Über die vielfältigen Niederlagen der Vernunft am 6. September 2026 in Deutschland

Ein Hinweis von Christian Modehn am 7.September 2026

1.
Der Wahlsonntag, 6.9.2026 in Sachsen – Anhalt, ist ein Tag vielfältiger Niederlagen der demokratischen Vernunft, ein historischer Tag, eine Zäsur in der Geschichte, wie auch immer die weitere politische Gestaltung des Landes Sachsen – Anhalt und damit auch in der Bundesrepublik Deutschlands aussieht.

2.
Der Begriff „Niederlage der Vernunft“ ist selbstverständlich ein normativer Begriff, also ein Begriff, der mit ethischen und philosophischen Überlegungen verbunden ist: Philosophische Vernunft ist bekanntlich ein Hinweis auf die Menschenrechte und auf die Grundsätze der prinzipiell für alle Menschen gültigen Ethik. Diese Grundsätze humanen Zusammenlebens sind nicht verhandelbar. Ohne ethische und d.h. normative Grundsätze gibt es kein humanes Leben, auch kein politisches Leben. Das ist evident: Alle Menschen handeln immer nach ethischen Maximen, einige Maximen – auch politischer Menschen – können schädlich sein, andere gut, etwa die Maximen der Demokratie. Das ist auch die Erkenntnis der nach wie vor gültigen Ethik Immanuel Kants.

3.
Wir sprechen von vielfältigen Niederlagen der Vernunft. Damit meinen wir: Das Wahlergebnis der AfD (43,8%) in Sachsen-Anhalt ist eine Niederlage der Vernunft, das heißt eine Niederlage des Respektes der Menschenrechte, eine Niederlage des Respekts der unverzichtbare Idee der Demokratie. Die AfD ist keine „Alternative für Deutschland“, sie ist vielmehr eine Alternative zu Deutschland, also eine Alternative, die in ein grundsätzlich anderes, ein rechtsextremes Deutschland führen will.

4.
Das Wahlergebnis ist erstens eine Niederlage der Vernunft auch für die PolitikerInnen der AfD, die, ideologisch verblendet, bewusst und systematisch die Demokratie in Deutschland abschaffen wollen und in diesem Handeln auch ihre eigene humane Vernunft zerstören.

5.
Das Wahlergebnis ist zweitens eine Niederlage der Vernunft für die WählerInnen der AfD, die sich in blinder Wut auf offensichtliche, aber korrigierbare Fehler der Demokratie zur Wahl der AfD hinreissen lassen oder bewusst die demokratischen Grundsätze ablehnen und eine Herrschaft einer rechtsextremen Partei wünschen,. Diese Leute ignorieren also das Wahlprogramm der AfD , das die vielfache, auch ökonomische, Unvernunft direkt aussagt.

6.
Das Wahlergebnis ist drittens eine Niederlage der Vernunft für die demokratischen Parteien und deren Politikerinnen: Sie müssen sich fragen: Was haben wir als Demokraten falsch gemacht? Sind wir den Prinzipien einer sozialen und ökologisch verantwortlichen Politik gefolgt? Haben wir versucht, in ausführlichen Gesprächen Menschen zu überzeugen: dass NICHT in einer amtlich nachgewiesen rechtsextremen Partei das „Heil“ zu erwarten ist? Warum ist es nicht gelungen, die vielgesprochene Nähe zu den Menschen, gerade auf dem Land, durch demokratische Parteien zu realisieren? Warum haben demokratische Politiker nicht tausendmal glaubhaft gesagt: „Wir haben als demokratische Politiker Fehler gemacht, aber nur in einer Demokratie sind Fehler korrigierbar. In einem politischen System der rechtsextremen Partei AfD wird kein Fehler korrigiert, da geht es nur um die Herrschaft rechtsextremer Ideologie.“

7.
Solche Entgleisungen einer Demokratie sind immer möglich, das liegt an den Menschen, den PolitikerInnen wie den Bürgern, den WählerInnen, die nicht immer humanen Grundsätzen folgen, also den Menschenrechten und dem Gebrauch der eigenen immer selbstkritischen Vernunft usw… Immanuel Kant sprach treffend davon, dass Menschen aus „krummem Holz“ gebildet sind, also den aufrechten Gang nur mit Mühe realisieren können.

8.
Dieser Hinweis auf die vielfältigen Niederlagen der Vernunft, die am 6.9.2026 offensichtlich wurden, erinnert an die immer möglichen Korrekturen und Verbesserungen der Demokratie. Denn noch besteht in den Bundesländern noch die Demokratie. Aber es muss jetzt eine Zeit intensiver Bildungsarbeit zur Demokratie beginnen, inklusive der Darstellung der in Deutschland durchaus bekannten Gefahren durch Rechtsradikale und eine Zeit des wirksamen Respekts der sozialen Grundsätze der Demokratie und der ökologisch gebotenen Reformen angesichts der Klimakatastrophe, um nur zwei Beispiele zu nennen.

9.
Es muss jetzt auch an Schriftsteller und Intellektuelle erinnert werden, die in der nahen Vergangenheit explizit wie wir von der Niederlage der Vernunft in der Politik gesprochen haben.

10.
Wir erinnern an ein wichtiges Zitat aus dem Roman von George Orwell mit dem Titel „1984“. Darin spricht der Autor des 1948 geschriebenen Romans von einem Wahrheitsministerium der Diktatur, das alle Bürger zur Anerkennung dieser perversen Grundsätze zwingt:
„Krieg bedeutet Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unwissenheit ist Stärke.“

(In der „Ullstein – Taschen-Buch“ Ausgabe des Romans, im Jahr 1976, dort S. 7).

Dies sind die Maximen, die Grundsätze aller Feinde der Demokratie, man denke auch an Mister Trump oder Putin….

11.
Wir weisen auf Thomas Mann hin, der am 17.10.1930 in Berlin, kurz nach dem ersten bedeutenden Wahlerfolg der NSDASP, eine berühmte Rede hielt unter dem Titel: „Deutsche Ansprache. Ein Appell an die Vernunft“. Es ist ein dringender Appell an die Deutschen, zur politischen Vernunft zurückzukehren.

Wir erinnern an Carl von Ossiezky, Herausgeber der „Weltbühne“, Friedensnobelpreisträger: Er warnte explizit vor einem „Kultus der Unvernunft“.
KI bietet – am 7.9.2026 – die treffende und richtige Auskunft: „Für Ossietzky war der Kult der Unvernunft untrennbar mit einem wiederaufflammenden Militarismus und Nationalismus verbunden. Er argumentierte, dass eine Politik, die sich von der Vernunft lossagt, zwangsläufig im Chaos und im nächsten Krieg enden müsse.

Wir erinnern an den Schriftsteller Lion Feuchtwanger: In seinem Roman aus dem Jahr 1930 „Erfolg“ ist der Titel“, analysiert er die Unvernunft in der Gesellschaft und die dumpfen Ressentiments. „Der Roman von Lion Feuchtwanger erschien 1930 als erster Teil des Zyklus „Der Wartesaal“. Als weitere Teile erschienen „Die Geschwister Oppenheim“ (1933) und „Exil“ (1940). In den Romanen beschreibt Feuchtwanger den „Wiedereinbruch der Barbarei in Deutschland und ihren zeitweiligen Sieg über die Vernunft“. Quelle: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/kunst-und-kultur/lion-feuchtwanger-erfolg )

12.
Mit diesen Hinweisen zur Unvernunft und Nazi Herrschaft durch Thomas Mann, Carl von Ossietzky und Lion Feuchtwanger wird keineswegs eine Identität von NDSDSP und AfD behauptet. Es wird nur daran erinnert, dass rechtsextreme Parteien nun auf der Spur von regelmäßigen Wahlsiegen extrem für die Menschheit gefährlich sind: Rechtsextreme Parteien, ob sie nun AfD, FPÖ, Le Pens Partei „Rassemblement National“, Wilders PVV in Holland, Vox in Spanien, Melloni Koalitionspartner „Lega“, Teile der Republikaner in den USA und so weiter heißen.

13.
Hoffentlich kann dieser Hinweis „Über die vielfältigen Niederlagen der Vernunft“ hilfreich sein angesichts der Wahlen in Berlin und Mecklenburg – Vorpommern am 20.9.2026.

Der Hinweis ist auch eine Ermunterung, die Machtübernahme der AFD durch den persönlichen Einsatz der eigenen Vernunft zu verhindern…also NICHT AfD zu wählen.

