen zum Schluss nur noch auf den Besuch des Papstes im Marien- Wunder Ort Lourdes hin: dass dort Maria höchst persönlich der Bernadette Soubirous erschienen ist, glaube wohl noch ein paar Leute: Aber der Papst pflegt diesen Wunderglauben, diese naive Vorstellung, Maria könnte vom Himmel herunter kommen und erscheinen und einem Mädchen irgendwelche Weisungen geben. Der Besuch in Lourdes als dem Ort, wo gelegentlich nur psychosomatisch erklärbare außergewöhnliche Ereignisse geschehen, ist bester Ausdruck einer „wunderbaren“ Frömmigkeit, die auch dieser Papst im 21. Jahrhundert noch wagt propagieren zu können: Aber: Vielleicht brauchen die meisten Menschen heute dieses Opium? Ist Aberglaube nicht immer schon Opium gewesen? I

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Willkommen im Religions-Philosophischen Salon Berlin

Aktuelle Beiträge    Der Religionsphilosophische Salon Berlin. Einige Hinweise von Christian Johannes Modehn und Hartmut Wiebus.

Wer sich zunächst für die Vielfalt der Themen interessiert, die wir in unserem „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ besprochen und diskutiert haben: LINK

1.
Der Religionsphilosophische Salon Berlin ist seit 2007 eine Initiative von Christian Johannes Modehn und Hartmut Wiebus. (Biographische Hinweise: Fußnote 1.)
 Übliche, also öffentliche Salon – Veranstaltungen fanden monatlich von 2007 – 2020 statt. Jetzt gestalten wir philosophisch – theologische Gespräche in kleinerem Kreis. Regelmäßig werden neue Beiträge als Hinweise zur philosophischen und theologischen Debatte auf unserer Website publiziert, bis jetzt sind es 1.800 Beiträge, „Hinweise“ genannt, Stand 26.9.2025.

2.
 Titel und „Sache“ eines „(religions-)philosophischen Salons“ sind alles andere als verstaubt. Das Interesse an philosophischen Gesprächen und Debatten in überschaubarem Kreis, in angenehmer Atmosphäre eines Salons, ist evident. Das gilt, selbst wenn viele Interessierte beton(t)en, „Philosophie“ sei schwierig. Das ist sie vielleicht, nicht aber Philosophieren: Es ist das Lebenselement eines jeden Menschen.
 In unserem religionsphilosophischen Salon wird das möglichst eigenständige Philosophieren (kritische Nach – Denken) geübt.
 Philosophische Religionskritik gehört elementar zur Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie. Philosophische Religionskritik kann zeigen, welche Form einer vernünftigen Religion bzw. Spiritualität heute zur Lebensgestaltung gehören kann.

3.
 Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie gibt es nur im Plural, die (Religions-)Philosophien in Afrika, Asien und Lateinamerika dürfen nicht länger als „zweitrangig“ behandelt werden. In welcher Weise Religion dort zum „Opium“ wird angesichts des Elends so vieler Menschen, ist eine relevante Frage, auch angesichts der Zunahme von christlichem und muslimischem Fundamentalisten. Dringend ist die Frage: Inwieweit ist philosophisches Denken Europas eng mit dem kolonialen Denken verbunden?

4. 
In unseren Gesprächen wird oft erkannt: Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phien bieten in ihren vielfältigen Entwürfen unterschiedliche Hinweise zur Fähigkeit der Menschen, ihre engen Grenzen zu überschreiten und sich dem im Denken zu nähern, was die Tradition Gott oder Transzendenz nennt.

5.
 Uns ist es wichtig uns zu zeigen, dass Menschen im philosophischen Bedenken ihrer tieferen Lebenserfahrungen das Endliche überschreiten und das Göttliche, das Transzendente, erreichen können. Das Göttliche als das Gründende und Ewige zeigt sich dabei im Denken als bereits anwesend und dieses denkende Transzendieren ermöglichend. Die auf das Wesentliche reduzierte Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie von Kant gilt uns als wichtige Inspiration für eine heutige vernünftige (!) christliche Spiritualität.

6.
 Insofern ist Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie auch eine subjektive Form der Lebensgestaltung, d.h. eine bestimmte Weise zu denken und zu handeln.
Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie kennt keine Dogmen, sicher ist nur das eine Dogma: Umfassend selbstkritisch zu denken und alle Grenzen zu prüfen, in die wir uns selbst einsperren oder in die wir durch andere, etwa durch politische Propaganda, durch Konsum und Werbung im Neoliberalismus, eingeschlossen werden. Der Widerspruch und der Kampf gegen alle Formen des Rechtsradikalismus (AFD, FPÖ, Le Pen, usw.) und Antisemitismus muss zum Mittelpunkt nicht nur unserer, sondern der philosophischen Arbeit insgesamt werden. Es gilt, die Demokratie zu retten.

7.
 Die „Entdeckungsreisen“ der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phien können angestoßen werden durch explizit philosophische Texte, aber auch durch Poesie und Literatur, Kunst und Musik, durch eine Phänomenologie des alltäglichen Lebens, durch die politische Analyse der vielfachen Formen von Unterdrückung, Rassismus, Fundamentalismus, Kapitalismus. Mit anderen Worten: Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie findet eigentlich immer – oft umthematisch – in allen Lebensbereichen statt.

8.
 Wo hat unser religionsphilosophischer Salon seinen „materiellen“ Ort? Als Treffpunkt, als Raum, eignet sich nicht nur eine große Wohnung oder der Nebenraum eines Cafés, sondern auch eine Kunst – Galerie. In den vergangenen 7 Jahren fanden wir in der Galerie „Fantom“ in Charlottenburg freundliche Aufnahme. Zuvor in verschiedenen Cafés. Kirchliche Räume, Gemeinderäume etwa, sind für uns keine offenen und vor allem keine öffentlichen Räume.

9. 
In unserem religionsphilosophischen Salon sind selbstverständlich Menschen aller Kulturen, aller Weltanschauungen und Philosophien und Religionen willkommen. Unser Salon ist insofern hoffentlich ein praktisches Exempel, dass es in einer Metropole – wie Berlin – Orte geben kann, die auch immer vorhandenen „Gettos“ überwinden.

10.
 Darum haben wir in jedem Jahr im Sommer Tagesausflüge gestaltet, mit jeweils 10 – 12 TeilnehmerInnen: Etwa nach Erkner (Gerhart Hauptmann Haus), Karlshorst (das deutsch-russische Museum), Jüterbog als Ort der Reformation, das ehem. Kloster Chorin, Frohnau (Buddhistisches Haus), das Dorf Lübars… Außerdem gestalteten wir kleine Feiern in privatem Rahmen anlässlich von Weihnachten. Auch ein Kreis, der sich mehrfach schon traf, um Gedichte zu lesen und zu meditieren, hat sich aus dem Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon entwickelt. Aber alle diese Initiativen waren (und sind wohl) mühsam, u.a. auch deswegen, weil letztlich die ganze Organisation von den beiden Initiatoren – ehrenamtlich selbstverständlich – geleistet wurde und wird. Das ist der Preis für eine völlige Unabhängigkeit.

11.
 Anlässlich der „Welttage der Philosophie“, in jedem Jahr im November von der UNESCO vorgeschlagen, haben wir größere Veranstaltungen mit über 60 TeilnehmerInnen im Berliner AFRIKA Haus gestaltet, etwa mit dem Theologen Prof. Wilhelm Gräb, dem Theologen Michael Bongardt. Der Berliner Philosoph Jürgen Große hat in unserem Salon über Emil Cioran gesprochen, der Philosoph Peter Bieri diskutierte im Salon über sein Buch „Wie wollen wir leben?“, die Politologin Barbara Muraca stellte ihr Buch „Gut leben“ vor, Thomas Fatheuer von der Heinrich – Böll- Stiftung vertiefte das Thema; der evangelische Pfarrer Edgar Dusdal (Karlshorst) berichtete über seine Erfahrungen in der DDR; der Theologe der niederländischen Kirche der Remonstranten, Prof. Johan Goud (Den Haag), war zweimal bei uns zur Diskussion, öfter dabei waren Dik Mook und Margriet Dijkmans-van Gunst aus Amsterdam…

Die Liste unserer Gäste und Refernten: Zu unseren Gästen, auch als Referenten, gehören  Theologe Prof. Wilhelm Gräb, die Soziologin Prof. Barbara Muraca, Pfarrer Edgar Dusdal (Berlin), der Studienrat für Kunst Gerd Otto (Berlin), der Theologe und Kulturwissenschaftler Prof. Johan Goud (Den Haag), der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich (Leipzig), der Philosoph Prof. Lutz von Werder (Berlin), der Philosoph Dr. Jürgen Große (Berlin), der Buddhismus-Lehrer Michael Peterssen (Berlin), der Komponist Joachim Gies (Berlin), Dr. Dorothea Hasskamp vom Jesuiten-Flüchtlingsdienst (Berlin)……

12.
 Es ist uns leider deutlich, dass innerhalb der philosophischen Studiengänge an Hochschulen und Universitäten nicht im entferntesten daran gedacht wird, auch das Berufsbild eines Leiters, einer Leiterin besser „Inspiratorin“ philosophischer Salons zu entwickeln. Damit PhilosophInnen freilich ,als Salonnières arbeiten können, müsste die Kulturpolitik entsprechend handeln. Aber die interessiert sich offenbar absolut vor allem für die so genannte Hochkultur der Oper und der Theater, nicht aber für eine Form der „Basis-Philosophie“ als Möglichkeit, vor Ort unter den vielfältigen Menschen tiefere Kommunikation zu ermöglichen.
Eigentlich bräuchte es etwa in Berlin in jedem Stadtbezirk mindestens einen philosophischen Salon, besser noch ein philosophisches „Haus“ mit öffentlich zugänglicher kleiner Fach – Bibliothek , Lesezimmer, Meditations- Denk-Raum und Tee/ Kaffee-Stube.Viele leerstehenden Kirchen könnten entsprechend umgestaltet werden. Dass dort auch philosophisch – literarische Debatten oder Diskussionen zu Grundfragen der Politik, der Kunst und Musik und Spiritualität stattfinden können, ist keine Frage.

13.
 Die Bilanz: Einige wenige Interessenten außerhalb von Berlin haben die Idee des religionsphilosophischen Salons aufgegriffen. Aber wir können nicht sagen, dass etwa im kirchlichen Bereich, evangelisch wie katholisch, die Idee des freien und undogmatischen und offenen Salon-Gesprächs aufgegriffen und realisiert wurde.
Je mehr Christen aus den Kirchen austreten, um so ängstlicher und dogmatischer werden die Kirchen(führer), also auch ihre Pfarrer usw. Der Weg der Kirche in ein kulturelles Getto scheint vorgezeichnet zu sein, zumindest für die katholische Kirche. Tatsächlich haben sich über all die Jahre unserer Arbeit sehr sehr wenige „Vertreter“ der großen Kirchen für unsere Initiative überhaupt interessiert. Wir haben diese Ignoranz auch als Freiheit erlebt.

14.
 Hinweis zu unseren Themen:
Eine Übersicht unserer Themen im Salon von Februar 2020 bis 2015 finden Sie hier. Die Themen von 2009 bis 2015 werden demnächst dokumentiert. Die bisher 1.750 religionsphilosophischen und religionskritischen Hinweise von Christian Modehn, publiziert auf der Website www.religionsphilosophischer-salon.de, hatten bis zum  8.1.2026  3.007.000 „Zugriffe“, wie die Statistik dokumentiert.

15.
 Unser letztes öffentliches Salongespräch vor der Corona – Pandemie fand am Freitag, den 14.Februar 2020 , wie immer um 19 Uhr, statt, über das Thema: „Das Kalte Herz“. Mehr als ein Märchen (von Wilhelm Hauff). „Das kalte Herz“ offenbart die „imperiale Lebensweise“. 22 TeilnehmerInnen waren dabei. Leider mussten wir – wie öfter schon – acht Interessierten absagen, weil der Raum eben klein ist und nur eine überschaubare Gruppe eine Gesprächssituation ermöglicht. Aber das große Interesse, ohne jede öffentliche Werbung, allein im Internet, und ohne jede Finanzierung von außen, ist immer wieder bemerkenswert. Für einige vertiefende Hinweise zur imperialen Lebensweise: Beachten Sie diesen LINK.

16. Zu unseren Gästen, auch als Referenten, gehören etwa: Der Philosoph Prof. Peter Bieri, der Philosoph und Theologe Prof. Michael Bongardt, der Theologe Prof. Wilhelm Gräb, die Soziologin Prof. Barbara Muraca, Pfarrer Edgar Dusdal (Berlin), der Studienrat für Kunst Gerd Otto (Berlin), der Theologe und Kulturwissenschaftler Prof. Johan Goud (Den Haag), der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich (Leipzig), der Philosoph Prof. Lutz von Werder (Berlin), der Philosoph Dr. Jürgen Große (Berlin), der Physiker Dr. Hans Blersch (Berlin)…

17. Wir haben unsere philosophischen, religionsphilosophischen und theologischen Gespräche im Salon als Ausdruck der Spiritualität der freisinnigen protestantischen Remonstranten – Kirche (in Holland) verstanden. Dabei haben wir, ebenfalls der offenen, freisinnigen Theologie der Remonstranten entsprechend, keine Werbung für diese protestantische Kirche „betrieben“.

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Dieser Hinweis vom 7.2.2023 wurde am 3.2.2025 überarbeitet.

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FUßNOTE 1: 
Gründer und Initiatoren des „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“:

Christian (Johannes, 2. Vorname) Modehn,  1948 in Berlin (Ost) – Friedrichshagen geboren, nach dem Abitur im Februar 1968 am Goethe – Gymnasium in Berlin – Wilmersdorf, Studium der katholischen und evangelischen Theologie (Staatsexamen nach 6 Jahren Studium) in Berlin, St. Augustin bei Bonn und München sopwie gleichzeitig  der Philosophie in Bonn und vor allem in München (Magister Artium in München, über Hegel). Christian Modehn war einige Jahre Mitglied einer katholischen Ordensgemeinschaft.  Christian Modehn arbeitet seit 1973 immer als freier Journalist über die Themen Religionen, Kirchen und Philosophien, für Fernseh- und Radiosender der ARD, sowie früher auch für die Zeitschrift PUBLIK – FORUM: LINK, sowie auch für „Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt“ (Hamburg), „Informations Catholiques Internationales“ (Paris), „de bazuin“ (Utrecht)  usw.. Zur Information über einige Hörfunksendungen und Fernsehdokumentationen und zu einigen Buchpublikationen: LINKSeit 2010 ist Christian Modehn Mitglied der freisinnigen protestantischen Kirche der Remonstranten (Niederlande). 

Hartmut Wiebus, 1944 in Seehausen/Altmark geboren, hat in Berlin (F.U.) Pädagogik (Diplomarbeit über Erich Fromm) und Psychologie studiert, und vor allem als evangelischer Klinikseelsorger gearbeitet. Er hat u.a. viele unserer Themen angeregt und immer als Moderator die Gespräche begleitet.

Copyright: Christian Modehn und Hartmut Wiebus. Religionsphilosophischer Salon Berlin

Aktualisiert am 6. Juli 2026 durch cm

Rechtsextreme und Identitäre in der katholischen Kirche Frankreichs heute

Wenn die „Identitären“ das Evangelium verfälschen und die Kirche beherrschen
Ein Hinweis am 16.9.2026 von Christian Modehn auf ein neues Buch.

Ein Vorwort:
Wir bieten hier ein Beispiel dafür, wie Rechtsextreme in Frankreich auch das Leben der katholischen Kirche bestimmen; mit ihrer Ideologie das kirchliche Leben vergiften und die Gläubigen beeinflussen, d.h. zu einer gesellschaftlichen und politischen Praxis verführen, die mit den Weisungen Jesu von Nazareth UND der humanen Vernunft nichts mehr zu tun hat. Und die Kirchenführung in Frankreich ist wie üblich hilflos. Und hat nichts Dringenderes zu tun, als die massenhaften Massenkundgebungen (anders kann man das Spektakel nicht bezeichnen) mit Papst Leo zu organisieren: Welch ein Wahn, dass der Papst allen Ernstes eine Messe, Eucharistie genannt, mit 600.000 Frommen auf der Place de la Concorde „feiern“ will. Nebenbei: Wenn alle diese 600.000 Leute sich dann die Kommunion (Hostie) in den Mund stecken wollen, werden Stunden des Austeilen vergehen. Und die Place de la Concorde? Absolut kein heiliger Ort, sondern ein Ort des Mordens und Abschlachtens, etwa in der Französischen Revolution… Von den Straßenschlachten dort zwischen Rechtsextremem und der Polizei 1934 ganz zu schweigen.. Ein sehe feiner Platz halt, voller Charme und göttlichen Friedens… Hat die katholische Kirche angesichts des auch in Frankreich drohenden Faschismus (Wahl 2027, Sieg des Rassemblement National…) nichts Dringenderes? Aber die in Frankreich stets schrumpfende Anzahl der Frommen sucht Halt bei Ihrem Führer, dem Papst. Die Huldigung für einen Führer ist also nicht zu überwinden…Und: Diese Vier-Tages-Reise des Papstes als Chef des „Heiligen also Stuhls“ und PAPA aller Katholiken kostet mindestens 25 Millionen Euro…

1.
Pünktlich zum Besuch Papst Leos in Lourdes, Paris und Metz (25. – 28. September 2026) erscheint ein Buch über den Zustand der katholischen Kirche in Frankreich. Der Essay von 155 Seiten erinnert manchmal an eine theologische Meditation voller Empörung über die rechtsextremen Tendenzen in der Kirche… Der Autor ist ein kenntnisreicher Insider, kein „Kritiker von außen“, kein „Religionssoziologe… sondern ein Priester, der die gefährliche Entwicklung in der französischen Kirche freilegt. De Sinety (Jahrgang 1968) ist ein Kleriker mit einer beachtlichen Karriere: Er war Sekretär des konservativen Kardinals Lustiger in Paris (2004), Pfarrer in sehr bürgerlichen, reichen Vierteln in Paris; jetzt hat er eine führende Stellung im Bistum Lille: Da kommt kein Verdacht einer linken häretischen Abweichung auf.

2.
Der Titel des Buches: „La Cause du Christ“, „Die Sache Christi“. Sicher ist „cause“ auch im juristischen Sinn als „Causa“ gemeint, es geht dem Autor letztlich um das Urteil, dass sich katholisch nennende Gruppen die Sache Christi verfälschen: Der Untertitel ist präzise: „L` évangile contra l` identité chrétienne“: „Das Evangelium gegen die `christliche Identität`“. Das Buch ist eine dringende Warnung vor den sich katholisch nennenden rechtsextremen Kreisen, die politisch auf der „christlichen Identität“ Frankreichs (und Europas) insistieren: Diese Kreise wollen ein strenges, intolerantes Europa bauen, das sich als christliches Bollwerk gegen den Islam versteht, ein christliches Bollwerk ohne Menschenrechte gegen alle Fremden, gegen alle, die sich gegen den Wahn eines abgeschotteten Abendland wehren. De Sinety betont: Da wird das Christentum missbraucht, da wird das Evangelium Jesu Christi verfälscht und zerstört. Auf entsprechende Tendenzen im us- amerikanischen Katholizismus weist de Sinety hin; wir stellen Frankreich in den Mittelpunkt.

3.
Das Evangelium ist für den Autor eine Botschaft der Gerechtigkeit, der Nächstenliebe, der Gastfreundschaft für Fremde, der universellen Liebe eines Gottes, der als „Vater“ aller Menschen geehrt wird. Es geht also nicht nur um humanistische Werte, diese sind Gebote Gottes, für Katholiken unverzichtbar für ein humanes Zusammenleben.

4.
Diese Feinde des Evangeliums, die sich als Freunde des abendländischen Christentums tarnen, gewinnen immer mehr Macht, urteilt de Sidney: Es gibt etwa die Gemeinden der mit Rom versöhnten Traditionalisten, wie das reaktionäre „Institut du bon Pasteur“ in Bordeaux, dort ist Abbé Matthieu Raffray für die rechtsextreme Sache heftig in den social Medien engagiert…
Es gibt die katholischen „Columbus- Ritter“ mit ihrer radikalen Forderung: Es muss wieder richtig männliche Männer geben, also die Kämpfer und Krieger so wie dann auch als Beschützer ihrer sorgenden Frauen zu Hause. „Virilität“ heißt die neue Tugend (S. 26 ff.). Zu den Columbus Rittern n Frankreich: https://www.chevaliers-de-colomb.fr/index.php/les-enjeux-de-la-masculinite/
Auch die berüchtigte rechtsextreme katholische „academia christiana“ erwähnt de Sinety, selbstverständlich ist von den vielen tausend Freunden der „alten Messe“ im Sinne der Traditionalisten die Rede: Und er weist darauf hin, dass diese alte Messe mit dem Priester im absoluten Zentrum, von den Gläubigen abgewandt zelebriert er die Messe; die Gläubigen werden zur schweigenden Masse der Ehrfürchtigen in einem für sie sprachlich unverständlichen „Mysterium“. Diese Messen sind Ausdruck der alten feudalen Ordnung, der (Un)Ordnung der Hierarchie. Dass de Sinety die neue Messe des Konzils als demokratische Form versteht, ist freilich sehr fragwürdig, gerade wenn man an den Ausschluss der Frauen vom Priesteramt denkt.

5.
Im Mittelpunkt der Ideologie, Glaube genannt, der Identitären steht: Christus ist ein Meister und Lehrer der Stärke und Macht. Christus ist ein Kämpfer für „die“ Wahrheit. Christus wurde in einem bestimmten Volk geboren, deswegen gilt: Gott liebt – nun – das christliche Volk Frankreich. Bezeichnenderweise interessiert in diesen Kreisen die Gestalt Jesu von Nazareth nicht, weder seine Gleichnis Reden noch seine Bergpredigt. Die Rede von Christus kommt – wie so oft- ohne einen Bezug zu Jesus von Nazareth aus.
Dieser Katholizismus der moralischen Strenge und politischen Macht findet immer mehr Anklang in den Kreisen, die man einst „normale, bürgerliche Gläubige“ nannte. Über die verbliebenen Mitglieder der französischen Kirche beschreibt der Autor: „Der französische Katholizismus ist jetzt soziologisch gesehen, was er niemals exklusiv sein dürfte: Bürgerlich, bourgeois, ´konsumorientiert…“
Linke, kritische Katholiken haben sich längst aus der Kirche verabschiedet. Auf Seite 64 heißt es: „En moins de vingt ans, tout a basculé“: „In weniger als 20 Jahren ist alles gekippt, befindet sich die französische Kirche also am Kipppunkt:“ Zahlreiche wissenschaftliche Umfrage zeigen bekanntlich seit Jahren: Nur noch eine Minderheit (30 %) der Franzosen nennt sich katholisch, eine verschwindende Minderheit (etwa 4 Prozent) nimmt noch an der Sonntagsmesse gelegentlich teil, die Zahl der Priester sinkt ständig, immer wieder werden neue Missbrauchsfälle im Klerus freigelegt … LINK

Angesichts des Niedergangs dieser Kirche „trösten“ auch die 20.000 Taufen von Erwachsenen und Jungendlichen im Jahr 2026 nicht.

6.
Militante rechtsextreme Kreise im französischen Katholizismus wollen diese am Boden liegende Kirche retten und als politisch machtvolle Organisation zugunsten des „christlichen Abendlandes“ aufbauen. Sie streben eine Kirche ohne Christus an, eine machtvolle Kirche, vom Evangelium entkernt. Diese Ideologie hat eine lange Tradition in Frankreich: Das Vorbild der heutigen katholischen Rechtsradikalen ist die „Action Francaise“ um 1920, sie war auch antisemitisch fixiert. Auf den Antisemitismus verzichtet jetzt die rechtsradikale Le Pen Nachfolge -Partei „Rassemblement National“ aus taktischen Gründen… Ein anderer Rechtsextremer und „Identitärer“ ist der Jude Eric Zemmour, er ist ein expliziter Feind des Islams und explizit auch ein Verteidiger der „Rückführung“, also des Rausschmeissens von störenden (muslimischen) Fremden…

7.
Benoist de Sinety, der wie gesagt, kein Religionssoziologe ist, bewertet die rechtsextremen Kreise Im französischen Katholizismus als Kräfte der Zerstörung. Diese Leute bauen Mauern aus Hass, Schlösser der Paranoia.

8.
Es ist paradox: Das Buch von Benoit de Sinety ist im Verlag Grasset in Paris erschienen. Dieser Verlag gehört dem rechtsextremen katholischen Medien- Mogul und Milliardär Vincent Bolloré, er ist ein Freund der Identitärer Politiker: LINK

De Sinety erwähnt in seinem Buch sehr vorsichtig sogar Bolloré (S. 94f.), nennt aber keine Fakten zu dessen Imperium, sondern beschränkt sich sehr schlicht (ängstlich?) darauf, an einige Lehren Jesu Christi zum Reichtum und zum Leben im Staat zu erinnern. Auch den anderen prominenten katholischen Milliardär Pierre Stérin erwähnt de Sinety: Da wird er schon etwas konkreter, wenn er daran erinnert, dass dieser Milliardär – Wohltäter leider keine Projekte unterstützt, die sich auf die Unterbringungen von Migranten, also Flüchtlingen, beziehen (S. 96).
Das Buch des Priesters de Sinety gegen die Identitäten Katholiken ist am 13. Mai 2026 erschienen: Offenbar konnte Bolloré den Druck dieses Buches und den Vertrieb nicht mehr stoppen, so landete es in den Buchhandlungen am 13. Mai. Einen Monat zuvor (am 14.4.2026) hat Bolloré den weithin geschätzten verantwortlichen Hauptlektor des Grasset – Verlages, Olivier Nora, fristlos entlassen: war es die Wut, weil Nora das Buch von de Sinety publizierte?

9.
So wertvoll auch die heftige Warnung de Sinetys vor der Umgestaltung der französischen Kirche durch die katholischen Rechtsradikalen und Identitätren in Frankreich ist: Die Argumente des Autors wirken manchmal merkwürdig schwach, etwa wenn er die bestehende Trennung von Kirchen und Staat in Frankreich, die laicité, nur als einen formalen Rahmen versteht, den die Kirche mit (ihrem) Inhalt füllen sollte: Dabei hat doch die laicité selbst ihre eigene humanistische Philosophie: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, letztlich auch die Menschenrechte als das Ideal der Republik. Mit den klassischen theologischen Argumenten des sehr frommen Autors de Sinety wird man die Rechtsradikalen und Identitären, selbst wenn sie sich katholisch geben, nicht von ihrem falschen Denken und falschen Handeln abbringen. Anders gesagt: Ohne philosophische Argumente wird man rechtsextremen Ideologien – auch katholisch rechtsextremen Ideologien – nicht begegnen können.