14. Am 8.9.2026:

Ein Freund hat nach der Lektüre unseres Hinweises geschrieben:

Man sollte sich als Demokrat an eine zentrale Aussage des Roman s„1984“ von George Orwell erinnern. Gleich am Anfang werden die Grundsätze des totalitären Wahrheitsministeriums und der mit ihm verbundenen Partei genannt: es ist die Partei der Lügen: Die Grundsätze:

Krieg bedeutet Frieden
Freiheit ist Sklaverei
Unwissenheit ist Stärke

Man sollte aktuell daran denken: Die AfD ist eine Partei der Lügen: Nur einige von vielen Beispielen:
Die AfD leugnet den menschengemachten Klimawandel.
Die AfD behauptet, in Deutschland gebe es keine Meinungsfreiheit (dabei sitzen AfD Funktionäre ständig in Talkshows.) Journalisten werden von der AfD in der Berichterstattung über die AfD ausgeschlossen.
Die AfD behauptet, sie sei eine Friedenspartei. Dabei will sie einen Frieden zu Russlands Bedingungen für die Ukraine…und so weiter…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Willkommen im Religions-Philosophischen Salon Berlin

Aktuelle Beiträge    Der Religionsphilosophische Salon Berlin. Einige Hinweise von Christian Johannes Modehn und Hartmut Wiebus.

Wer sich zunächst für die Vielfalt der Themen interessiert, die wir in unserem „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ besprochen und diskutiert haben: LINK

1.
Der Religionsphilosophische Salon Berlin ist seit 2007 eine Initiative von Christian Johannes Modehn und Hartmut Wiebus. (Biographische Hinweise: Fußnote 1.)
 Übliche, also öffentliche Salon – Veranstaltungen fanden monatlich von 2007 – 2020 statt. Jetzt gestalten wir philosophisch – theologische Gespräche in kleinerem Kreis. Regelmäßig werden neue Beiträge als Hinweise zur philosophischen und theologischen Debatte auf unserer Website publiziert, bis jetzt sind es 1.800 Beiträge, „Hinweise“ genannt, Stand 26.9.2025.

2.
 Titel und „Sache“ eines „(religions-)philosophischen Salons“ sind alles andere als verstaubt. Das Interesse an philosophischen Gesprächen und Debatten in überschaubarem Kreis, in angenehmer Atmosphäre eines Salons, ist evident. Das gilt, selbst wenn viele Interessierte beton(t)en, „Philosophie“ sei schwierig. Das ist sie vielleicht, nicht aber Philosophieren: Es ist das Lebenselement eines jeden Menschen.
 In unserem religionsphilosophischen Salon wird das möglichst eigenständige Philosophieren (kritische Nach – Denken) geübt.
 Philosophische Religionskritik gehört elementar zur Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie. Philosophische Religionskritik kann zeigen, welche Form einer vernünftigen Religion bzw. Spiritualität heute zur Lebensgestaltung gehören kann.

3.
 Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie gibt es nur im Plural, die (Religions-)Philosophien in Afrika, Asien und Lateinamerika dürfen nicht länger als „zweitrangig“ behandelt werden. In welcher Weise Religion dort zum „Opium“ wird angesichts des Elends so vieler Menschen, ist eine relevante Frage, auch angesichts der Zunahme von christlichem und muslimischem Fundamentalisten. Dringend ist die Frage: Inwieweit ist philosophisches Denken Europas eng mit dem kolonialen Denken verbunden?

4. 
In unseren Gesprächen wird oft erkannt: Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phien bieten in ihren vielfältigen Entwürfen unterschiedliche Hinweise zur Fähigkeit der Menschen, ihre engen Grenzen zu überschreiten und sich dem im Denken zu nähern, was die Tradition Gott oder Transzendenz nennt.

5.
 Uns ist es wichtig uns zu zeigen, dass Menschen im philosophischen Bedenken ihrer tieferen Lebenserfahrungen das Endliche überschreiten und das Göttliche, das Transzendente, erreichen können. Das Göttliche als das Gründende und Ewige zeigt sich dabei im Denken als bereits anwesend und dieses denkende Transzendieren ermöglichend. Die auf das Wesentliche reduzierte Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie von Kant gilt uns als wichtige Inspiration für eine heutige vernünftige (!) christliche Spiritualität.

6.
 Insofern ist Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie auch eine subjektive Form der Lebensgestaltung, d.h. eine bestimmte Weise zu denken und zu handeln.
Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie kennt keine Dogmen, sicher ist nur das eine Dogma: Umfassend selbstkritisch zu denken und alle Grenzen zu prüfen, in die wir uns selbst einsperren oder in die wir durch andere, etwa durch politische Propaganda, durch Konsum und Werbung im Neoliberalismus, eingeschlossen werden. Der Widerspruch und der Kampf gegen alle Formen des Rechtsradikalismus (AFD, FPÖ, Le Pen, usw.) und Antisemitismus muss zum Mittelpunkt nicht nur unserer, sondern der philosophischen Arbeit insgesamt werden. Es gilt, die Demokratie zu retten.

7.
 Die „Entdeckungsreisen“ der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phien können angestoßen werden durch explizit philosophische Texte, aber auch durch Poesie und Literatur, Kunst und Musik, durch eine Phänomenologie des alltäglichen Lebens, durch die politische Analyse der vielfachen Formen von Unterdrückung, Rassismus, Fundamentalismus, Kapitalismus. Mit anderen Worten: Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie findet eigentlich immer – oft umthematisch – in allen Lebensbereichen statt.

8.
 Wo hat unser religionsphilosophischer Salon seinen „materiellen“ Ort? Als Treffpunkt, als Raum, eignet sich nicht nur eine große Wohnung oder der Nebenraum eines Cafés, sondern auch eine Kunst – Galerie. In den vergangenen 7 Jahren fanden wir in der Galerie „Fantom“ in Charlottenburg freundliche Aufnahme. Zuvor in verschiedenen Cafés. Kirchliche Räume, Gemeinderäume etwa, sind für uns keine offenen und vor allem keine öffentlichen Räume.

9. 
In unserem religionsphilosophischen Salon sind selbstverständlich Menschen aller Kulturen, aller Weltanschauungen und Philosophien und Religionen willkommen. Unser Salon ist insofern hoffentlich ein praktisches Exempel, dass es in einer Metropole – wie Berlin – Orte geben kann, die auch immer vorhandenen „Gettos“ überwinden.

10.
 Darum haben wir in jedem Jahr im Sommer Tagesausflüge gestaltet, mit jeweils 10 – 12 TeilnehmerInnen: Etwa nach Erkner (Gerhart Hauptmann Haus), Karlshorst (das deutsch-russische Museum), Jüterbog als Ort der Reformation, das ehem. Kloster Chorin, Frohnau (Buddhistisches Haus), das Dorf Lübars… Außerdem gestalteten wir kleine Feiern in privatem Rahmen anlässlich von Weihnachten. Auch ein Kreis, der sich mehrfach schon traf, um Gedichte zu lesen und zu meditieren, hat sich aus dem Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon entwickelt. Aber alle diese Initiativen waren (und sind wohl) mühsam, u.a. auch deswegen, weil letztlich die ganze Organisation von den beiden Initiatoren – ehrenamtlich selbstverständlich – geleistet wurde und wird. Das ist der Preis für eine völlige Unabhängigkeit.

11.
 Anlässlich der „Welttage der Philosophie“, in jedem Jahr im November von der UNESCO vorgeschlagen, haben wir größere Veranstaltungen mit über 60 TeilnehmerInnen im Berliner AFRIKA Haus gestaltet, etwa mit dem Theologen Prof. Wilhelm Gräb, dem Theologen Michael Bongardt. Der Berliner Philosoph Jürgen Große hat in unserem Salon über Emil Cioran gesprochen, der Philosoph Peter Bieri diskutierte im Salon über sein Buch „Wie wollen wir leben?“, die Politologin Barbara Muraca stellte ihr Buch „Gut leben“ vor, Thomas Fatheuer von der Heinrich – Böll- Stiftung vertiefte das Thema; der evangelische Pfarrer Edgar Dusdal (Karlshorst) berichtete über seine Erfahrungen in der DDR; der Theologe der niederländischen Kirche der Remonstranten, Prof. Johan Goud (Den Haag), war zweimal bei uns zur Diskussion, öfter dabei waren Dik Mook und Margriet Dijkmans-van Gunst aus Amsterdam…

Die Liste unserer Gäste und Refernten: Zu unseren Gästen, auch als Referenten, gehören  Theologe Prof. Wilhelm Gräb, die Soziologin Prof. Barbara Muraca, Pfarrer Edgar Dusdal (Berlin), der Studienrat für Kunst Gerd Otto (Berlin), der Theologe und Kulturwissenschaftler Prof. Johan Goud (Den Haag), der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich (Leipzig), der Philosoph Prof. Lutz von Werder (Berlin), der Philosoph Dr. Jürgen Große (Berlin), der Buddhismus-Lehrer Michael Peterssen (Berlin), der Komponist Joachim Gies (Berlin), Dr. Dorothea Hasskamp vom Jesuiten-Flüchtlingsdienst (Berlin)……

12.
 Es ist uns leider deutlich, dass innerhalb der philosophischen Studiengänge an Hochschulen und Universitäten nicht im entferntesten daran gedacht wird, auch das Berufsbild eines Leiters, einer Leiterin besser „Inspiratorin“ philosophischer Salons zu entwickeln. Damit PhilosophInnen freilich ,als Salonnières arbeiten können, müsste die Kulturpolitik entsprechend handeln. Aber die interessiert sich offenbar absolut vor allem für die so genannte Hochkultur der Oper und der Theater, nicht aber für eine Form der „Basis-Philosophie“ als Möglichkeit, vor Ort unter den vielfältigen Menschen tiefere Kommunikation zu ermöglichen.
Eigentlich bräuchte es etwa in Berlin in jedem Stadtbezirk mindestens einen philosophischen Salon, besser noch ein philosophisches „Haus“ mit öffentlich zugänglicher kleiner Fach – Bibliothek , Lesezimmer, Meditations- Denk-Raum und Tee/ Kaffee-Stube.Viele leerstehenden Kirchen könnten entsprechend umgestaltet werden. Dass dort auch philosophisch – literarische Debatten oder Diskussionen zu Grundfragen der Politik, der Kunst und Musik und Spiritualität stattfinden können, ist keine Frage.