10.
Man muss freilich auch daran erinnern, dass auch schon 2016 der Journalist Jean-Claude Guillebaud in der Pariser Wochenzeitschrift „La Vie“ an jene Rechtsextreme erinnerte, die er «Les catholiques athées“, also die atheistischen Katholiken nannte, in Erinnerung an die genannte „Action franciase“ und ihres Gründers Charles Maurras. Auch ihm ging es um die Verteidigung der Institution Kirche als Garantie der konservativen Ordnung. Auch Mussolini war ein Anhänger dieser – vom Papst verbotenen, aber bis heute lebendigen – Ideologie. Der Schriftsteller Georges Bernannos hat der Action Francaise heftig widersprochen, in seinem Text “Scandale de la verité“, Skandal der Wahrheit, schieb er 1939 über diese „falschen Christen“, die katholischen Rechtsextremen: «Ils croiraient volontiers que le Christ est mort uniquement pour la sécurité des propriétaires, le prestige de tous les hauts fonctionnaires et la stabilité des gouvernements-: „Sie glauben ohne weiteres, dass Christus einzig für die Sicherheit der Eigentümer gestorben ist, für das Prestige der hohen Beamten und die Stabilität der Regierungen. (Der französische Text von Bernanos: LINK.  https://fr.wikisource.org/wiki/Scandale_de_la_v%C3%A9rit%C3%A9)

11. ERGÄNZUNG:

Der Essay von Benoit de Sinety „La Cause du Christ“ nennt nur wenige Gruppen, Gemeinschaften und Orden, die zu der sehr rechten, stets stärker werdenden Dimension im französischen Katholizismus gehören: Ich nenne ergänzend einige Beispiele dieser einflussreichen Kreise, sie werden unter Religionssoziologen als „intransigent“ bezeichnet, das heißt:. Sie sind „kompromisslos“, „unerbittlich“, „unnachgiebig“ hinsichtlich ihrer Treue zu ihren extrem konservativen Überzeugungen.
In einer Studie in dem Buch „Jean Paul II – la fin d` un règne“ (Edition Golias 2003) werden viele der neuen geistlichen Gemeinschaften genannt, etwa Emmanuel oder die Gemeinschaft „St. Jean“ und so weiter, alle snd seit Jahren nun bekannt auch als Orte sexuellen Missbrauchs und spirituellen Missbrauchs. Auf S. 184 wird auf die „Intransigenten Medien“ verwiesen, etwa auf „La Nef“, „L Homme nouveau“, „Familie chrétienne“, „France catholique“. oder auch auf die machtvolle Organisation „Associations familiales catholiques“ (AFC). Das Opus Dei hat auch in Frankreich einen eigenen Verlag, „Editions du Laurier“…. Diese reaktionären Kreise bestimmen weithin das Leben der katholischen Kirche in Frankreich. Aus diesen Kreisen werden die vielen tausend Papst – Bewunderer stammen anläßlich der Reise Papst Leos nach Lourdes, Paris und Metz…

Benoist de Sinety, „La Cause du Christ. `L Evangile contre l`identité chrétienne“. Paris 2026, Editions Grasset, 160 Seiten, 16 €.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Ideologien: Die treibenden Kräfte für politischen und religiösen Wahn

Ein Hinweis von Christian Modehn am 14.9.2026.

1.
Wie schädlich sind Ideologien für die Menschheit ? Dies ist eine aktuelle, dringende politische Frage, aber auch eine philosophische Frage. Und darüber sollten wir Klarheit finden.

2.
Tatsache ist: Menschenverachtende Ideologien werden immer mächtiger, immer gefährlicher: Man beobachte die unzähligen Diktatoren; die sich allmächtig fühlenden Tech – Milliardäre; die sich Politiker, Präsidenten, nennenden Kriegstreiber; man denke an die Mitglieder extremer Parteien voller Feindbilder; an religiöse Gruppen, die meinen die absolute Wahrheit für alle zu haben… alle diese leibhaftig gewordenen Ideologien sind destruktiv für die Menschheit. Die von diesen Ideologien beherrschten Menschen wollen ihr schändliches Agieren in einem Nebel von angeblichen Wahrheiten als normal, als üblich, erscheinen lassen. Und viele unvernünftige Menschen glauben das.
Man denke weiter an die Faschisten und den Faschismus, die Nazi-Ideologen von heute, die Varianten des verheerenden Nationalismus, man denke an den Stalinismus, den Antisemitismus, an bestimmte Varianten der MAGA-Bewegung in den USA, an den Anti-Islam, die brutalen Anti-Gay- und Anti – Queer – Bewegungen, die Mafia und so weiter.
Sind aber Ideologien immer destruktiv und für die Menschheit gefährlich?

3.
Tatsache ist: Jeder Mensch baut sich im Laufe seines Lebens seine persönliche, individuelle geistige Welt auf: Diese sollte man subjektive Ideologie nennen. Vielleicht wird diese eigene, subjektive Weltdeutung im Laufe des Lebens korrigiert, vielleicht baut man sich dann – beeinflusst durch die Bildung, die Arbeitsstätte usw. – eine neue Ideologie zusammen: Man beachte also: Diese je individuelle Interpretation der Welt, des eigenen Lebens, ist die persönliche Ideologie. Und sie wird als „meine“ private Weltanschauung auch realisiert im Alltag, sie gehört insofern zum geistigen Leben des Menschen, ist also – philosophisch gesehen – notwendig.

4.
Ideologien entstehen in der Auseinandersetzung mit den grundlegenden Fragen, die sich jeder Mensch im Laufe seines Lebens stellt und, bewusst oder nicht explizit reflektiert, für sich beantwortet: Also diese existentiellen Fragen: Was ist wahr, was ist Wahrheit? Was ist gut und was ist böse? Was ist schön und was ist hässlich, was ist Freiheit, Würde, Gleichheit der Menschen? Auf diese zentralen Fragen menschlicher Existenz gibt es keine immer schon vorgegebenen, „abrufbaren“ definitiven Antworten. Stets muss jeder die Antworten auf die genannten Fragen selbst suchen und, wenn „gefunden“, dann auch prüfen, ob sie für mein Leben und das Leben der anderen, auch der Menschheit, hilfreich sind. Diesen anspruchsvollen Prozess des je eigenen umfassend kritischen Denkens meinte Kant mit seinem Aufruf:„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

5.
Die genannten zentralen Fragen ( Was ist wahr, was ist Wahrheit, was ist gut und was ist böse, was ist schön und was ist hässlich, was ist Freiheit, Würde, Gleichheit der Menschen…) weisen auf die Ideale der Menschheit hin, oder, klassisch gesagt, auf „die Ideen“, also die allgemeinen Begriffe.
Diese Ideale der Menschheit sind im Geist der Menschen verwurzelt, auch Verblendete und Verbrecher müssen ihre abwegige Interpretation dieser Ideale noch als gut und wahr und schön für sich selbst wie für andere deuten, als Beitrag für die Würde und Freiheit der Menschen propagieren. Dies nur als Hinweis darauf, dass kein Mensch der Auseinandersetzung mit diesen Idealen oder Ideen entkommt.

6.
Hier kann nur kurz an den sprachlichen Ursprung von Ideologie erinnert werden: Man beachte die beiden Begriffe in der „Ideo – Logie“: Das bedeutet: Eine Ideologie ist der Logos der Ideale oder der Ideen, die individuelle Interpretation der Ideen und Ideale. Meine Ideologie ist mein persönlichen Logos der allgemeinen Idee.

7.
Aber diese genannten Ideale oder Ideen kann kein Mensch umfassend und eindeutig verstehen und auch eindeutig realisieren: Diese Ideale und Ideen (etwa: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Gerechtigkeit, Demokratie) sind etwas „Uneinholbares“ , nur „unvollständig Realisierbares“, etwas stets noch „Kommendes“, wie der Philosoph Jacques Derrida in seinem Spätwerk betonte.

8.
Wann kippen Ideologien um in Herrschaftsformen der Verbrecher, von denen zu Beginn dieses Hinweises die Rede ist? Wenn Menschen die Kontrolle ihrer persönlichen, privaten und individuellen Ideologie durch universell geltende Normen aufgeben: Diese Kontrolle: „Ob meine Ideologie zur Welt der humanen Menschheit passt oder nicht“, bietet etwa die Anwendung der Kategorischen Imperative von Immanuel Kant. Die verschiedenen Formen des Kategorischen Imperativs prüfen, ob meine Maxime, also meine eigene subjektive Ideologie, tatsächlich allgemeines Gesetz, humanes Gesetz für alle werden kann.
Es ist die Lust an der Destruktivität der genannten Verbrecher, die die Anwendung des universell geltenden Kategorischen Imperativs verhindert. Diese Leute sind um ihres wahnhaften Egos willen nicht imstande und haben keinen Willen, die normative Prüfung ihrer Ideologie zu leisten.

9.
Menschen, die den universell geltenden humanen Normen folgen, leben mit einer humanen Ideologie, etwa der Anhänglichkeit an die parlamentarische Demokratie als Ideal und als absolut hoch zu schätzende Idee. Es gibt selbstverständlich auch humane politische Ideologien. Dass auch sie gefährdet sind, ist deutlich: Einzelne Demokraten können die Ideale demokratischen Lebens und einer demokratischen Ideologie verraten…

10..
Unsere aktuelle politische, kulturelle, ökonomische und religiöse Situation ist als Kampf der Ideologien zu verstehen: Es gibt der Menschenwürde und den Menschenrechten entsprechende Ideologien und es gibt inhumane Ideologien. So lange Demokratien noch bestehen und Demokraten noch handeln können, sollte man genau wissen, wie Demokraten mit antidemokratischen Parteien umgehen. Herrschen erst einmal undemokratische Ideologien und deren Parteien, ist es zu spät für die Demokratie und die Demokraten. Noch ist es Zeit, mit den WählerInnen antidemokratischer Parteien in ein Gespräch zukommen, verblendete Parteiführer sind wahrscheinlich für ein vernünftiges Gespräch schon unerreichbar.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Spiritueller Missbrauch: Eine neue Dimension des Missbrauchs durch Priester, Ordensleute in Frankreich

Ein Hinweis von Christian Modehn am 12.9.2026

1.
In Frankreich haben am 7. September 2026 215 Opfer von ihrem „spirituellen Missbrauch“ Papst Leo einen Brief geschrieben: Sie  fordern den Papst auf, wirksame Mittel zur Überwindung dieser Form kleriker Herrschaft  zu veranlassen.

2.
Spiritueller Missbrauch ist eine Instrumentalisierung Gottes durch die Herrschaft von kirchlichen Vorgesetzten. Diese meinen, förmlich an der Stelle Gottes stehend, ihre Untergebenen seelisch belasten und quälen zu dürfen und zu Gehorsam und Unterwürfigkeit zwingen zu können. Das Motto dieser spirituellen HerscherInnen“: Wer den OberInnen folgt, folgt Jesus Christus. Totaler Gehorsam also. „Dieses Verhalten zerstört fundamental die Seele der betroffenen Menschen“, sagt die Psychologin und Spezialistin für diese „Fälle“ Isabelle Chartier – Siben der Tageszeitung La Croix. Der spirituelle Missbrauch darf angesichts der vielen tausend Fälle des sexuellen Missbrauchs durch Kleriker nicht länger ignoriert werden, zumal der spirituelle Missbrauch oft auch in einem sexuellen Missbrauch führt, betonen die Betroffenen.

3.
Eine erstaunlich große Anzahl: 215 Laien, Priester und Nonnen, gehen in die Öffentlichkeit: Den Brief an den Papst haben alle unterschrieben, in die große Öffentlichkeit (der französischen Presse) gehen drei Opfer: Fabio Barber, Priester der „monastischen Familie von Bethlehem“, Gabriel Laguarigue de Survilliers, ehemaliger Mönch der „Gemeinschaft Saint Jean“ sowie die Theologin Benedicte Nolte de Brauwere aus der „Kommunität des Lammes“.
Die übrigen Unterzeichner des Briefes an den Papst haben nach wie vor Angst vor Repressalien seitens der Chefs ihrer Gemeinschaften, und meiden deswegen die große Öffentlichkeit, berichtet die Tageszeitung La Croix. Sie hat diesen Missbrauch am 7.9.2026 publiziert. Die Autorin des Berichtes in „La Croix“ schreibt: „Warum gerade jetzt an den Papst schreiben? Die Initiative der Unterzeichner erfolgt zu einem Zeitpunkt, zu dem Rom bereits im Jahr 2024 die Auseinandersetzung mit dem Thema „geistlicher Missbrauch“ in Angriff genommen hat. Seit zwei Jahren arbeitet eine kleine gemeinsame Arbeitsgruppe des `Dikasteriums für die Glaubenslehre` und des `Dikasteriums für Gesetzestexte` daran, spirituellen Missbrauch im kanonischen Recht anzuerkennen. Dabei soll insbesondere geklärt werden, ob ein spezifischer Straftatbestand geschaffen oder bestehende Straftatbestände präzisiert werden müssen, um diese Situationen besser zu erfassen.
Gerade weil diese Überlegungen im Gange sind, wollen sich die Unterzeichner Gehör verschaffen: Soe sagen:  „In diesen Studienkreisen sind die Opfer kaum vertreten. Man betrachtet sie weiterhin als Menschen, denen man Mitgefühl entgegenbringt, aber nicht als Experten, die in der Lage sind, über das, was sie erlebt haben, nachzudenken und es zu entschlüsseln“, bedauert Fabio Barbero. Der ehemalige Ordensbruder fordert „mehr Transparenz“ und vor allem, dass die Opfer wirklich in die Arbeit einbezogen werden, „nicht nur, um eine Statistenrolle zu spielen.“ 
…Doch der Weg scheint lang und heikel zu sein, wie aus einem Interview hervorgeht, das Kardinal Victor Manuel Fernandez, Präfekt des Dikasteriums für die Glaubenslehre, im Januar 2025 der spanischen katholischen Wochenzeitung „Alfa y Omega“ gewährte.(Übersetzt durch deepl.com)

4.
Wichtig ist auch die Veröffentlichung der Namen der der betroffenen Gemeinschaften, siehe die aus La Croix übernommene Liste in Fußnote 1.

Dabei ist auffällig, dass als `Täter – Organisationen` viele offiziell so genannte „neue geistliche Gemeinschaften“ vertreten sind. Diese haben durchaus befremdliche, mysteriös – fromme Titel. Aber man unterschätze nicht den Einfluß dieser Gruppen auf die französische Kirche: Diese Gemeinschaften leiten Pfarr – Gemeinden, betreuen Wallfahrsorte, haben Priesterseminare, bieten allerlei Besinnungstage für Laien an usw… Auch etliche französische Bischöfe gehören etwa zur sehr konservativen Gemeinschaft `Emmanuel`. Zum Beispiel Bischof Dominique Rey, der von Papst Franziskus wegen allzu reaktionären Regierens „seines“ Bistums als Bischof von Toulon abgesetzt wurde. Diese genannten Gruppen, in den bisher spiritueller Missbrauch bekannt wurde, sind meist sehr konservativen, sehr papsttreuen, sehr charismatisch: Sie wurden wurden – wen wundert es – von Papst Johannes Paul II. aufs höchste gelobt: Sie seine die wahren Missionare Europas, sie seien so zuverlässig katholisch usw…

Kardinal Joseph Ratzinger sagte 2005 ganz enthusiastisch (naiv): „Diese kirchlichen Bewegungen (die neuen geistlichen Gemeinschafte)  verheißen neue Möglichkeiten: Hier kommt ein Suchen nach der Mitte zum Vorschein, das die Diagnose vom Ende des Religiösen Lügen straft und Wege neuen Lebens aus dem Glauben anbahnt, in denen sich die unerschöpfliche Fruchtbarkeit des Glaubens erneut bewährt.“ (Quelle: Joseph Ratzinger, „Theologische Prinzipienlehre“, 2005, S. 394.

„Gezeigt hat sich“ hingegen, de facto, „die unerschöpfliche Fruchtbarkeit“ sexuellen und spirituellen Missbrauchs in den meisten dieser Gemeinschaften..

Seit etwa 10 Jahren sind viele Fälle heftigen sexuellen Missbrauchs in diesen so hoch gelobten Gemeinschaften öffentlich bekannt. Diese Freilegung dieser Verbrechen führte zu einer tiefen Krise der (Glaubwürdigkeit der) katholischen Kirche in Frankreich.  Zum Niedergang der katholischen Kirche in Frankreich: LINK https://religionsphilosophischer-salon.de/16606_wenn-der-klerus-die-glaeubigen-vertreibt-der-zusammenbruch-der-katholischen-kirche-in-frankreich-heute_aktuelles

5.
Und das alles wird öffentlich wenige Tage vor dem Besuch Papst Leos in Frankreich: Vom 25. bis 28. September 2026 wird er Lourdes, Paris und Metz besuchen: Die Anmeldungen zur Teilnahme an seinen vielen Messen und Gottesdiensten dort gehen in die vielen tausend. Auf der riesigen Place de la Concorde wird es eine Messe für die 500.000 bis 600.000 frommen Massen geben… 27 Millionen Euro wird die drei-tägige so genannte “Pilgerfahrt“ kosten.

Kann mit einer halben Million Teilnehmer die Eucharistie, die Erinnerung an das Abendmahl Jesu von Nazareth, gefeiert werden? Oder wird da die Eucharistie zur Demonstration der Macht und Herrschaft der katholischen Kirche in einem weltlichen („laique“) Staat? Als Kult eines „Führers“, des Papstes?
6.
Ob der Papst einige Opfer des spirituellen Missbrauchs in Frankreich trifft, ist offen.
Das aber steht fest: Die Freilegung des spirituellen, man sollte eher sagen seelischen Missbrauchs in diesen einst offiziell so vorbildlich gepriesenen Gemeinschaften ist eine Katastrophe nicht nur für die französische Kirche. Aber die frommen Massen, offenbar die dogmatisch stabilen „Hardliner“, lassen sich davon nicht beeindrucken. „Es menschelt halt bis zu Gott“, heißt ihre tröstende (?) Weisheit.

7.

Spiritueller, geistlicher Missbrauch ist nicht nur ein Problem der Kirche in Frankreich, im Bistum Münster wird  eine entsprechende Studie veröffentlicht: LINK: https://katholisch.de/artikel/70293-studie-zu-geistlichem-missbrauch-in-muenster-wird-vorgestellt

Fußnote 1: Die Betroffenen Gemeinschaften des spirituellen Missbrauchs, entnommen von la Croix am 7.9.2026:

Alliance des Cœurs unis, Bénédictines de Montmartre, Carmel de Simacourbe, Carmel du Reposoir, Carmel de Toulouse, Carmel,
Cisterciens de Sept-Fons,
Les Communautés de L’ Agneau, de l’Emmanuel, des Béatitudes, du Chemin Neuf, du Pain de vie, du Verbe de Vie,
consacrées du Regnum Christi (Laien der Legionäre Christi),
Communautés Saint-Jean, Communauté Saint-Martin,
Communion et libération, Compagnie de Jésus province de France (Jesuiten),
Famille de Marie Œuvre de Jésus Souverain Prêtre, Religieuses de l’Assomption,
Famille missionnaire de Notre-Dame, Famille monastique de Bethléem, Focolari, Fondacio, Foyers de Charité, Fraternité Eucharistein, Fraternité de Marie Reine Immaculée,
Fraternités monastiques de Jérusalem (St. Gervais, Paris), Fraternité Verbum Spei, Institut du Christ Roi Souverain Prêtre, Institut Notre-Dame de Vie,
Légionnaires du Christ,
Maria Stella Matutina,
Opus Dei,
Point Cœur, Sœurs Missionnaires de la Charité, Séminaire Saint-Luc d’Aix-en-Provence.

Quelle: https://www.la-croix.com/religion/abus-spirituels-d-anciens-membres-de-communautes-demandent-au-pape-des-reponses-fortes-20260907

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

 

 

 

Berlin: Hat die katholische Kirche etwa noch eine Zukunftsperspektiven ?

Ein Hinweis von Christian Modehn am 10.9.2026

Ergänzt am 15.9.2026: Die Führung der evangelischen und der katholischen Kirche in Berlin hat am 15.9.2026 einen „Aufruf“ zur Wahl am 20.9. 2026 veröffentlicht: Allgemeine Floskeln: Bitte Demokratie wählen und die von Gott gegebene Menschenwürde beachten und so weiter und so weiter.

Über irgendwie gefährliche Parteien wird schwadroniert; aber, wie üblich, die für die Demokratie gefährlichen rechtsextremen Parteien werden nicht beim Namen genannt, also kein Wort, kein expliziter Hinweis zur AFD …Die Kirchenführung geniert sich, präzise zu werden, die Zerstörer der Demokratie beim Namen zu nennen.

Kein Wort zu den sehr großen Problemen der meisten Menschen in Berlin: Wohnen, Miete, Bildungsrückstand, Gewalt, multikulturelles Zusammenleben, Überwindung des Gegensatzes sehr reiche Bürger-sehr arme Bürger in einer Stadt… Floskeln also werden verbreitet; wer wird sie lesen, hören, ernst nehmen? Inspirierend ist nichts in diesem abgedroschenen Aufruf…. Der Text dieses „Aufrufs“: siehe unten, als Fußnote.

Ein Vorwort:
Dieser Beitrag zeigt faktenreich: Die katholische Kirche in Berlin als eine heute (2026) noch etwas bedeutende gesellschaftliche Organisation wird zunehmend zur verschwindenden Minderheit in Berlin: Diese Kirche baut ab, schließt und verkauft Kirchen mit den Gemeindehäusern, also den Orten der dringend gebotenen Kommunikation: Warum? Weil die katholische Kirche nach wie vor Klerus – fixiert ist, unbeweglich an Dogmen festhält, eine esoterisch-unverständliche Sprache in der Messe praktiziert usw…Zu den sehr belastenden Themen der BerlinerInnen hat die Kirche wenig zu sagen: Vor allem zum drängenden Problem, noch bezahlbare Mietwohnungen zu erhalten.
Und vor allem: Die katholische Kirche hat ganz offiziell und explizit den Papst als Chef einer „absoluten Wahl – Monarchie“. Und diese Kirche ist deswegen noch stolz darauf, explizit nicht demokratisch strukturiert und explizit nicht demokratisch organisiert zu sein.
Eine ihrem Wesen nach undemokratische Kirche kann auch in Berlin kaum glaubwürdig Demokratie fördern und helfen, zusammen mit demokratischen Organisationen und demokratischen Parteien, die bevorstehende Herrschaft der Rechtsextremen in Deutschland zu überwinden.

1.
Vor der Wahl in Berlin am 20.9.2026 sprechen viele PolitikerInnen aller Parteien von (neuen ?) Perspektiven für Berlin. Manche Politiker meinen sogar, „Visionen“ für Berlin in den nächsten Jahren propagieren zu können. „Visionen“ sind der milde Begriff für jene, die das Wort Utopie scheuen. Utopie hat durchaus den Charakter, „Handlungsalternativen und Möglichkeitsspielräume zu erschließen, die über die geschichtliche Kontinuität hinausschießen.“ (Jürgen Habermas, „Die neue Unübersichtlichkeit“, Frankfurt 1985, S. 142). Utopien sind also wichtig zum Überleben. Auch die Kirche hat eine Utopie, leider wird diese Utopie („Reich Gottes“) oft verdrängt und vergessen…

2.
Das Thema führt zu der Frage: Hat eine bestimmte gesellschaftliche Organisation, die katholische Kirche in Berlin, jetzt eine Zukunfts-Perspektive für Berlin, also ein reflektiertes Projekt für die ca. 4 Millionen BerlinerInnen und auch für die Kirche selbst in der Hauptstadt?
Der Ausgangspunkt ist die Erkenntnis eines Mangels: Es gibt keine theologisch-kritischen, religionswissenschaftlichen oder religionssoziologischen Studien zu Gegenwart und Zukunft der Religionen in Berlin. Es gibt auch keine konfessionsunabhängigen, also objektiven Studien zu Gegenwart und Zukunft der katholischen Kirche in Berlin. Das Thema „Religion bzw. Kirche in der Stadt“ scheint Wissenschaftler nicht zum kritischen Studium zu inspirieren. Ein Grund: An den Universitäten in Deutschland gibt es eine Überfülle theologischer Fakultäten mit immer weniger StudenTinnen, aber sehr wenig religionssoziologische Forschung. Dies ist, nur nebenbei, ein deutlicher Unterschied etwa zu Frankreich oder den Niederlanden. Über die Zukunftsperspektiven der Evangelische Kirche, des Islam, der jüdischen Gemeinden in Berlin sollen andere forschen, spannend ist auch dieses Thema.
Wir bieten hier einige nüchterne, aber auch ernüchternde Daten und Fakten, sie sind unersetzlich zum Verstehen unseres Hinweises und alles andere als „langweilig“.

3.
Unser knapper Hinweis um Thema ist von allgemeinem Interesse: Wie eine Kirche, die sich gern „Global Player“ nennt, in dieser multikulturellen europäischen Metropole in einem säkularisierten Europa lebt bzw. überlebt, ist bedeutsam für die ganze Gesellschaft. Verschwindet langsam die katholische Kirche, denkt sie selbst – uninspiriert und theologisch armselig – nur an Abbauen, Schließen, Abreißen, Schrumpfen usw… verschwindet eine Dimension europäischer Kultur.
Tatsache ist: Die katholische Kirche in Berlin schrumpft vor sich hin, hat keine kreative Energie mehr für die eigene Zukunft, legt aber gleichzeitig noch allen Wert auf teure repräsentative Neu-Bauten (St. Hedwig-Kathedrale, Bernhard Lichtenberg Haus ) in Mitte, „Unter den Linden“. Über das zunehmende finanzielle Vermögen der katholischen Kirche in Berlin siehe den ausführlichen Bericht von Roberto Jurkschat in RBB24: LINK

4.
Globale humane Perspektiven für Berlin und ihre BewohnerInnen sind eher für die Caritas von Bedeutung. Die Caritas ist am wenigsten Klerus – bestimmt, dort arbeiten – Gott sei dank -Menschen verschiedener Spiritualitäten.
Die Kirchenleitung und die von ihr abhängigen Laien-Gremien konzentrieren sich hingegen auf das innerkirchliche Leben. Unter dem Stichwort „Wo Glauben Raum gewinnt“ wird administrativ die Zukunft des Erzbistums gestaltet, also das Schrumpfen und langsame Verschwinden praktiziert: Viele kleine Pfarrgemeinden mit ihren Kirchen und Gemeindehäusern wurden amtlich bereits aufgelöst und in größere Verbände, „Großpfarreien“ genannt, überführt. Insgesamt soll es im ganzen Erzbistum noch 36 Großpfarreien geben.