13.
 Die Bilanz: Einige wenige Interessenten außerhalb von Berlin haben die Idee des religionsphilosophischen Salons aufgegriffen. Aber wir können nicht sagen, dass etwa im kirchlichen Bereich, evangelisch wie katholisch, die Idee des freien und undogmatischen und offenen Salon-Gesprächs aufgegriffen und realisiert wurde.
Je mehr Christen aus den Kirchen austreten, um so ängstlicher und dogmatischer werden die Kirchen(führer), also auch ihre Pfarrer usw. Der Weg der Kirche in ein kulturelles Getto scheint vorgezeichnet zu sein, zumindest für die katholische Kirche. Tatsächlich haben sich über all die Jahre unserer Arbeit sehr sehr wenige „Vertreter“ der großen Kirchen für unsere Initiative überhaupt interessiert. Wir haben diese Ignoranz auch als Freiheit erlebt.

14.
 Hinweis zu unseren Themen:
Eine Übersicht unserer Themen im Salon von Februar 2020 bis 2015 finden Sie hier. Die Themen von 2009 bis 2015 werden demnächst dokumentiert. Die bisher 1.750 religionsphilosophischen und religionskritischen Hinweise von Christian Modehn, publiziert auf der Website www.religionsphilosophischer-salon.de, hatten bis zum  8.1.2026  3.007.000 „Zugriffe“, wie die Statistik dokumentiert.

15.
 Unser letztes öffentliches Salongespräch vor der Corona – Pandemie fand am Freitag, den 14.Februar 2020 , wie immer um 19 Uhr, statt, über das Thema: „Das Kalte Herz“. Mehr als ein Märchen (von Wilhelm Hauff). „Das kalte Herz“ offenbart die „imperiale Lebensweise“. 22 TeilnehmerInnen waren dabei. Leider mussten wir – wie öfter schon – acht Interessierten absagen, weil der Raum eben klein ist und nur eine überschaubare Gruppe eine Gesprächssituation ermöglicht. Aber das große Interesse, ohne jede öffentliche Werbung, allein im Internet, und ohne jede Finanzierung von außen, ist immer wieder bemerkenswert. Für einige vertiefende Hinweise zur imperialen Lebensweise: Beachten Sie diesen LINK.

16. Zu unseren Gästen, auch als Referenten, gehören etwa: Der Philosoph Prof. Peter Bieri, der Philosoph und Theologe Prof. Michael Bongardt, der Theologe Prof. Wilhelm Gräb, die Soziologin Prof. Barbara Muraca, Pfarrer Edgar Dusdal (Berlin), der Studienrat für Kunst Gerd Otto (Berlin), der Theologe und Kulturwissenschaftler Prof. Johan Goud (Den Haag), der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich (Leipzig), der Philosoph Prof. Lutz von Werder (Berlin), der Philosoph Dr. Jürgen Große (Berlin), der Physiker Dr. Hans Blersch (Berlin)…

17. Wir haben unsere philosophischen, religionsphilosophischen und theologischen Gespräche im Salon als Ausdruck der Spiritualität der freisinnigen protestantischen Remonstranten – Kirche (in Holland) verstanden. Dabei haben wir, ebenfalls der offenen, freisinnigen Theologie der Remonstranten entsprechend, keine Werbung für diese protestantische Kirche „betrieben“.

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Dieser Hinweis vom 7.2.2023 wurde am 3.2.2025 überarbeitet.

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FUßNOTE 1: 
Gründer und Initiatoren des „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“:

Christian (Johannes, 2. Vorname) Modehn,  1948 in Berlin (Ost) – Friedrichshagen geboren, nach dem Abitur im Februar 1968 am Goethe – Gymnasium in Berlin – Wilmersdorf, Studium der katholischen und evangelischen Theologie (Staatsexamen nach 6 Jahren Studium) in Berlin, St. Augustin bei Bonn und München sopwie gleichzeitig  der Philosophie in Bonn und vor allem in München (Magister Artium in München, über Hegel). Christian Modehn war einige Jahre Mitglied einer katholischen Ordensgemeinschaft.  Christian Modehn arbeitet seit 1973 immer als freier Journalist über die Themen Religionen, Kirchen und Philosophien, für Fernseh- und Radiosender der ARD, sowie früher auch für die Zeitschrift PUBLIK – FORUM: LINK, sowie auch für „Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt“ (Hamburg), „Informations Catholiques Internationales“ (Paris), „de bazuin“ (Utrecht)  usw.. Zur Information über einige Hörfunksendungen und Fernsehdokumentationen und zu einigen Buchpublikationen: LINKSeit 2010 ist Christian Modehn Mitglied der freisinnigen protestantischen Kirche der Remonstranten (Niederlande). 

Hartmut Wiebus, 1944 in Seehausen/Altmark geboren, hat in Berlin (F.U.) Pädagogik (Diplomarbeit über Erich Fromm) und Psychologie studiert, und vor allem als evangelischer Klinikseelsorger gearbeitet. Er hat u.a. viele unserer Themen angeregt und immer als Moderator die Gespräche begleitet.

Copyright: Christian Modehn und Hartmut Wiebus. Religionsphilosophischer Salon Berlin

Aktualisiert am 6. Juli 2026 durch cm

Wer hat Zukunftsperspektiven für Berlin? Etwa die katholischen Kirche?

Ein Hinweis von Christian Modehn am 10.9.2026

1.
Vor der Wahl in Berlin am 20.9.2026 sprechen viele PolitikerInnen aller Parteien von (neuen ?) Perspektiven für Berlin. Manche Politiker meinen sogar, „Visionen“ für Berlin in den nächsten Jahren propagieren zu können. „Visionen“ sind der milde Begriff für jene, die das Wort Utopie scheuen. Utopie hat durchaus den Charakter, „Handlungsalternativen und Möglichkeitsspielräume zu erschließen, die über die geschichtliche Kontinuität hinausschießen.“ (Jürgen Habermas, „Die neue Unübersichtlichkeit“, Frankfurt 1985, S. 142). Utopien sind also wichtig zum Überleben. Auch die Kirche hat eine Utopie, leider wird diese Utopie („Reich Gottes“) oft verdrängt und vergessen…

2.
Das Thema führt zu der Frage: Hat eine bestimmte gesellschaftliche Organisation, die katholische Kirche in Berlin, jetzt eine Zukunfts-Perspektive für Berlin, also ein reflektiertes Projekt für die ca. 4 Millionen BerlinerInnen und
auch für die Kirche selbst in der Hauptstadt?
Der Ausgangspunkt ist die Erkenntnis eines Mangels: Es gibt keine theologisch-kritischen, religionswissenschaftlichen oder religionssoziologischen Studien zu Gegenwart und Zukunft der Religionen in Berlin. Es gibt auch keine konfessionsunabhängigen, also objektiven Studien zu Gegenwart und Zukunft der katholischen Kirche in Berlin. Das Thema „Religion bzw. Kirche in der Stadt“ scheint Wissenschaftler nicht zum kritischen Studium zu inspirieren. Ein Grund: An den Universitäten in Deutschland gibt es eine Überfülle theologischer Fakultäten mit immer weniger StudenTinnen, aber sehr wenig religionssoziologische Forschung. Dies ist, nur nebenbei, ein deutlicher Unterschied etwa zu Frankreich oder den Niederlanden. Über die Zukunftsperspektiven der Evangelische Kirche, des Islam, der jüdischen Gemeinden in Berlin sollen andere forschen, spannend ist auch dieses Thema.
Wir bieten hier einige nüchterne, aber auch ernüchternde Daten und Fakten, sie sind unersetzlich zum Verstehen unseres Hinweises und alles andere als „langweilig“.