5.
Der wichtige Grund dafür: Es gibt nicht ausreichend Priester. Würden nicht polnische, indische, ghanaische, nigerianische, spanische, lateinamerikanische Priester usw. als „Gastarbeiter“ den weithin alt gewordenen „deutschstämmigen“ Klerus in Berlin ersetzen, wäre es mit der Klerus- Kirche vorbei. Aber diese genannten klerikalen „Gastarbeiter“ sorgen dafür, dass das Gesetz nach wie vor gilt: „Nur der Klerus kann Gemeinden leiten: Gibt es keinen Klerus, gibt es keine Gemeinden.“ Dies ist das oberste Prinzip überall in der Kirche, durchgesetzt vom Vatikan, vom Papst. Es geht tatsächlich um den Machterhalt der Klerus auf Kosten des Gemeindelebens. Diese Entwicklung nimmt der Klerus in Kauf. Aber man weiß: Eines Tages werden auch die „Gastarbeiter – Priester“ aus aller Welt nicht mehr nach Berlin strömen, weil sie selbst in ihren Heimatländern dringend gebraucht werden. Wenn in zwanzig Jahren auch die Gastarbeiter – Priester ausfallen, dann fällt alles aus, weil die Kirchenführung es nicht geschafft hat, Frauen und Männer zu befähigen, Verantwortung in den Gemeinden zu übernehmen, selbstverständlich, dass sie dann auch Eucharistie feiern…Aber das ist die gute und richtige Utopie, die der Klerus gar nicht hoch schätzt… Utopien sind für ihn gefährlich, auch wenn die Utopie von der Gleichheit und Gleichberechtigung aller Gläubigen spricht…

6.
In Berlin lebten im Jahre 2025 258.000 KatholikInnen als zahlende Mitglieder der Kirche. Im Jahr 2022 waren es noch 281.000.
Aus der Kirche sind im Stadtgebiet Berlin beispielsweise zwischen 2018 und 2025 insgesamt 52.270 KatholikInnen ausgetreten. Diese Zahlen beziehen sich nur auf die Stadt Berlin, nicht auf Brandenburg und Vorpommern, Gebiete, die ebenfalls zum Erzbistum „gehören“.
Im Jahr 2025 nahmen -laut Zählung durch die Kirche – von den 258.00 KatholikInnen in Berlin etwa 31.000 an der Sonntagsmesse teil. Wie viele von ihnen jeden Sonntag teilnehmen, wird nicht berichtet. Nebenbei: Befragungen in Frankreich differenzieren: „Teilnahme an der Messe regelmässig“, oder nur „einmal im Monat“ usw. Auch wurde in der Berliner Statistik nicht berichtet: Wie viele TeilnehmerInnen der Messe in Berlin etwa aus Polen oder den spanisch sprechenden Ländern usw. stammen. Auch vom Altersdurchschnitt der TeilnehmerInnen ist keine Rede.
Wenn also nur noch 31.000 KatholikInnen durch ihre Teilnahme an der Messe ein stärkeres religiöses Interesse haben, dann überrascht doch die relative finanzielle Stabilität dieses Erzbistums Berlin: Über 171 Millionen Euro Kirchensteuereinnahmen konnte das Erzbistum Berlin im Jahr 2025 verfügen. Eine erstaunliche Summe trotz der vielen tausend Kirchenaustritte.

7.
Abgesehen davon, dass die allermeisten katholischen (wie die evangelischen Kirchen sowieso) während der Woche außerhalb der seltenen Wochentags-Gottesdienste geschlossen sind: Die äußere Sichtbarkeit dieser Kirche im „Stadtbild“ verschwindet. Die als überflüssig oder als einsturzgefährdet eingeschätzten Kirchen und Gemeindehäuser stehen dann lange Zeit leer, werden irgendwann verkauft oder dann profaniert oder auch abgerissen. Alte Menschen, oft noch die einzigen, die ein sehr lebhaftes Interesse an den katholischen Messen haben, müssen weite Wege zurücklegen, um ihre „Sonntagspflicht“ zu erfüllen…Und die Gemeindehäuser, die noch bestehen, sind während der Woche – über die Sekretärinnen dort – nur ein paar Stunden geöffnet…

8.
Aktuelle Beispiele für Schließungen, Verkäufe, Abrisse:
Die Kirche St. Albertus Magnus am Kurfürstendamm, im Stadtteil Halensee, wurde 2025 entwidmet, seitdem steht sie leer und verfällt.
Die Kirche im “Katharinenstift“ in der Greifswalder Str. in der Nähe des Alexander-Platzes wurde im Februar 2026 profaniert.
Die Kirche und das Kloster der polnischen Kamillianer – Priester St. Kamillus in Charlottenburg wurde 2026 aufgelöst; das Gebäude soll verkauft werden, weil die offenbar bettelarmen polnischen Kamillianer Geld für die Pflege ihrer alten Ordensmitglieder brauchen. Bis jetzt (August 2026) steht dieser Gebäudekomplex am Klausener Platz leer… es gab einige ergebnislose Proteste der betroffenen Gemeindemitglieder.
Von vielen weiteren Beispielen wäre zu reden, etwa vom Abriss der schönen Kirche St. Raphael in Berlin – Gatow an der Havel schon im Jahr 2005 unter der Herrschaft von Kardinal Sterzinsky. Dort gab es heftigen, aber bei der Allmacht des Klerus erfolglosen Protest gegen diesen sinnlosen Verkauf und Abriss…
Vom Abriss der Kirche St. Johannes Capristran in Tempelhof nach der Profanierung im Jahr 2004 müsste gesprochen werden … inclusive der merkwürdigen Verkaufs-Details..
Im Osten Berlins, in Biesdorf, wurde die Herz Jesu Kirche 2013 entwidmet und verkauft.
In Moabit wurde die St.Laurentius Kirche 2007 an eine evangelikale Kirche verpachtet…
In Lichtenrade wurde im Jahr 2008 die Kirche „Zu den heiligen Märtyrern von Afrika“ im Jahr 2008 aufgegeben.
Viele spirituell Interessierte haben heftig bedauert den Verkauf des katholischen Meditations – Zentrums, „Exerzitien-Haus“ genannt, in Berlin – Kladow, an der Havel gelegen. Dies geschah unter der Herrschaft von Erzbischof Georg Sterzinsky:
Dieser beliebte Ort der Stille und Meditation für die gestreßten BerlinerInnen lag nach dem Verkauf (der finanzielle Gewinn fürs Bistum wurde nie publiziert) Jahre lang ungenutzt brach, die Gebäude wurden 2013 schließlich abgerissen. Heute gibt es noch ein kleines, gut besuchtes Exerzitienhaus des Karmeliter-Ordens in Birkenwerder bei Berlin.

9.
Die vielen Verkäufe von Kirchen und Gemeindehäusern in Berlin sollen die Bistumskasse füllen, also auch die beträchtlichen Gehälter der Priester und Prälaten garantieren. Das ist das Ziel. Ein katholischer Erz-Bischof in Berlin erhält die Besoldungsgruppe B 10, also mindestens das Grundgehalt, das sind ca. 16.530 Euro brutto pro Monat….
Ältere Priester, so um die 50, erreichen die Besoldungsgruppe A 14, also etwa 6.000 Euro im Monat. Netto bleiben dann mindestens 4.000 Euro monatlich für diesen allein lebenden „Junggesellen“. Es ist nicht bekannt, dass diese bestens bezahlten Herren der Kirche etwa 10 Prozent ihres Gehaltes spenden etwa für eine Stiftung armer Familien oder für Flüchtlinge oder für die Opfer von rassistischer Gewalt in Berlin. Das wäre eine kleine, bescheidene Perspektive der Kirche für Berlin und BerlinerINnen…

10.
Von den aufgegeben katholischen Kirchen im Land Brandenburg nennen wir hier nur: Die katholischen Kirchen in Buckow, Friesack, Großbeeren, Hohen Neuendorf, Seelow, Stahnsdorf usw… Dort gab es von Gemeindemitgliedern Widerstand gegen diese Entwicklung, aber er war – wie immer – vergeblich.
Theologisch wichtiger: Es wurden auch keine Alternativen von der katholischen Kirchenführung vorgeschlagen: Etwa: Den wenigen Katholiken in diesen Orten, Dörfern, Städtchen, die Teilnahme an den evangelischen Sonntags-Gottesdiensten zu empfehlen. Das wäre eine Entscheidung, die endlich mal das so selten erlebte Prädikat „theologisch – kreativ“ verdient, eine bahnbrechende Entscheidung der viel besprochenen, aber nie faktisch gelebten Ökumene.
Aber nein, Kreativität, Mut zum Neuen, gibt es nicht im Rahmen des theologischen Stillstands und klerikalen Prinzips: Gemäß dem offiziellen katholischen Projekt „Wo der Glaube Raum gewinnt“ wächst das Gebiet katholischer Pfarreien im Land Brandenburg manchmal ins Monströse: Etwa: Die katholische Großpartei Stralsund im Erzbistum Berlin: Diese Pfarrei mit ca. 6.400 Mitgliedern umfasst jetzt große Teile Vorpommerns, etwa Demmin und Barth, ebenfalls die Hansestadt Stralsund sowie die gesamte Insel Rügen. Die Gesamtfläche dieser Pfarrei beträgt 3.200 Quadratkilometer, diese Pfarrei ist also etwas größer als das Saarland und etwas kleiner als die Insel Mallorca. Fünf Priester müssen durch dieses Land reisen, um in den verbliebenen Kirchengebäuden der kleine Städte für die wenigen Messbesucher die Messen zu lesen.
Wie schon gesagt: Kein Bischof, kein Theologe, kein Pfarrer kommt auch nur auf den Gedanken, den Katholiken in den Dörfern und Städtchen zu empfehlen: Nehmt bitte an den evangelischen Sonntagsgottesdiensten teil… (Zu Stralsunds „Groß-Pfarrei“ siehe etwa: LINK

11.
Die genannten Abrisse, Leerstände der Kirchen und Gemeindehäuser in Berlin stehen in Kontrast zu den Ausgaben der Katholischen Kirchenführung, die sie für das (neben der St. Hedwigskathedrale gelegene) Prestige – Objekt „Bernhard Lichtenberg-Haus“ einsetzt. Die aktuelle Prognose der Kosten: 33,8 Millionen Euro, bei der Planung im Jahr 2017 waren 17 Millionen Euro veranschlagt. Über den 44 Millionen Euro teuern Umbau der St.Hedwigs-Kathedrale haben wir berichtet, etwa am 2.11.2024: LINK

12.
In den Analysen der Finanzsituation der katholischen Kirche in Berlin wird oft vergessen, dass der Bodenbesitz des Erz – Bistum Berlin beträchtlich ist: „Der kirchliche Bodenbesitz der katholischen Kirche in Berlin beläuft sich auf rund 1206 Hektar, was etwa 1,3 Prozent der Stadtfläche ausmacht.“ LINK: Quelle: Tagesspiegel: https://interaktiv.tagesspiegel.de/lab/wie-viel-berlin-gehoert-der-kirche/.

Siehe auch zur Vertiefung: LINK https://interaktiv.tagesspiegel.de/lab/unchristliche-immobilien-geschaefte-wie-die-katholische-kirche-mit-grundstuecken-geschaefte-macht/

13.
In einer Kirche, für die Abbau oder Abbruch sozusagen normal, wenn nicht sogar üblich geworden ist, bleibt es überhaupt nicht verwunderlich, dass angesichts der vielen neuen Berliner Stadtviertel, etwa im Umfeld des Hauptbahnhofs, offenbar kein Gedanke auftaucht: In den neuen Stadtvierteln einen (ökumenischen) Raum der Stille, etwa eine bescheidene Ladenkirche, eine Krypta oder ähnliches zu mieten: Also „Orte des Zwecklosen“, der Ruhe, der Einkehr, des Dialogs, der Begegnung, der Transzendenz zu schaffen.
Hier wollen wir nur auf den sehr lesenswerten, erstaunlich kritischen Beitrag des katholischen Theologen und Kunsthistorikers Konstantin Manthey, Berlin, hinweisen. Er spricht von „Schockstarre“ und von der Obsession der „Besitzstandswahrung“ als Leitidee dieser Berliner Kirche: Manthey schreibt: Es werden in Berlin keine neuen Kirchen oder wenigstens kleine Gemeindezentren gebaut in Berlins 23 (!) neuen Stadtquartieren mit vielen tausend Bewohnern: „Nirgendwo ist dort bisher ein kirchlicher Ort vorgesehen, ein christlicher Raum für Zusammensein und ähnliches…“ (S. 127). Siehe das Buch:„Leben statt Leere“, Hg. Klaus – Martin Bresgott u.a. vom Kulturbüro der EKD.
In solchen Projekten könnte sich Ökumene endlich mal realisieren und sicher auch inter-religiöse Zusammenarbeit mit Juden und Moslems und warum nicht auch mit Buddhisten? Das sehr teure und auch architektonisch anspruchsvolle Projekt „Haus of One“ in Berlin kann hier nur erwähnt werden: Es soll ein Gotteshaus (mit getrennten Gebetsräumen!) werden, in dem wenigstens unter einem Dach ein ganz bißchen gemeinsam evangelische Christen sich versammeln sowie Mitglieder einer progressiven Gruppe des Islam und einer progressiven Gruppe im Judentum… Ob man das „House of One“ mutig im Sinne einer größeren Ökumene nennen kann, wage ich zu bezweifeln…

14.
Aber theologischer Mut hat Berliner Katholiken und die Bischöfe dort nie ausgezeichnet. Davon hat schon der große Kritiker der Berliner Kirche in den zwanziger Jahren des 20 Jahrhunderts, Dr. Carl. Sonnenschein, gesprochen: Er urteilte über den Berliner Katholizismus des 20. Jahrhunderts: „Der Berliner Katholizismus ist verdammt kleinstädtisch“. Siehe den Beitrag über Carl Sonnenschein von Christian Modehn vom 31. 1. 1979: LINK:
Die unmittelbar nach der Wende als Ort des Dialogs großzügig errichtete „Katholische Akademie“ in Berlin-Mitte ist angesichts ihres Angebotes seit einigen Jahren eine Nischen – Institution in der Stadtgesellschaft. Mit den in Berlin sehr zahlreichen, zum Tiel bedeutenden „weltlichen“ kulturellen Institutionen, Theater, Verlagen, Forschungszentren usw. besteht offensichtlich keine Vernetzung. Katholische Intellektuelle, Künstler, Schriftsteller gibt es in Berlin ohnehin nicht. Auch das „Zentralinstitut für Katholische Theologie“ an der Humboldt – Universität mit 60 Studentinnen und sechs ProfessorInnen spielt in Berlin keine öffentlich spürbare Rolle.
Nebenbei: Warum ist es in Deutschland immer noch nicht möglich eine gemeinsame christliche, theologisch – kritische Fakultät zu errichten?
Auch das Forschungsinstitut einiger progressiver Dominikaner-Theologen, das „Institut Chenu“ im Stadtteil Prenzlauer Berg, hat keine für die kulturellen Debatten Berlins öffentlich wahrnehmbare Relevanz. Die kulturelle Monatszeitschrift „Stimmen der Zeit“ (Auflage 6.000 Exemplare) der Jesuiten hat in Berlin ihre bescheidene Redaktion. Ihr gelingt es nicht, eigene theologische, kulturelle Veranstaltungen zu organisieren, übrigens fast eine Selbstverständlichkeit für christlich inspirierte oder katholische Kulturzeitschriften etwa in Frankreich, etwa Esprit oder Etudes.
Auch das noch: Alle 14 Tage erscheint in Berlin, an den Kiosken gar nicht wahrnehmbar, eine katholische Wochenzeitung, Bistumsblatt genannt, mit dem nur der Tradition verpflichteten Titel „Tag des Herrn“, 7.000 Exemplare sollen in Berlin im Abonnement noch verkauft werden:Das Blatt bedient alle Bistümer m Osten Deutschlands.

15.
Und auch das noch zum „intellektuellen katholischen in Berlin“: Es gibt im Ost – Berliner Stadtteil Biesdorf ein Priesterseminar der weltweiten neokatechumenalen Gemeinschaft. Diese klerikale Ausbildungsstätte stellt auch dem Erzbistum Berlin seit Jahren einige junge Priestern zur Verfügung, sie stammen aus aller Welt, aus Polen, Mexiko, Spanien, Dominikanische Republik usw…
Die Priester, dem Geist des Neokatechumenates absolut verpflichtet, bringen ihn im Seminar eingetrichterten sehr konservativen Geist in die Gemeinden.

16.
Die Katholische Kirche in Berlin und in ganz Deutschland wird zweifellos wegen der gleichbleibend hohen Austritte aus der Kirche eine Minderheit. Die viel besprochenen Erwachsenentaufen sind von der Anzahl her bewertet ein marginales Phänomen. Also: Über den Weg der Kirche in Berlin und in vielen anderen Metropolen Europas wird diskutiert. Und fast immer werden seit Jahren die gleichen Gründe für diese Entwicklung genannt: Säkularisierung, Verlust der Transzendenz-Erfahrung, Ende der Metaphysik, Individualismus, Streß im Alltag, Frustration über den Zustand der Welt und so weiter. Auch der sexuelle Missbrauch durch Priester hat viele Gläubige aus der Kirche getrieben, Katholiken also, die Priester allen Ernstes für „Hochwürden“ hielten und auch so anredeten und die noch lernten, Bischöfe seien „Exzellenzen“ oder gar als Kardinäle „Eminenzen“. Jetzt werden etwa in Essen Denkmäler abgerissen, einst errichtet zu Ehren Kardinal Franz Hengsbach, dem Opus Dei sehr affin und theologisch reaktionär in seinem Kamogf gegen die Befreiungstheologie als Chef des Hilfswerks „Adveniat“…. und…das Vertuschen sexuellen Missbrauchs durch Priester. Zum sexuellen Missbrauch durch Priester im Erzbistum Berlin siehe einen Beitrag aus dem Jahr 2023. LINK https://katholisch.de/artikel/45851-betroffene-schildern-erstmals-details-zu-berliner-missbrauchsfaellen
Auch der Tagesspiegel hat 2023 über heftigen sexuellen Missbrauch durch den Pfarrer der Gemeinde St. Ludwig in Wilmersdorf., Benno Fahlbusch, berichtet: LINK https://www.tagesspiegel.de/berlin/in-neukolln-und-wilmersdorf-priester-und-ordensschwestern-sollen-berliner-kinder-zu-sexuellen-handlungen-gezwungen-haben-9702752.html. Siehe auch den Bericht von Thomas Klatt im Deutschlandfunk 2021!: LINK

17.
Ein entscheidender Grund fürs anhaltende Schrumpfen und damit langsame Verschwinden der katholische Kirche ist auch das sture Festhalten an den Dogmen und Kirchengesetzen und Kirchengeboten; auch an Glaubensbekenntnissen, die in den Messen gesprochen, gesungen werden, deren Formeln und Floskeln aus dem 5. Jahrhundert niemand versteht. Dogmen dürfen dem sturen Gesetz der katholischen Kirche entsprechend nicht korrigiert, geschweige denn aufgehoben werden, selbst wenn sie im 4. Jahrhundert unter völlig anderen Kulturellen Bedingungen formuliert wurden. Das verstörende Erbsündendogma des heiligen Augustinus wird heute von kritischen und noch objektiv denkenden TheologInnen eindeutig abgewiesen, die Kirche hält stur an diesem Erbsündenwahn fest…

18.
So steht sich die katholische Kirche – nicht nur in Berlin – selbst im Wege. Sie wird – klerus-fixiert – keine Möglichkeit realisieren, den Weg ins Getto zu beenden. Es ist also auch die dogmatisch fixierte klerikale Welt, die die Menschen aus den Kirche treibt. Die Kirche und ihre Lehre wird zu einer fernen Welt der fernen Mythen und kaum nachvollziehbaren Geschichten, zum Ort, wo noch infantil, wenn nicht abergläubisch anmutende Kirchenliedern aus Zeiten der frühen Kindheit gesungen werden, von denen man sich bestenfalls noch am Heiligabend im Gottesdienst verführen lässt.

19.
Damit sind wir beim Ausgangspunkt unseres Hinweises: Diese Kirche hat den Geist der Utopie verraten, er gehört absolut zentral zur Botschaft Jesu! Die Kirche, zumal ihre Führung, hat vergessen, dass sie nicht für sich selbst, schon gar zur Stärke und Macht des Klerus, geschaffen ist, sondern… Ja, warum denn? Um die Utopie des Reiches Gottes als praktische Leitlinie ihres Handels zu gestalten. Und was ist der Inhalt der Utopie des Reiches Gottes? Friede, Gerechtigkeit, wesentliche Gleichheit aller Menschen, Brüderlichkeit: Christen sind also FreundInnen der humanen Utopie: Jesus fordert von den Menschen um der Menschlichkeit willen eine Umkehr der bisherigen Machtverhältnisse … im Umgang der Menschen untereinander, zumal in den Kreisen der Frommen, also der Kirche.

20.
Die katholische Kirche in Berlin hat – wie jede Kirche – , „das Beste der Stadt“ zu suchen und zu fördern. Das ist der Respekt vor der Utopie des Reiches Gottes… Also: Die Kirche muss sich konstruktiv in konkreten Projekten für eine gerechte Wohn/Miet-Politik einsetzen, sie sollte leerstehende Kirchen und Gemeindehäuser nur dann verkaufen, wenn Wohnungen entstehen… Es fehlt hier die Bereitschaft und auch intellektuelle Kapazität, regelmäßige Gespräche mit Menschen zu gestalten, die sich Atheisten oder Ungläubige nennen. Und wann haben von antisemitischer Gewalt bedrohte jüdische Theologen in katholischen Kirchen über ihre Lebensbedingungen, ihren Glauben, gepredigt: Auch spirituelle Gespräche mit Muslims finden nicht in den katholischen Gemeinden statt.

21.
Die katholische Theologin Prof. Martha Zechmeister (El Salvador) sagte kürzlich auf den Salzburger Hochschulwochen: „Eine Theologie, die überall und zu jeder Zeit dasselbe wiederholt, bleibt wirklichkeitsleer und vermag Gott nicht zur Sprache zu bringen“. Eine treffende Aussage, auch gültig für die katholische Kirche in Berlin. LINK:

Erst wenn Kreativität und Mut, „nicht immer dasselbe sagen“, kirchliches Überleben bestimmen, hat Kirche eine Chance, hilfreich zu sein für die Menschen.

22.
Immerhin: Erzbischof Heiner Koch von Berlin machte in einem Interview am 3. 9. 2026 eine bemerkenswert mutige Aussage zum Umgang mit AfD Wählern innerhalb der katholischen Gemeinden:
Frage: Muss Kirche das Risiko eingehen, dass sich AfD-Wähler innerhalb der Gemeinde abwenden?
Koch: Ja, wir müssen dieses Risiko eingehen. Denn es geht um viel mehr als um Wahlergebnisse, es geht um Werte und inhaltliche Grundfragen. Die Liebe Gottes ist mit völkischem Nationalismus nicht vereinbar, dabei bleibe ich! Es geht um Themen, die für uns als Christen nicht verhandelbar sind, wesentlich um die unveräußerliche Menschenwürde eines jeden Einzelnen, unabhängig von Herkunft, Begabung oder Geschlecht. Man kann dann unterschiedlicher Meinung sein, welche Maßnahmen konkret politisch zu ergreifen sind und welche nicht. Doch die Grundoption ist nicht verhandelbar. LINK

23.
Immerhin: Menschenrechte und Menschenwürde sind auch beim Erstarken der rechtsextremen Partei AfD für einen katholischen Bischof – und damit für Katholiken insgesamt – nicht verhandelbar. Man wird Erzbischof Koch mit dieser Aussage hoffentlich noch oft zitieren.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.
Über Christian Modehn siehe: LINK.

 

FUßNOTE:

Der  „Aufruf“ der Kirchenführungen Berlins, publiziert als Pressemitteilung am 15.9.2026:

Gemeinsamer Aufruf der Kirchen zu den Berliner Wahlen am 20. September 2026
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
am 20. September 2026 können wir durch die Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin und zu den Bezirksverordnetenversammlungen mitbestimmen, wie die Zukunft für die Menschen in unserer Stadt gestaltet wird.
Demokratie ist eine große Errungenschaft, die durch die Kraft vieler Menschen erreicht wurde. Es ist unsere gemeinsame Verantwortung, für sie einzustehen, wenn sie in Gefahr gerät. Demokratie bedeutet Auseinandersetzung in Sachfragen mit Respekt und Achtung voreinander, Demut vor der auf Zeit verliehenen Macht sowie Gewaltenteilung. Sie lebt von Kompromissen und der Fähigkeit, andere Meinungen auszuhalten.
Wir treten für eine freie, weltoffene, vielfältige und demokratische Gesellschaft ein. Nur diese garantiert, dass wir in unserer Unterschiedlichkeit in Freiheit und in Frieden miteinander leben können. Die Stärke einer demokratischen Gesellschaft bemisst sich auch daran, dass sie Schwache und Minderheiten schützt.
Bei allem Ringen um eine bessere Lösung in Sachfragen muss im Mittelpunkt immer der Mensch stehen: Menschenwürde, Menschenrechte und Religionsfreiheit sind unverzichtbar für alle Menschen. Genau das macht Berlin aus: Die Vielfalt der Menschen in dieser Stadt. Menschen, die unterschiedlich denken, glauben, leben, lieben und ihr Leben gestalten. Wir glauben, dass Gott jedem Menschen die Menschenwürde verliehen hat. Sie gilt unverbrüchlich und kann niemandem genommen werden.
Gemeinsam rufen wir dazu auf: Unterstützen Sie diejenigen politischen Kräfte, die Zusammenhalt fördern, statt Menschengruppen gegeneinander auszuspielen. Geben Sie jenen Ihre Stimme, die sich uneingeschränkt zur Würde jedes und jeder Einzelnen bekennen und danach handeln. Prüfen Sie, ob und wie der Schutz von Minderheiten und Schutzbedürftigen garantiert wird.
Insbesondere richten wir diesen Apell auch an die jungen Menschen, die in diesem Jahr erstmals ab 16 Jahren wahlberechtigt sind. Gestalten Sie Ihre eigene Zukunft mit!
Wir, das Erzbistum Berlin und die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, suchen stets der Stadt Bestes und stehen gemeinsam ein für die Würde aller Mitmenschen und für eine friedliches Zusammenleben.
„Ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben“, heißt es in der Bibel. Das wünschen wir uns für unsere Stadt Berlin. Wir rufen Sie auf, unsere demokratische Gesellschaft mit Ihrer Stimme stark zu machen!