3.
Unser knapper Hinweis um Thema ist von allgemeinem Interesse: Wie eine Kirche, die sich gern „Global Player“ nennt, in dieser multikulturellen europäischen Metropole in einem säkularisierten Europa lebt bzw. überlebt, ist bedeutsam für die ganze Gesellschaft. Verschwindet langsam die katholische Kirche, denkt sie selbst – uninspiriert und theologisch armselig – nur an Abbauen, Schließen, Abreißen, Schrumpfen usw… verschwindet eine Dimension europäischer Kultur.
Tatsache ist: Die katholische Kirche in Berlin schrumpft vor sich hin, hat keine kreative Energie mehr für die eigene Zukunft, legt aber gleichzeitig noch allen Wert auf teure repräsentative Neu-Bauten (St. Hedwig-Kathedrale, Bernhard Lichtenberg Haus ) in Mitte, „Unter den Linden“.

4.
Globale humane Perspektiven für Berlin und ihre BewohnerInnen sind eher für die Caritas von Bedeutung. Die Caritasist am wenigsten Klerus – bestimmt, dort arbeiten – Gott sei dank -Menschen verschiedener Spiritualitäten.
Die Kirchenleitung und die von ihr abhängigen Laien-Gremien konzentrieren sich hingegen auf das innerkirchliche Leben. Unter dem Stichwort „Wo Glauben Raum gewinnt“ wird administrativ die Zukunft des Erzbistums gestaltet, also das Schrumpfen und langsame Verschwinden praktiziert: Viele kleine Pfarrgemeinden mit ihren Kirchen und Gemeindehäusern wurden amtlich bereits aufgelöst und in größere Verbände, „Großpfarreien“ genannt, überführt. Insgesamt soll es ihm ganzen Erzbistum noch 36 Großpfarreien geben.

5.
Der wichtige Grund dafür: Es gibt nicht ausreichend Priester. Würden nicht polnische, indische, ghanaische, nigerianische, spanische, lateinamerikanische Priester usw. als „Gastarbeiter“ den weithin alt gewordenen „deutschstämmigen“ Klerus in Berlin ersetzen, wäre es mit der Klerus- Kirche vorbei. Aber diese genannten klerikalen „Gastarbeiter“ sorgen dafür, dass das Gesetz nach wie vor gilt: „Nur der Klerus kann Gemeinden leiten: Gibt es keinen Klerus, gibt es keine Gemeinden.“ Dies ist das oberste Prinzip überall in der Kirche, durchgesetzt vom Vatikan, vom Papst. Es geht tatsächlich um den Machterhalt der Klerus auf Kosten des Gemeindelebens. Diese Entwicklung nimmt der Klerus in Kauf. Aber man weiß: Eines Tages werden auch die „Gastarbeiter – Priester“ aus aller Welt nicht mehr nach Berlin strömen, weil sie selbst in ihren Heimatländern dringend gebraucht werden. Wenn in zwanzig Jahren auch die Gastarbeiter – Priester ausfallen, dann fällt alles aus, weil die Kirchenführung es nicht geschafft hat, Frauen und Männer zu befähigen, Verantwortung in den Gemeinden zu übernehmen, selbstverständlich, dass sie dann auch Eucharistie feiern…Aber das ist die gute und richtige Utopie, die der Klerus gar nicht hoch schätzt… Utopien sind für ihn gefährlich, auch wenn die Utopie von der Gleichheit und Gleichberechtigung aller Gläubigen spricht…

6.
In Berlin lebten im Jahre 2025 258.000 KatholikInnen als zahlende Mitglieder der Kirche. Im Jahr 2022 waren es noch 281.000.
Aus der Kirche sind im Stadtgebiet Berlin beispielsweise zwischen 2018 und 2025 insgesamt 52.270 KatholikInnen ausgetreten. Diese Zahlen beziehen sich nur auf die Stadt Berlin, nicht auf Brandenburg und Vorpommern, Gebiete, die ebenfalls zum Erzbistum „gehören“.
Im Jahr 2025 nahmen -laut Zählung durch die Kirche – von den 258.00 KatholikInnen in Berlin etwa 31.000 an der Sonntagsmesse teil. Wie viele von ihnen jeden Sonntag teilnehmen, wird nicht berichtet. Nebenbei: Befragungen in Frankreich differenzieren: „Teilnahme an der Messe regelmässig“, oder nur „einmal im Monat“ usw. Auch wurde in der Berliner Statistik nicht berichtet: Wie viele TeilnehmerInnen der Messe in Berlin etwa aus Polen oder den spanisch sprechenden Ländern usw. stammen. Auch vom Altersdurchschnitt der TeilnehmerInnen ist keine Rede.
Wenn also nur noch 31.000 KatholikInnen durch ihre Teilnahme an der Messe ein stärkeres religiöses Interesse haben, dann überrascht doch die relative finanzielle Stabilität dieses Erzbistums Berlin: Über 171 Millionen Euro Kirchensteuereinnahmen konnte das Erzbistum Berlin im Jahr 2025 verfügen. Eine erstaunliche Summe trotz der vielen tausend Kirchenaustritte.

7.
Abgesehen davon, dass die allermeisten katholischen (wie die evangelischen Kirchen sowieso) während der Woche außerhalb der seltenen Wochentags-Gottesdienste geschlossen sind: Die äußere Sichtbarkeit dieser Kirche im „Stadtbild“ verschwindet. Die als überflüssig oder als einsturzgefährdet eingeschätzten Kirchen und Gemeindehäuser stehen dann lange Zeit leer, werden irgendwann verkauft oder dann profaniert oder auch abgerissen. Alte Menschen, oft noch die einzigen, die ein sehr lebhaftes Interesse an den katholischen Messen haben, müssen weite Wege zurücklegen, um ihre „Sonntagspflicht“ zu erfüllen…Und die Gemeindehäuser, die noch bestehen, sind während der Woche über die Sekretärinnen dort nur ein paar Stunden geöffnet…

8.
Aktuelle Beispiele für Schließungen, Verkäufe, Abrisse:
Die Kirche St. Albertus Magnus am Kurfürstendamm, im Stadtteil Halensee, wurde 2025 entwidmet, seitdem steht sie leer und verfällt.
Die Kirche im “Katharinenstift“ in der Greifswalder Str. in der Nähe des Alexander-Platzes wurde im Februar 2026 profaniert.
Die Kirche und das Kloster der polnischen Kamillianer – Priester St. Kamillus in Charlottenburg wurde 2026 aufgelöst; das Gebäude soll verkauft werden, weil die offenbar bettelarmen polnischen Kamillianer Geld für die Pflege ihrer alten Ordensmitglieder brauchen. Bis jetzt (August 2026) steht dieser Gebäudekomplex am Klausener Platz leer… es gab einige ergebnislose Proteste der betroffenen Gemeindemitglieder.
Von vielen weiteren Beispielen wäre zu reden, etwa vom Abriss der schönen Kirche St. Raphael in Berlin – Gatow an der Havel schon im Jahr 2005 unter der Herrschaft von Kardinal Sterzinsky. Dort gab es heftigen, aber bei der Allmacht des Klerus erfolglosen Protest gegen diesen sinnlosen Verkauf und Abriss…
Vom Abriss der Kirche St. Johannes Capristran in Tempelhof nach der Profanierung im Jahr 2004 müsste gesprochen werden … inclusive der merkwürdigen Verkaufs-Details..
Im Osten Berlins, in Biesdorf, wurde die Herz Jesu Kirche 2013 entwidmet und verkauft.
In Moabit wurde die St.Laurentius Kirche 2007 an eine evangelikale Kirche verpachtet…
In Lichtenrade wurde im Jahr 2008 die Kirche „Zu den heiligen Märtyrern von Afrika“ im Jahr 2008 aufgegeben.
Viele spirituell Interessierte haben heftig bedauert den Verkauf des katholischen Meditations – Zentrums, „Exerzitien-Haus“ genannt, in Berlin – Kladow, an der Havel gelegen. Dies geschah unter der Herrschaft von Erzbischof Georg Sterzinsky:
Dieser beliebte Ort der Stille und Meditation für die gestreßten BerlinerInnen lag nach dem Verkauf (der finanzielle Gewinn fürs Bistum wurde nie publiziert) Jahre lang ungenutzt brach, die Gebäude wurden 2013 schließlich abgerissen. Heute gibt es noch ein kleines, gut besuchtes Exerzitienhaus des Karmeliter-Ordens in Birkenwerder bei Berlin.