Im September 2026

Dr. Karlies Abmeier                                                    Harald Geywitz
Vorsitzende des Diözesanrats                                    Präses der Landessynode der EKBO

Dr. Heiner Koch                                                          Dr. Christian Stäblein
Erzbischof von Berlin                                                 Bischof der EKBO
 

 

 

 

 

Aktualisiert am 19. September 2026 durch CM

Über die vielfältigen Niederlagen der Vernunft am 6. September 2026 in Deutschland

Ein Hinweis von Christian Modehn am 7.September 2026

1.
Der Wahlsonntag, 6.9.2026 in Sachsen – Anhalt, ist ein Tag vielfältiger Niederlagen der demokratischen Vernunft, ein historischer Tag, eine Zäsur in der Geschichte, wie auch immer die weitere politische Gestaltung des Landes Sachsen – Anhalt und damit auch in der Bundesrepublik Deutschlands aussieht.

2.
Der Begriff „Niederlage der Vernunft“ ist selbstverständlich ein normativer Begriff, also ein Begriff, der mit ethischen und philosophischen Überlegungen verbunden ist: Philosophische Vernunft ist bekanntlich ein Hinweis auf die Menschenrechte und auf die Grundsätze der prinzipiell für alle Menschen gültigen Ethik. Diese Grundsätze humanen Zusammenlebens sind nicht verhandelbar. Ohne ethische und d.h. normative Grundsätze gibt es kein humanes Leben, auch kein politisches Leben. Das ist evident: Alle Menschen handeln immer nach ethischen Maximen, einige Maximen – auch politischer Menschen – können schädlich sein, andere gut, etwa die Maximen der Demokratie. Das ist auch die Erkenntnis der nach wie vor gültigen Ethik Immanuel Kants.

3.
Wir sprechen von vielfältigen Niederlagen der Vernunft. Damit meinen wir: Das Wahlergebnis der AfD (43,8%) in Sachsen-Anhalt ist eine Niederlage der Vernunft, das heißt eine Niederlage des Respektes der Menschenrechte, eine Niederlage des Respekts der unverzichtbare Idee der Demokratie. Die AfD ist keine „Alternative für Deutschland“, sie ist vielmehr eine Alternative zu Deutschland, also eine Alternative, die in ein grundsätzlich anderes, ein rechtsextremes Deutschland führen will.

4.
Das Wahlergebnis ist erstens eine Niederlage der Vernunft auch für die PolitikerInnen der AfD, die, ideologisch verblendet, bewusst und systematisch die Demokratie in Deutschland abschaffen wollen und in diesem Handeln auch ihre eigene humane Vernunft zerstören.

5.
Das Wahlergebnis ist zweitens eine Niederlage der Vernunft für die WählerInnen der AfD, die sich in blinder Wut auf offensichtliche, aber korrigierbare Fehler der Demokratie zur Wahl der AfD hinreissen lassen oder bewusst die demokratischen Grundsätze ablehnen und eine Herrschaft einer rechtsextremen Partei wünschen,. Diese Leute ignorieren also das Wahlprogramm der AfD , das die vielfache, auch ökonomische, Unvernunft direkt aussagt.

6.
Das Wahlergebnis ist drittens eine Niederlage der Vernunft für die demokratischen Parteien und deren Politikerinnen: Sie müssen sich fragen: Was haben wir als Demokraten falsch gemacht? Sind wir den Prinzipien einer sozialen und ökologisch verantwortlichen Politik gefolgt? Haben wir versucht, in ausführlichen Gesprächen Menschen zu überzeugen: dass NICHT in einer amtlich nachgewiesen rechtsextremen Partei das „Heil“ zu erwarten ist? Warum ist es nicht gelungen, die vielgesprochene Nähe zu den Menschen, gerade auf dem Land, durch demokratische Parteien zu realisieren? Warum haben demokratische Politiker nicht tausendmal glaubhaft gesagt: „Wir haben als demokratische Politiker Fehler gemacht, aber nur in einer Demokratie sind Fehler korrigierbar. In einem politischen System der rechtsextremen Partei AfD wird kein Fehler korrigiert, da geht es nur um die Herrschaft rechtsextremer Ideologie.“

7.
Solche Entgleisungen einer Demokratie sind immer möglich, das liegt an den Menschen, den PolitikerInnen wie den Bürgern, den WählerInnen, die nicht immer humanen Grundsätzen folgen, also den Menschenrechten und dem Gebrauch der eigenen immer selbstkritischen Vernunft usw… Immanuel Kant sprach treffend davon, dass Menschen aus „krummem Holz“ gebildet sind, also den aufrechten Gang nur mit Mühe realisieren können.

8.
Dieser Hinweis auf die vielfältigen Niederlagen der Vernunft, die am 6.9.2026 offensichtlich wurden, erinnert an die immer möglichen Korrekturen und Verbesserungen der Demokratie. Denn noch besteht in den Bundesländern noch die Demokratie. Aber es muss jetzt eine Zeit intensiver Bildungsarbeit zur Demokratie beginnen, inklusive der Darstellung der in Deutschland durchaus bekannten Gefahren durch Rechtsradikale und eine Zeit des wirksamen Respekts der sozialen Grundsätze der Demokratie und der ökologisch gebotenen Reformen angesichts der Klimakatastrophe, um nur zwei Beispiele zu nennen.

9.
Es muss jetzt auch an Schriftsteller und Intellektuelle erinnert werden, die in der nahen Vergangenheit explizit wie wir von der Niederlage der Vernunft in der Politik gesprochen haben.

10.
Wir erinnern an ein wichtiges Zitat aus dem Roman von George Orwell mit dem Titel „1984“. Darin spricht der Autor des 1948 geschriebenen Romans von einem Wahrheitsministerium der Diktatur, das alle Bürger zur Anerkennung dieser perversen Grundsätze zwingt:
„Krieg bedeutet Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unwissenheit ist Stärke.“

(In der „Ullstein – Taschen-Buch“ Ausgabe des Romans, im Jahr 1976, dort S. 7).

Dies sind die Maximen, die Grundsätze aller Feinde der Demokratie, man denke auch an Mister Trump oder Putin….

11.
Wir weisen auf Thomas Mann hin, der am 17.10.1930 in Berlin, kurz nach dem ersten bedeutenden Wahlerfolg der NSDASP, eine berühmte Rede hielt unter dem Titel: „Deutsche Ansprache. Ein Appell an die Vernunft“. Es ist ein dringender Appell an die Deutschen, zur politischen Vernunft zurückzukehren.

Wir erinnern an Carl von Ossiezky, Herausgeber der „Weltbühne“, Friedensnobelpreisträger: Er warnte explizit vor einem „Kultus der Unvernunft“.
KI bietet – am 7.9.2026 – die treffende und richtige Auskunft: „Für Ossietzky war der Kult der Unvernunft untrennbar mit einem wiederaufflammenden Militarismus und Nationalismus verbunden. Er argumentierte, dass eine Politik, die sich von der Vernunft lossagt, zwangsläufig im Chaos und im nächsten Krieg enden müsse.

Wir erinnern an den Schriftsteller Lion Feuchtwanger: In seinem Roman aus dem Jahr 1930 „Erfolg“ ist der Titel“, analysiert er die Unvernunft in der Gesellschaft und die dumpfen Ressentiments. „Der Roman von Lion Feuchtwanger erschien 1930 als erster Teil des Zyklus „Der Wartesaal“. Als weitere Teile erschienen „Die Geschwister Oppenheim“ (1933) und „Exil“ (1940). In den Romanen beschreibt Feuchtwanger den „Wiedereinbruch der Barbarei in Deutschland und ihren zeitweiligen Sieg über die Vernunft“. Quelle: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/kunst-und-kultur/lion-feuchtwanger-erfolg )

12.
Mit diesen Hinweisen zur Unvernunft und Nazi Herrschaft durch Thomas Mann, Carl von Ossietzky und Lion Feuchtwanger wird keineswegs eine Identität von NDSDSP und AfD behauptet. Es wird nur daran erinnert, dass rechtsextreme Parteien nun auf der Spur von regelmäßigen Wahlsiegen extrem für die Menschheit gefährlich sind: Rechtsextreme Parteien, ob sie nun AfD, FPÖ, Le Pens Partei „Rassemblement National“, Wilders PVV in Holland, Vox in Spanien, Melloni Koalitionspartner „Lega“, Teile der Republikaner in den USA und so weiter heißen.

13.
Hoffentlich kann dieser Hinweis „Über die vielfältigen Niederlagen der Vernunft“ hilfreich sein angesichts der Wahlen in Berlin und Mecklenburg – Vorpommern am 20.9.2026.

Der Hinweis ist auch eine Ermunterung, die Machtübernahme der AFD durch den persönlichen Einsatz der eigenen Vernunft zu verhindern…also NICHT AfD zu wählen.

14. Am 8.9.2026:

Ein Freund hat nach der Lektüre unseres Hinweises geschrieben:

Man sollte sich als Demokrat an eine zentrale Aussage des Roman s„1984“ von George Orwell erinnern. Gleich am Anfang werden die Grundsätze des totalitären Wahrheitsministeriums und der mit ihm verbundenen Partei genannt: es ist die Partei der Lügen: Die Grundsätze:

Krieg bedeutet Frieden
Freiheit ist Sklaverei
Unwissenheit ist Stärke

Man sollte aktuell daran denken: Die AfD ist eine Partei der Lügen: Nur einige von vielen Beispielen:
Die AfD leugnet den menschengemachten Klimawandel.
Die AfD behauptet, in Deutschland gebe es keine Meinungsfreiheit (dabei sitzen AfD Funktionäre ständig in Talkshows.) Journalisten werden von der AfD in der Berichterstattung über die AfD ausgeschlossen.
Die AfD behauptet, sie sei eine Friedenspartei. Dabei will sie einen Frieden zu Russlands Bedingungen für die Ukraine…und so weiter…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Sünde kann so wertvoll sein, behauptet der Philosoph Georges Bataille

Über eine elitäre Veranstaltung im Paris des Jahres 1944.
Ein Hinweis von Christian Modehn am 1.9.2026

Einführung in ein schwieriges Thema:

Dieser Hinweis gilt dem Vorschlag des Schriftstellers und Philosophen Georges Bataille (1897-1962), die Sünde als Erfahrung wie als Begriff der christlichen Welt und ihrer Dogmen zu entnehmen und Sünde sehr persönlich grundlegend neu zu bestimmen: Als bewusst gewählte Übertretung soll sie wertvoll sein, weil sie das menschliche Leben bereichert, lehrt Bataille. Die Sünde als Vollzug, nicht als Theorie, führe, zu einem neuen Verständnis vor allem der Erotik und Sexualität. Noch mehr: Sünde als Überschreiten und Tabubruch führt sogar ins Sakrale.
Die Sünde als das Übertreten der üblichen Moral ist der Abschied aus der bürgerlichen Welt und ihren Normen. Bataille geht so weit, Sünde und Mystik in Beziehung zu setzen: Auch Mystik – als exzentrische Erfahrung des Göttlichen jenseits der Dogmen – sei ein Überschreiten vorgegebener kirchlicher Üblichkeiten und Normen.
Der Bataille Kenner Gerd Berfleth bringt es wohl auf den Punkt: Batailles Publikationen sind „das Werk eines Mannes, der sich in einem Maß von erotischen Obsessionen heimsuchen ließ, dass er mit seinem exzessiv gelebten Leben einsteht für sein exzessives Denken.“ (Fußnote 1).

Zu unseremThema ist das Buch „Die Sünde. Eine Diskussion“ im Verlag Matthes und Seitz jetzt (2026) erschienen. Einiges bleibt erstaunlich, das zeigen wir, selbst wenn der sorgsam editierte Text eher für Bataille- Fans und Bataille – Spezialisten von Bedeutung ist. Batailles vielfältige und umfangreiche Arbeiten werden von den meisten philosophisch Interessierten wohl eher mit großer Anstrengung gelesen und verstanden. Michel Foucault lobte Bataille noch „als einen der wichtigsten Schriftsteller seines Jahrhunderts“… (Fußnote 2).

Unser knappe Hinweis auf das Buch macht also auf einige erstaunliche sowie irritierende Aspekte dieses Buches „Die Sünde. Eine Diskussion“ aufmerksam. Und das kann vielleicht eine Einladung sein, tiefer und weiter nachzudenken über unseren etwas provozierenden Titel „Sünde kann so wertvoll sein.“ Man denke in dem Zusammenhang an die Sünde Evas und Adams im Paradies: Hätten sie nicht gesündigt, als sie vom „Baum der Erkenntnis aßen“, dann wäre sie im Paradies als Wesen geblieben, die eigentlich keine Vernunft, keine Erkenntnis haben. Diese Sünde im Paradies hat die Menschen erst zu Menschen gemacht. Wunderbar! Und wenn dann die Kirche dieses „sündige Geschehen“ im Paradies als schreckliche Erbsünde bezeichnet, an der, so Augustinus alle Menschen durch die Zeugung Anteil haben, dann will dieses Erbsünden-Dogma suggerieren: Wären die Menschen im Paradies doch bloß ohne Gebrauch ihrer Vernunft und Erkenntnis geblieben ….aber das ist diese seltsame Erbsündenlehre der Kirche, darüber habe ich schon mehrfach geschrieben: LINK

1.
Der Philosoph und Schriftsteller Georges Bataille hat am 5. März 1944 in Paris vor einer Gruppe schon damals bekannter französischer Intellektueller einen Vortrag über seine persönliche Sicht der Sünde gehalten. Der Titel des Vortrags: „Der Gipfel und der Niedergang.“ Anschließend kommentierte der Jesuit Pater Danielou den Vortrag, dann folgte eine ausführliche Diskussion. Diese Texte sind in dem genannten Buch versammelt, zusätzlich gibt es eine ausführliche Einführung und ein ausführliches Nachwort. `
Der Vortrag fand im Umfeld des damals viel beachteten Buches von Bataille „L` Expérience interieure“ („Die innere Erfahrung“) statt, es wurde im März 1943 veröffentlicht. Unter „innere Erfahrung“ versteht Bataille seelische Zustände, wie Ekstase, Angst, Erotik: Sie bewirken als Erlebnis eine Überschreitung üblicher moralisch gesetzter Grenzen, sie sind eine Erschütterung des bisherigen alltäglichen Lebens.