9.
Die vielen Verkäufe von Kirchen und Gemeindehäusern in Berlin sollen die Bistumskasse füllen, also auch die beträchtlichen Gehälter der Priester und Prälaten garantieren. Das ist das Ziel. Ein katholischer Erz-Bischof in Berlin erhält die Besoldungsgruppe B 10, also mindestens das Grundgehalt, das sind ca. 16.530 Euro brutto pro Monat….
Ältere Priester, so um die 50, erreichen die Besoldungsgruppe A 14, also etwa 6.000 Euro im Monat. Netto bleiben dann mindestens 4.000 Euro monatlich für diesen allein lebenden „Junggesellen“. Es ist nicht bekannt, dass diese bestens bezahlten Herren der Kirche etwa 10 Prozent ihres Gehaltes spenden etwa für eine Stiftung armer Familien oder für Flüchtlinge oder für die Opfer von rassistischer Gewalt in Berlin. Das wäre eine kleine, bescheidene Perspektive der Kirche für Berlin und BerlinerINnen…

10.
Von den aufgegeben katholischen Kirchen im Land Brandenburg nennen wir hier nur: Die katholischen Kirchen in Buckow, Friesack, Großbeeren, Hohen Neuendorf, Seelow, Stahnsdorf usw… Dort gab es von Gemeindemitgliedern Widerstand gegen diese Entwicklung, aber er war – wie immer – vergeblich.
Theologisch wichtiger: Es wurden auch keine Alternativen von der katholischen Kirchenführung vorgeschlagen: Etwa: Den wenigen Katholiken in diesen Orten, Dörfern, Städtchen, die Teilnahme an den evangelischen Sonntags-Gottesdiensten zu empfehlen. Das wäre eine Entscheidung, die endlich mal das so selten erlebte Prädikat „theologisch – kreativ“ verdient, eine bahnbrechende Entscheidung der viel besprochenen, aber nie faktisch gelebten Ökumene.
Aber nein, Kreativität, Mut zum Neuen, gibt es nicht im Rahmen des theologischen Stillstands und klerikalen Prinzips: Gemäß dem offiziellen katholischen Projekt „Wo der Glaube Raum gewinnt“ wächst das Gebiet katholischer Pfarreien im Land Brandenburg manchmal ins Monströse: Etwa: Die katholische Großpartei Stralsund im Erzbistum Berlin: Diese Pfarrei mit ca. 6.400 Mitgliedern umfasst jetzt große Teile Vorpommerns, etwa Demmin und Barth, ebenfalls die Hansestadt Stralsund sowie die gesamte Insel Rügen. Die Gesamtfläche dieser Pfarrei beträgt 3.200 Quadratkilometer, diese Pfarrei ist also etwas größer als das Saarland und etwas kleiner als die Insel Mallorca. Fünf Priester müssen durch dieses Land reisen, um in den verbliebenen Kirchengebäuden der kleine Städte für die wenigen Messbesucher die Messen zu lesen.
Wie schon gesagt: Kein Bischof, kein Theologe, kein Pfarrer kommt auch nur auf den Gedanken, den Katholiken in den Dörfern und Städtchen zu empfehlen: Nehmt bitte an den evangelischen Sonntagsgottesdiensten teil… (Zu Stralsunds „Groß-Pfarrei“ siehe etwa: LINK

11.
Die genannten Abrisse, Leerstände der Kirchen und Gemeindehäuser in Berlin stehen in Kontrast zu den Ausgaben der Katholischen Kirchenführung, die sie für das (neben der St. Hedwigskathedrale gelegene) Prestige – Objekt „Bernhard Lichtenberg-Haus“ einsetzt. Die aktuelle Prognose der Kosten: 33,8 Millionen Euro, bei der Planung im Jahr 2017 waren 17 Millionen Euro veranschlagt. Über den 44 Millionen Euro teuern Umbau der St.Hedwigs-Kathedrale haben wir berichtet, etwa am 2.11.2024: LINK

12.
In den Analysen der Finanzsituation der katholischen Kirche in Berlin wird oft vergessen, dass der Bodenbesitz des Erz – Bistum Berlin beträchtlich ist: „Der kirchliche Bodenbesitz der katholischen Kirche in Berlin beläuft sich auf rund 1206 Hektar, was etwa 1,3 Prozent der Stadtfläche ausmacht.“ LINK: Quelle: Tagesspiegel: https://interaktiv.tagesspiegel.de/lab/wie-viel-berlin-gehoert-der-kirche/.

Siehe auch zur Vertiefung: LINK https://interaktiv.tagesspiegel.de/lab/unchristliche-immobilien-geschaefte-wie-die-katholische-kirche-mit-grundstuecken-geschaefte-macht/

13.
In einer Kirche, für die Abbau oder Abbruch sozusagen normal, wenn nicht sogar üblich geworden ist, bleibt es überhaupt nicht verwunderlich, dass angesichts der vielen neuen Berliner Stadtviertel, etwa im Umfeld des Hauptbahnhofs, offenbar kein Gedanke auftaucht: In den neuen Stadtvierteln einen (ökumenischen) Raum der Stille, etwa eine bescheidene Ladenkirche, eine Krypta oder ähnliches zu mieten: Also „Orte des Zwecklosen“, der Ruhe, der Einkehr, des Dialogs, der Begegnung, der Transzendenz zu schaffen.
Hier wollen wir nur auf den sehr lesenswerten, erstaunlich kritischen Beitrag des katholischen Theologen und Kunsthistorikers Konstantin Manthey, Berlin, hinweisen. Er spricht von „Schockstarre“ und von der Obsession der „Besitzstandswahrung“ als Leitidee dieser Berliner Kirche: Manthey schreibt: Es werden in Berlin keine neuen Kirchen oder wenigstens kleine Gemeindezentren gebaut in Berlins 23 (!) neuen Stadtquartieren mit vielen tausend Bewohnern: „Nirgendwo ist dort bisher ein kirchlicher Ort vorgesehen, ein christlicher Raum für Zusammensein und ähnliches…“ (S. 127). Siehe das Buch:„Leben statt Leere“, Hg. Klaus – Martin Bresgott u.a. vom Kulturbüro der EKD.
In solchen Projekten könnte sich Ökumene endlich mal realisieren und sicher auch inter-religiöse Zusammenarbeit mit Juden und Moslems und warum nicht auch mit Buddhisten? Das sehr teure und auch architektonisch anspruchsvolle Projekt „Haus of One“ in Berlin kann hier nur erwähnt werden: Es soll ein Gotteshaus (mit getrennten Gebetsräumen!) werden, in dem wenigstens unter einem Dach ein ganz bißchen gemeinsam evangelische Christen sich versammeln sowie Mitglieder einer progressiven Gruppe des Islam und einer progressiven Gruppe im Judentum… Ob man das „House of One“ mutig im Sinne einer größeren Ökumene nennen kann, wage ich zu bezweifeln…

14.
Aber theologischer Mut hat Berliner Katholiken und die Bischöfe dort nie ausgezeichnet. Davon hat schon der große Kritiker der Berliner Kirche in den zwanziger Jahren des 20 Jahrhunderts, Dr. Carl. Sonnenschein, gesprochen: Er urteilte über den Berliner Katholizismus des 20. Jahrhunderts: „Der Berliner Katholizismus ist verdammt kleinstädtisch“. Siehe den Beitrag über Carl Sonnenschein von Christian Modehn vom 31. 1. 1979: LINK:
Die unmittelbar nach der Wende als Ort des Dialogs großzügig errichtete „Katholische Akademie“ in Berlin-Mitte ist angesichts ihres Angebotes seit einigen Jahren eine Nischen – Institution in der Stadtgesellschaft. Mit den in Berlin sehr zahlreichen, zum Tiel bedeutenden „weltlichen“ kulturellen Institutionen, Theater, Verlagen, Forschungszentren usw. besteht offensichtlich keine Vernetzung. Katholische Intellektuelle, Künstler, Schriftsteller gibt es in Berlin ohnehin nicht. Auch das „Zentralinstitut für Katholische Theologie“ an der Humboldt – Universität mit 60 Studentinnen und sechs ProfessorInnen spielt in Berlin keine öffentlich spürbare Rolle.
Nebenbei: Warum ist es in Deutschland immer noch nicht möglich eine gemeinsame christliche, theologisch – kritische Fakultät zu errichten?
Auch das Forschungsinstitut einiger progressiver Dominikaner-Theologen, das „Institut Chenu“ im Stadtteil Prenzlauer Berg, hat keine für die kulturellen Debatten Berlins öffentlich wahrnehmbare Relevanz. Die kulturelle Monatszeitschrift „Stimmen der Zeit“ (Auflage 6.000 Exemplare) der Jesuiten hat in Berlin ihre bescheidene Redaktion. Ihr gelingt es nicht, eigene theologische, kulturelle Veranstaltungen zu organisieren, übrigens fast eine Selbstverständlichkeit für christlich inspirierte oder katholische Kulturzeitschriften etwa in Frankreich, etwa Esprit oder Etudes.
Auch das noch: Alle 14 Tage erscheint in Berlin, an den Kiosken gar nicht wahrnehmbar, eine katholische Wochenzeitung, Bistumsblatt genannt, mit dem nur der Tradition verpflichteten Titel „Tag des Herrn“, 7.000 Exemplare sollen in Berlin im Abonnement noch verkauft werden:Das Blatt bedient alle Bistümer m Osten Deutschlands.

15.
Und auch das noch zum „intellektuellen katholischen in Berlin“: Es gibt im Ost – Berliner Stadtteil Biesdorf ein Priesterseminar der weltweiten neokatechumenalen Gemeinschaft. Diese klerikale Ausbildungsstätte stellt auch dem Erzbistum Berlin seit Jahren einige junge Priestern zur Verfügung, sie stammen aus aller Welt, aus Polen, Mexiko, Spanien, Dominikanische Republik usw…
Die Priester, dem Geist des Neokatechumenates absolut verpflichtet, bringen ihn im Seminar eingetrichterten sehr konservativen Geist in die Gemeinden.

16.
Die Katholische Kirche in Berlin und in ganz Deutschland wird zweifellos wegen der gleichbleibend hohen Austritte aus der Kirche eine Minderheit. Die viel besprochenen Erwachsenentaufen sind von der Anzahl her bewertet ein marginales Phänomen. Also: Über den Weg der Kirche in Berlin und in vielen anderen Metropolen Europas wird diskutiert. Und fast immer werden seit Jahren die gleichen Gründe für diese Entwicklung genannt: Säkularisierung, Verlust der Transzendenz-Erfahrung, Ende der Metaphysik, Individualismus, Streß im Alltag, Frustration über den Zustand der Welt und so weiter. Auch der sexuelle Missbrauch durch Priester hat viele Gläubige aus der Kirche getrieben, Katholiken also, die Priester allen Ernstes für „Hochwürden“ hielten und auch so anredeten und die noch lernten, Bischöfe seien „Exzellenzen“ oder gar als Kardinäle „Eminenzen“. Jetzt werden etwa in Essen Denkmäler abgerissen, einst errichtet zu Ehren Kardinal Franz Hengsbach, dem Opus Dei sehr affin und theologisch reaktionär in seinem Kamogf gegen die Befreiungstheologie als Chef des Hilfswerks „Adveniat“…. und…das Vertuschen sexuellen Missbrauchs durch Priester. Zum sexuellen Missbrauch durch Priester im Erzbistum Berlin siehe einen Beitrag aus dem Jahr 2023. LINK https://katholisch.de/artikel/45851-betroffene-schildern-erstmals-details-zu-berliner-missbrauchsfaellen
Auch der Tagesspiegel hat 2023 über heftigen sexuellen Missbrauch durch den Pfarrer der Gemeinde St. Ludwig in Wilmersdorf., Benno Fahlbusch, berichtet: LINK https://www.tagesspiegel.de/berlin/in-neukolln-und-wilmersdorf-priester-und-ordensschwestern-sollen-berliner-kinder-zu-sexuellen-handlungen-gezwungen-haben-9702752.html. Siehe auch den Bericht von Thomas Klatt im Deutschlandfunk 2021!: LINK

17.
Ein entscheidender Grund fürs anhaltende Schrumpfen und damit langsame Verschwinden der katholische Kirche ist auch das sture Festhalten an den Dogmen und Kirchengesetzen und Kirchengeboten; auch an Glaubensbekenntnissen, die in den Messen gesprochen, gesungen werden, deren Formeln und Floskeln aus dem 5. Jahrhundert niemand versteht. Dogmen dürfen dem sturen Gesetz der katholischen Kirche entsprechend nicht korrigiert, geschweige denn aufgehoben werden, selbst wenn sie im 4. Jahrhundert unter völlig anderen Kulturellen Bedingungen formuliert wurden. Das verstörende Erbsündendogma des heiligen Augustinus wird heute von kritischen und noch objektiv denkenden TheologInnen eindeutig abgewiesen, die Kirche hält stur an diesem Erbsündenwahn fest…

18.
So steht sich die katholische Kirche – nicht nur in Berlin – selbst im Wege. Sie wird – klerus-fixiert – keine Möglichkeit realisieren, den Weg ins Getto zu beenden. Es ist also auch die dogmatisch fixierte klerikale Welt, die die Menschen aus den Kirche treibt. Die Kirche und ihre Lehre wird zu einer fernen Welt der fernen Mythen und kaum nachvollziehbaren Geschichten, zum Ort, wo noch infantil, wenn nicht abergläubisch anmutende Kirchenliedern aus Zeiten der frühen Kindheit gesungen werden, von denen man sich bestenfalls noch am Heiligabend im Gottesdienst verführen lässt.

19.
Damit sind wir beim Ausgangspunkt unseres Hinweises: Diese Kirche hat den Geist der Utopie verraten, er gehört absolut zentral zur Botschaft Jesu! Die Kirche, zumal ihre Führung, hat vergessen, dass sie nicht für sich selbst, schon gar zur Stärke und Macht des Klerus, geschaffen ist, sondern… Ja, warum denn? Um die Utopie des Reiches Gottes als praktische Leitlinie ihres Handels zu gestalten. Und was ist der Inhalt der Utopie des Reiches Gottes? Friede, Gerechtigkeit, wesentliche Gleichheit aller Menschen, Brüderlichkeit: Christen sind also FreundInnen der humanen Utopie: Jesus fordert von den Menschen um der Menschlichkeit willen eine Umkehr der bisherigen Machtverhältnisse … im Umgang der Menschen untereinander, zumal in den Kreisen der Frommen, also der Kirche.

20.
Die katholische Kirche in Berlin hat – wie jede Kirche – , „das Beste der Stadt“ zu suchen und zu fördern. Das ist der Respekt vor der Utopie des Reiches Gottes… Also: Die Kirche muss sich konstruktiv in konkreten Projekten für eine gerechte Wohn/Miet-Politik einsetzen, sie sollte leerstehende Kirchen und Gemeindehäuser nur dann verkaufen, wenn Wohnungen entstehen… Es fehlt hier die Bereitschaft und auch intellektuelle Kapazität, regelmäßige Gespräche mit Menschen zu gestalten, die sich Atheisten oder Ungläubige nennen. Und wann haben von antisemitischer Gewalt bedrohte jüdische Theologen in katholischen Kirchen über ihre Lebensbedingungen, ihren Glauben, gepredigt: Auch spirituelle Gespräche mit Muslims finden nicht in den katholischen Gemeinden statt.

21.
Die katholische Theologin Prof. Martha Zechmeister (El Salvador) sagte kürzlich auf den Salzburger Hochschulwochen: „Eine Theologie, die überall und zu jeder Zeit dasselbe wiederholt, bleibt wirklichkeitsleer und vermag Gott nicht zur Sprache zu bringen“. Eine treffende Aussage, auch gültig für die katholische Kirche in Berlin. LINK:

Erst wenn Kreativität und Mut, „nicht immer dasselbe sagen“, kirchliches Überleben bestimmen, hat Kirche eine Chance, hilfreich zu sein für die Menschen.

22.
Immerhin: Erzbischof Heiner Koch von Berlin machte in einem Interview am 3. 9. 2026 eine bemerkenswert mutige Aussage zum Umgang mit AfD Wählern innerhalb der katholischen Gemeinden:
Frage: Muss Kirche das Risiko eingehen, dass sich AfD-Wähler innerhalb der Gemeinde abwenden?
Koch: Ja, wir müssen dieses Risiko eingehen. Denn es geht um viel mehr als um Wahlergebnisse, es geht um Werte und inhaltliche Grundfragen. Die Liebe Gottes ist mit völkischem Nationalismus nicht vereinbar, dabei bleibe ich! Es geht um Themen, die für uns als Christen nicht verhandelbar sind, wesentlich um die unveräußerliche Menschenwürde eines jeden Einzelnen, unabhängig von Herkunft, Begabung oder Geschlecht. Man kann dann unterschiedlicher Meinung sein, welche Maßnahmen konkret politisch zu ergreifen sind und welche nicht. Doch die Grundoption ist nicht verhandelbar. LINK

23.
Immerhin: Menschenrechte und Menschenwürde sind auch beim Erstarken der rechtsextremen Partei AfD für einen katholischen Bischof – und damit für Katholiken insgesamt – nicht verhandelbar. Man wird Erzbischof Koch mit dieser Aussage hoffentlich noch oft zitieren.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.
Über Christian Modehn siehe: LINK.

 

 

 

 

 

 

Sünde kann so wertvoll sein, behauptet der Philosoph Georges Bataille

Über eine elitäre Veranstaltung im Paris des Jahres 1944.
Ein Hinweis von Christian Modehn am 1.9.2026

Einführung in ein schwieriges Thema:

Dieser Hinweis gilt dem Vorschlag des Schriftstellers und Philosophen Georges Bataille (1897-1962), die Sünde als Erfahrung wie als Begriff der christlichen Welt und ihrer Dogmen zu entnehmen und Sünde sehr persönlich grundlegend neu zu bestimmen: Als bewusst gewählte Übertretung soll sie wertvoll sein, weil sie das menschliche Leben bereichert, lehrt Bataille. Die Sünde als Vollzug, nicht als Theorie, führe, zu einem neuen Verständnis vor allem der Erotik und Sexualität. Noch mehr: Sünde als Überschreiten und Tabubruch führt sogar ins Sakrale.
Die Sünde als das Übertreten der üblichen Moral ist der Abschied aus der bürgerlichen Welt und ihren Normen. Bataille geht so weit, Sünde und Mystik in Beziehung zu setzen: Auch Mystik – als exzentrische Erfahrung des Göttlichen jenseits der Dogmen – sei ein Überschreiten vorgegebener kirchlicher Üblichkeiten und Normen.
Der Bataille Kenner Gerd Berfleth bringt es wohl auf den Punkt: Batailles Publikationen sind „das Werk eines Mannes, der sich in einem Maß von erotischen Obsessionen heimsuchen ließ, dass er mit seinem exzessiv gelebten Leben einsteht für sein exzessives Denken.“ (Fußnote 1).