2.
In dem Zusammenhang stellt Bataille sein Verständnis von Sünde vor.

3.
Die Veranstaltung hatte Marcel MORÉ (1887 – 1969) bei sich zu Hause in Paris organisiert. Er war ab 1945 als katholischer Laie (Beruf: Finanzexperte) der Herausgeber der Zeitschrift „Dieu Vivant“ („Lebendiger Gott“), dort wurden die Vorträge und die Diskussion vom 5. März 1944 im Heft 4 des Jahres 1945 veröffentlicht. Die heute fast vergessenen Zeitschrift „Dieu Vivant“ erschien im angesehenen Verlag Editions du Seuil, Paris: Die eher dem theologisch konservativen Lager verpflichteten Autoren wollten die Schrecken des 2. Weltkrieges, die Shoah, bedenken. Zur Redaktion gehört ein pluralistischer Kreis aus katholischen Theologen (Daniélou), katholischen Philosophen (Gabriel Marcel), auch Protestanten (Pierre Bürgerin) und Orthodoxe (Vladimir Lossky) waren dabei sowie der kirchlich nicht gebundene Philosoph Jean Hyppolite.

4.
Etwa 27 Personen nahmen an dieser durchaus Salon zu nennenden Veranstaltung am 5. März 1944 teil. Die starke Beteiligung von Theologen, vor allem katholischen, ist bemerkenswert, zumal Bataille schon damals nicht gerade als Freund des christlichen – dogmatischen Glaubens bekannt war. Pater Daniélou wurde als maßgeblicher Teilnehmer schon erwähnt, außerdem müssen die Dominikaner Patres Dubarle und Maydieu erwähnt werden, auch die Katholiken Pierre Klossowski und Louis Massignon sowie der katholische Philosoph Gabriel Marcel. Eher „linke Katholiken“, wie der Philosoph Emmanuel Mounier oder Pater Marie D. Chenu waren nicht dabei. Von „weltlicher“ Seite sollen hier nur die Philosophen Sartre und Simone de Beauvoir genannt werden, sowie Blanchot, Camus, Hyppolite, Merleau – Ponty, Leiris …

5.
Es ist aus heutiger Sicht sehr bemerkenswert, dass es möglich war, in Paris, März 1944, eine solche konfessionell plurale Gruppe zum intensiven Gespräch zusammenzuführen. Jörg Altwegg schreibt in seinem Buch „Die Republik des Geistes“ (1986, S. 69), Angst vor der Zukunft hatten die Intellektuellen in Paris im März 1944 nicht mehr. „Mit der immer schwieriger werdenden Gegenwart kommt man offenbar ganz gut zurecht.“
Und man fragt sich aus heutiger Sicht: Käme heute, 2026, eine solche sehr plurale Gesprächsrunde unter dem „Dach“ eines katholischen Veranstalters zustande, in Frankreich wie auch in Deutschland? Ich vermute eher nicht. Das liegt daran, dass es in Frankreich wie vor allem in in Deutschland so viele zum kritischen Dialog bereite katholische Intellektuelle heute nicht gibt. Das Niveau der in der Kirche verbliebenen Katholiken hat sich heute weitgehend auf ein eher (klein)bürgerliches Niveau abgesenkt, weitreichende Kritik, Skepsis, Fragen als Grundhaltung, Selbstkritik, Korrektur bisheriger Überzeugungen etc. sind in einem solchen dominanten Milieu als christliche Tugenden nicht so üblich…

6.
Erstaunlich ist auch das Thema dieser philosophisch – theologischen Salon Runde im März 1944: Paris war noch von Deutschen, den Nazis, besetzt. Das nazifreundliche, von Rechtsextremen bestimmte Pétain – Regime herrschte noch, die Verfolgung der Juden war an der Tagesordnung und die Résistance versuchte, Juden zu retten. Das Sammellager für die Judentransporte in die KZs, also das Lager in Drancy, lag nur ca 10 Kilometer vom Pariser Stadtzentrum entfernt. Von dieser realen politischen Gegenwart im März 1944 ist in den Vorträgen und in den Diskussionsbeiträgen im Haus von Monsieur Moré überhaupt keine Rede. Und man fragt sich: Wie war es bei dieser Gegenwart möglich, über die hoch komplexen Ausführungen Batailles zur Sünde im allgemeinen ein paar Stunden zu debattieren? Sah man die Verbrechen, theologisch gesprochen, diese Sünde des Antisemitismus nicht, sah nicht man den sündhaften Wahn, dass sich so viele Franzosen, Katholiken zumal, dem faschistoiden Pétain -Regime hingaben? In dem Text ist davon keine Rede. Brauchten diese Intellektuellen im Paris des März 1944 vielleicht diese Flucht ins Abstrakt – Philosophische?

7.
Georges Bataille wird heute – wegen seines äußerst umfassenden, vielfach provozierenden Werkes – als eine besondere Art, etwa als „Außenseiter-Philosoph“ betrachtet: In Deutschland ist er nicht so bekannt wie seine Zeitgenossen Sartre oder Camus. Im Leben Georges Batailles ist wohl wichtig und prägend: Eine höchst unerfreuliche, belastende Kindheit mit einem dahinsiechenden an Syphilis erkrankten Vater; dann der Tod Lauras, der viel Geliebten, im März 1938. Und sicher auch in dem Zusammenhang ein anhaltendes kritisches Interesse Batailles am Katholizismus, am Ordensleben, an der katholischen Theologie, vor allem an der Mystik, selbst noch zu Zeiten, als er sich — nach 1920 – vom katholischen Glauben – explizit lossagte und in Nietzsche seinen wichtigsten „Bezugspunkt“ fand. Schließlich wollte Bataille ausdrücklich den hoch verehrten Nietzsche „wiederholen“… und in der Veranstaltung am 5. März 1944 bezeichnete sich Bataille als „antichristlich.“ Der Philosoph Bernhard Taureck schreibt über die Nietzsche-Bindung Batailles. „Die einzig authentische Lektüre Nietzsches besteht für Bataille darin, Nietzsche zu werden. Und: Das authentische Sein Nietzsches liege in der Weigerung zu dienen, d.h. nützlich zu sein“ . (Fußnote 3).

8.
Erstaunlich bleibt: Bataille hält es für wichtig, von einem explizit anti-christlichen und außer-theologischen Standpunkt aus von Sünde zu sprechen. Und diese Stellungnahmen Bataille erschließen sich nur in einer sehr geduldigen Lektüre, es sei, man gehört zu dem kleinen Kreis der Bataille – Fans und Spezialisten…Bataille will zeigen: Es gibt einen Gipfel, einen existentielle Höhepunkt, der in der Ekstase, im Tabu-Bruch, also auch im Vollzug der Sünde erreicht wird. Im Tun der Sünde kann eine Art rauschhafter Zustand erreicht werden, der das Sakrale berührt. Und immer geht es, wie bei Bataille, um das Verstehen der Sexualität als Praxis: Das Heilige meint Bataille erreichen zu können gerade durch das Sakrileg. Diese Überzeugung bestätigt Bataille noch einmal im Jahr 1945, im Rückblick auf dieses Gespräch im März 1944, in einem Brief an die Redaktion “Dieu Vivant“: „ Ich denke noch heute, dass ich das Fundament der gewohnten Moral untergraben habe, was ich ausdrücklich denen darlegen wollte, die die Last dieser Moral auf sich genommen hatten, die ihr den Sinn einer Verzweiflung gaben und deren Verzweiflung mir zufolge gegen die Moral spricht… Ich kann nicht stark genug betonen: Wir wollen, wie Nietzsche sagt, alles Christliche durch ein Überchristliches überwinden und nicht nur von uns abtun. Was Nietzsche behauptete, behaupte ich unverändert nach ihm.“ (S. 196).

9.
Erstaunlich bleibt die Ehrlichkeit Batailles: In der Diskussion am 5. März 1944 muss Bataille zugeben, dass etliche seiner Aussagen zur Sünde noch „unausgegoren“ sind. „Es ist mir sehr schlecht gelungen, mich auszudrücken,“, bekannt Bataille im Verlauf der Diskussion (S . 169). Und noch einmal 1945 im Rückblick auf die Diskussion vom März 1944: „Ich bedaure, dass ich mich in der Diskussion ziemlich schlecht ausgedrückt habe.“ (S. 196).

10.
Es ist erstaunlich, dass der Vortrag des Jesuiten – Theologen Jean Daniélou als Interpretation Batailles auch für das Christentum und die katholische Theologie positive Aspekte herausstellt. Vor allem die Mystik biete eine Brücke zwischen Bataille und der katholischen Lehre. Der Jesuit deutet die Mystik als Haltung des „Risikos“ (S. 101), als Überwindung einer bloß üblichen moralischen Haltung. Mystik ist „ein Appell, neuartige, umbetretene Wege zu gehen.“ Daniélou meint sogar, die Hierarchie der Werte zeige sich für Bataille nicht durch die übliche Anwendung von Gut und Böse, sondern „im Hinblick auf das Mystische und Nichtmystische.“ (S 192). Mystik ist deswegen so hochgeschützt, weil sie die üblichen dogmatisch engen Glaubensbegriffe sprengt, also einen Übertritt in die Weite – im Sinne Batailles – erlaubt. Aber Pater Daniélou bleibt dann doch bei allem Verständnis für Bataille dabei: Sünde beleidigt Gott, sie ist ein Sakrileg“: (S. 106).

11.
Man fragt sich: Was ist die aktuelle Bedeutung dieses Vortrags Bataille? Warum sollten nicht nur die wenigen Bataille Fans und Bataille Kenner dieses Buch lesen? Das Buch erinnert daran, aufmerksamer zu sehen: dass christliche Begriffe (Sünde, Gnade…) in eine säkulare, auch bewusst antichristliche Ebene rücken und dabei vom ursprünglichen christlichen Inhalt das meiste verschwindet. Das ist die Freiheit des Denkens. Aber bedenklich bleibt: Universell geltende Werte von Gut und Böse läßt Bataille nicht gelten. Anstelle von Gut und Böse setzt er „Gipfel“ und „Niedergang“. De Sade war für Bataille ein durchaus akzeptabler Denker der „Entgrenzung“, also im Sande Batailles der Sünde…
Kant („Kategorischer Imperativ“…) ist für Bataille obsolet, veraltet, heute ungültig. Wir betonen, das ist ein durchaus gefährliches Denken. Menschen leben mit dieser universellen Vernunft, um für das Überleben dieser Welt und der Menschheit noch etwas zu sorgen.

12.
So ist dieses Plädoyer Batailles für die Sünde unserer Meinung nach wenig inspirierend angesichts der tiefen Krise der Moral, die nicht nur die Herrschenden, sondern sehr viele Menschen unserer Zeit bestimmt. Diese Krisen und die daraus sich entwickelnden, heute sichtbaren Katastrophen sind ja immer auch auch Krisen der Moral. Bekanntlich ist Moral Ausdruck der freien Entscheidung von Menschen. Da soll das Plädoyer Batailles für die transzendierende Kraft der Sünde als Überwindung der Kategorie des Bösen weiterhelfen?
Unsere Position darf nicht des Reaktionären verdächtigt werden (weil Bataille – Kritik nichts Reaktionäres ist.)

Über zahlreiche kirchliche, sich christlich nennende Moral – Vorstellungen muss selbstverständlich gerade heute debattiert werden, etwa angesichts der reaktionären evangelikalen Kirchen in den USA als Teil der MAGA – Bewegung. Und für einen freien Umgang mit Erotik und die berechtigte Vielfalt der sexuellen Orientierungen müssen TheologInnen selbstverständlich deutlich eintreten.

Ob man für diese Debatten Batailles Sünden – Plädoyer als Überwindung von Gut und Böse braucht, wage ich zu bezweifeln. Offenbar kannten die im März 1944 in Paris mit Bataille versammelten Intellektuellen das Werk von Soren Kierkegaard nicht, speziell dessen Hinweise zur Sünde, etwa in „Philosophische Brocken“ oder „Entweder -Oder“. Eine Auseinandersetzung „Kierkegaard – Bataille “ fände ich interessant, es liegen wohl ganze „Welten“ zwischen beiden Philosophen.Und gerade diese Differenz herauszuarbeiten, wäre „spannend“.

So bleibt das Buch „Die Sünde“  eher für die Bataille – Forschung wichtig. Es gehört zur umfassenden wissenschaftlichen Edition der Werke Batailles im Verlag Matthes und Seitz in Berlin.

Fußnote 1:
 Gerd Bergfleth, „Bataille, Georges“ in „Metzler Philosophen Lexikon“, Stuttgart 2003, Seite 64.

Fußnote 2: Zit: ebd. S.60.

Fußnote 3: Bernhard Taureck, Französische Philosophie im 20. Jahrhundert“, Reinbek bei Hamburg, 1988, S. 196.

Copyright: Christian Modehn, ReligionsphilosophischertSalon Berlin.