Zu unseremThema ist das Buch „Die Sünde. Eine Diskussion“ im Verlag Matthes und Seitz jetzt (2026) erschienen. Einiges bleibt erstaunlich, das zeigen wir, selbst wenn der sorgsam editierte Text eher für Bataille- Fans und Bataille – Spezialisten von Bedeutung ist. Batailles vielfältige und umfangreiche Arbeiten werden von den meisten philosophisch Interessierten wohl eher mit großer Anstrengung gelesen und verstanden. Michel Foucault lobte Bataille noch „als einen der wichtigsten Schriftsteller seines Jahrhunderts“… (Fußnote 2).

Unser knappe Hinweis auf das Buch macht also auf einige erstaunliche sowie irritierende Aspekte dieses Buches „Die Sünde. Eine Diskussion“ aufmerksam. Und das kann vielleicht eine Einladung sein, tiefer und weiter nachzudenken über unseren etwas provozierenden Titel „Sünde kann so wertvoll sein.“ Man denke in dem Zusammenhang an die Sünde Evas und Adams im Paradies: Hätten sie nicht gesündigt, als sie vom „Baum der Erkenntnis aßen“, dann wäre sie im Paradies als Wesen geblieben, die eigentlich keine Vernunft, keine Erkenntnis haben. Diese Sünde im Paradies hat die Menschen erst zu Menschen gemacht. Wunderbar! Und wenn dann die Kirche dieses „sündige Geschehen“ im Paradies als schreckliche Erbsünde bezeichnet, an der, so Augustinus alle Menschen durch die Zeugung Anteil haben, dann will dieses Erbsünden-Dogma suggerieren: Wären die Menschen im Paradies doch bloß ohne Gebrauch ihrer Vernunft und Erkenntnis geblieben ….aber das ist diese seltsame Erbsündenlehre der Kirche, darüber habe ich schon mehrfach geschrieben: LINK

1.
Der Philosoph und Schriftsteller Georges Bataille hat am 5. März 1944 in Paris vor einer Gruppe schon damals bekannter französischer Intellektueller einen Vortrag über seine persönliche Sicht der Sünde gehalten. Der Titel des Vortrags: „Der Gipfel und der Niedergang.“ Anschließend kommentierte der Jesuit Pater Danielou den Vortrag, dann folgte eine ausführliche Diskussion. Diese Texte sind in dem genannten Buch versammelt, zusätzlich gibt es eine ausführliche Einführung und ein ausführliches Nachwort. `
Der Vortrag fand im Umfeld des damals viel beachteten Buches von Bataille „L` Expérience interieure“ („Die innere Erfahrung“) statt, es wurde im März 1943 veröffentlicht. Unter „innere Erfahrung“ versteht Bataille seelische Zustände, wie Ekstase, Angst, Erotik: Sie bewirken als Erlebnis eine Überschreitung üblicher moralisch gesetzter Grenzen, sie sind eine Erschütterung des bisherigen alltäglichen Lebens.

2.
In dem Zusammenhang stellt Bataille sein Verständnis von Sünde vor.

3.
Die Veranstaltung hatte Marcel MORÉ (1887 – 1969) bei sich zu Hause in Paris organisiert. Er war ab 1945 als katholischer Laie (Beruf: Finanzexperte) der Herausgeber der Zeitschrift „Dieu Vivant“ („Lebendiger Gott“), dort wurden die Vorträge und die Diskussion vom 5. März 1944 im Heft 4 des Jahres 1945 veröffentlicht. Die heute fast vergessenen Zeitschrift „Dieu Vivant“ erschien im angesehenen Verlag Editions du Seuil, Paris: Die eher dem theologisch konservativen Lager verpflichteten Autoren wollten die Schrecken des 2. Weltkrieges, die Shoah, bedenken. Zur Redaktion gehört ein pluralistischer Kreis aus katholischen Theologen (Daniélou), katholischen Philosophen (Gabriel Marcel), auch Protestanten (Pierre Bürgerin) und Orthodoxe (Vladimir Lossky) waren dabei sowie der kirchlich nicht gebundene Philosoph Jean Hyppolite.

4.
Etwa 27 Personen nahmen an dieser durchaus Salon zu nennenden Veranstaltung am 5. März 1944 teil. Die starke Beteiligung von Theologen, vor allem katholischen, ist bemerkenswert, zumal Bataille schon damals nicht gerade als Freund des christlichen – dogmatischen Glaubens bekannt war. Pater Daniélou wurde als maßgeblicher Teilnehmer schon erwähnt, außerdem müssen die Dominikaner Patres Dubarle und Maydieu erwähnt werden, auch die Katholiken Pierre Klossowski und Louis Massignon sowie der katholische Philosoph Gabriel Marcel. Eher „linke Katholiken“, wie der Philosoph Emmanuel Mounier oder Pater Marie D. Chenu waren nicht dabei. Von „weltlicher“ Seite sollen hier nur die Philosophen Sartre und Simone de Beauvoir genannt werden, sowie Blanchot, Camus, Hyppolite, Merleau – Ponty, Leiris …

5.
Es ist aus heutiger Sicht sehr bemerkenswert, dass es möglich war, in Paris, März 1944, eine solche konfessionell plurale Gruppe zum intensiven Gespräch zusammenzuführen. Jörg Altwegg schreibt in seinem Buch „Die Republik des Geistes“ (1986, S. 69), Angst vor der Zukunft hatten die Intellektuellen in Paris im März 1944 nicht mehr. „Mit der immer schwieriger werdenden Gegenwart kommt man offenbar ganz gut zurecht.“
Und man fragt sich aus heutiger Sicht: Käme heute, 2026, eine solche sehr plurale Gesprächsrunde unter dem „Dach“ eines katholischen Veranstalters zustande, in Frankreich wie auch in Deutschland? Ich vermute eher nicht. Das liegt daran, dass es in Frankreich wie vor allem in in Deutschland so viele zum kritischen Dialog bereite katholische Intellektuelle heute nicht gibt. Das Niveau der in der Kirche verbliebenen Katholiken hat sich heute weitgehend auf ein eher (klein)bürgerliches Niveau abgesenkt, weitreichende Kritik, Skepsis, Fragen als Grundhaltung, Selbstkritik, Korrektur bisheriger Überzeugungen etc. sind in einem solchen dominanten Milieu als christliche Tugenden nicht so üblich…

6.
Erstaunlich ist auch das Thema dieser philosophisch – theologischen Salon Runde im März 1944: Paris war noch von Deutschen, den Nazis, besetzt. Das nazifreundliche, von Rechtsextremen bestimmte Pétain – Regime herrschte noch, die Verfolgung der Juden war an der Tagesordnung und die Résistance versuchte, Juden zu retten. Das Sammellager für die Judentransporte in die KZs, also das Lager in Drancy, lag nur ca 10 Kilometer vom Pariser Stadtzentrum entfernt. Von dieser realen politischen Gegenwart im März 1944 ist in den Vorträgen und in den Diskussionsbeiträgen im Haus von Monsieur Moré überhaupt keine Rede. Und man fragt sich: Wie war es bei dieser Gegenwart möglich, über die hoch komplexen Ausführungen Batailles zur Sünde im allgemeinen ein paar Stunden zu debattieren? Sah man die Verbrechen, theologisch gesprochen, diese Sünde des Antisemitismus nicht, sah nicht man den sündhaften Wahn, dass sich so viele Franzosen, Katholiken zumal, dem faschistoiden Pétain -Regime hingaben? In dem Text ist davon keine Rede. Brauchten diese Intellektuellen im Paris des März 1944 vielleicht diese Flucht ins Abstrakt – Philosophische?

7.
Georges Bataille wird heute – wegen seines äußerst umfassenden, vielfach provozierenden Werkes – als eine besondere Art, etwa als „Außenseiter-Philosoph“ betrachtet: In Deutschland ist er nicht so bekannt wie seine Zeitgenossen Sartre oder Camus. Im Leben Georges Batailles ist wohl wichtig und prägend: Eine höchst unerfreuliche, belastende Kindheit mit einem dahinsiechenden an Syphilis erkrankten Vater; dann der Tod Lauras, der viel Geliebten, im März 1938. Und sicher auch in dem Zusammenhang ein anhaltendes kritisches Interesse Batailles am Katholizismus, am Ordensleben, an der katholischen Theologie, vor allem an der Mystik, selbst noch zu Zeiten, als er sich — nach 1920 – vom katholischen Glauben – explizit lossagte und in Nietzsche seinen wichtigsten „Bezugspunkt“ fand. Schließlich wollte Bataille ausdrücklich den hoch verehrten Nietzsche „wiederholen“… und in der Veranstaltung am 5. März 1944 bezeichnete sich Bataille als „antichristlich.“ Der Philosoph Bernhard Taureck schreibt über die Nietzsche-Bindung Batailles. „Die einzig authentische Lektüre Nietzsches besteht für Bataille darin, Nietzsche zu werden. Und: Das authentische Sein Nietzsches liege in der Weigerung zu dienen, d.h. nützlich zu sein“ . (Fußnote 3).

8.
Erstaunlich bleibt: Bataille hält es für wichtig, von einem explizit anti-christlichen und außer-theologischen Standpunkt aus von Sünde zu sprechen. Und diese Stellungnahmen Bataille erschließen sich nur in einer sehr geduldigen Lektüre, es sei, man gehört zu dem kleinen Kreis der Bataille – Fans und Spezialisten…Bataille will zeigen: Es gibt einen Gipfel, einen existentielle Höhepunkt, der in der Ekstase, im Tabu-Bruch, also auch im Vollzug der Sünde erreicht wird. Im Tun der Sünde kann eine Art rauschhafter Zustand erreicht werden, der das Sakrale berührt. Und immer geht es, wie bei Bataille, um das Verstehen der Sexualität als Praxis: Das Heilige meint Bataille erreichen zu können gerade durch das Sakrileg. Diese Überzeugung bestätigt Bataille noch einmal im Jahr 1945, im Rückblick auf dieses Gespräch im März 1944, in einem Brief an die Redaktion “Dieu Vivant“: „ Ich denke noch heute, dass ich das Fundament der gewohnten Moral untergraben habe, was ich ausdrücklich denen darlegen wollte, die die Last dieser Moral auf sich genommen hatten, die ihr den Sinn einer Verzweiflung gaben und deren Verzweiflung mir zufolge gegen die Moral spricht… Ich kann nicht stark genug betonen: Wir wollen, wie Nietzsche sagt, alles Christliche durch ein Überchristliches überwinden und nicht nur von uns abtun. Was Nietzsche behauptete, behaupte ich unverändert nach ihm.“ (S. 196).

9.
Erstaunlich bleibt die Ehrlichkeit Batailles: In der Diskussion am 5. März 1944 muss Bataille zugeben, dass etliche seiner Aussagen zur Sünde noch „unausgegoren“ sind. „Es ist mir sehr schlecht gelungen, mich auszudrücken,“, bekannt Bataille im Verlauf der Diskussion (S . 169). Und noch einmal 1945 im Rückblick auf die Diskussion vom März 1944: „Ich bedaure, dass ich mich in der Diskussion ziemlich schlecht ausgedrückt habe.“ (S. 196).

10.
Es ist erstaunlich, dass der Vortrag des Jesuiten – Theologen Jean Daniélou als Interpretation Batailles auch für das Christentum und die katholische Theologie positive Aspekte herausstellt. Vor allem die Mystik biete eine Brücke zwischen Bataille und der katholischen Lehre. Der Jesuit deutet die Mystik als Haltung des „Risikos“ (S. 101), als Überwindung einer bloß üblichen moralischen Haltung. Mystik ist „ein Appell, neuartige, umbetretene Wege zu gehen.“ Daniélou meint sogar, die Hierarchie der Werte zeige sich für Bataille nicht durch die übliche Anwendung von Gut und Böse, sondern „im Hinblick auf das Mystische und Nichtmystische.“ (S 192). Mystik ist deswegen so hochgeschützt, weil sie die üblichen dogmatisch engen Glaubensbegriffe sprengt, also einen Übertritt in die Weite – im Sinne Batailles – erlaubt. Aber Pater Daniélou bleibt dann doch bei allem Verständnis für Bataille dabei: Sünde beleidigt Gott, sie ist ein Sakrileg“: (S. 106).

11.
Man fragt sich: Was ist die aktuelle Bedeutung dieses Vortrags Bataille? Warum sollten nicht nur die wenigen Bataille Fans und Bataille Kenner dieses Buch lesen? Das Buch erinnert daran, aufmerksamer zu sehen: dass christliche Begriffe (Sünde, Gnade…) in eine säkulare, auch bewusst antichristliche Ebene rücken und dabei vom ursprünglichen christlichen Inhalt das meiste verschwindet. Das ist die Freiheit des Denkens. Aber bedenklich bleibt: Universell geltende Werte von Gut und Böse läßt Bataille nicht gelten. Anstelle von Gut und Böse setzt er „Gipfel“ und „Niedergang“. De Sade war für Bataille ein durchaus akzeptabler Denker der „Entgrenzung“, also im Sande Batailles der Sünde…
Kant („Kategorischer Imperativ“…) ist für Bataille obsolet, veraltet, heute ungültig. Wir betonen, das ist ein durchaus gefährliches Denken. Menschen leben mit dieser universellen Vernunft, um für das Überleben dieser Welt und der Menschheit noch etwas zu sorgen.

12.
So ist dieses Plädoyer Batailles für die Sünde unserer Meinung nach wenig inspirierend angesichts der tiefen Krise der Moral, die nicht nur die Herrschenden, sondern sehr viele Menschen unserer Zeit bestimmt. Diese Krisen und die daraus sich entwickelnden, heute sichtbaren Katastrophen sind ja immer auch auch Krisen der Moral. Bekanntlich ist Moral Ausdruck der freien Entscheidung von Menschen. Da soll das Plädoyer Batailles für die transzendierende Kraft der Sünde als Überwindung der Kategorie des Bösen weiterhelfen?
Unsere Position darf nicht des Reaktionären verdächtigt werden (weil Bataille – Kritik nichts Reaktionäres ist.)

Über zahlreiche kirchliche, sich christlich nennende Moral – Vorstellungen muss selbstverständlich gerade heute debattiert werden, etwa angesichts der reaktionären evangelikalen Kirchen in den USA als Teil der MAGA – Bewegung. Und für einen freien Umgang mit Erotik und die berechtigte Vielfalt der sexuellen Orientierungen müssen TheologInnen selbstverständlich deutlich eintreten.

Ob man für diese Debatten Batailles Sünden – Plädoyer als Überwindung von Gut und Böse braucht, wage ich zu bezweifeln. Offenbar kannten die im März 1944 in Paris mit Bataille versammelten Intellektuellen das Werk von Soren Kierkegaard nicht, speziell dessen Hinweise zur Sünde, etwa in „Philosophische Brocken“ oder „Entweder -Oder“. Eine Auseinandersetzung „Kierkegaard – Bataille “ fände ich interessant, es liegen wohl ganze „Welten“ zwischen beiden Philosophen.Und gerade diese Differenz herauszuarbeiten, wäre „spannend“.

So bleibt das Buch „Die Sünde“  eher für die Bataille – Forschung wichtig. Es gehört zur umfassenden wissenschaftlichen Edition der Werke Batailles im Verlag Matthes und Seitz in Berlin.

Fußnote 1:
 Gerd Bergfleth, „Bataille, Georges“ in „Metzler Philosophen Lexikon“, Stuttgart 2003, Seite 64.

Fußnote 2: Zit: ebd. S.60.

Fußnote 3: Bernhard Taureck, Französische Philosophie im 20. Jahrhundert“, Reinbek bei Hamburg, 1988, S. 196.

Copyright: Christian Modehn, ReligionsphilosophischertSalon Berlin.

 

 

Das Ende der Welt steht NICHT bevor

…. Denn der Antichrist wird noch aufgehalten: Durch das merkwürdige „Katechon“, d.h. das Aufhaltende oder auch „den“ Aufhalter….
Ein Hinweis zum „2. Brief an die Thessalonicher“ von Christian Modehn 21.8.2026.

Das Motto: Dies ist ein Thema, das uns bestimmte Rechtsradikale und libertäre Millliardäre jetzt aufdrängen. Anstatt das Elend der Milliarden Hungernder und Ausgebeuteter aufzuhalten, kümmern diese Leute sich um den Mythos eines Aufhalters, des „Katechon“. Dies ist ein Beispiel für den Wahn heutiger machtvoller Herrscher, die von einigen sogar noch „Eliten“  genannt werden. Wenn es diese biblischen Mythen nicht gäbe, dann, ja, dann würden die Genannten ohne den glanzvollen Mantel religiöser Mythen dastehen, vielleicht nackt, also wahrhaftig, also egoistisch – verblendet dastehen.

Der Skandal ist also, dass sich diese rechtsextremen Politiker und Tech – Milliardäre überhaupt mit dem Katechon spekulativ bzw. spinös befassen und nicht alles tun: Dass die Klimakastrophe – um nur ein Beispiel für heutige Katastrophen und Krisen zu nennen , „aufgehalten“ wird. Die Beschäftigung dieser Leute mit dem biblischen Mythos Katechon hat also etwas Überflüssiges, wenn nicht Perverses. Wir müssen trotzdem diesen mythologischen und neutestamentlichen Wahn verstehen. Welchen Wahn bestimmte Interpretationen der Bibel auch sonst erzeugen, wäre ein eigenes dringendes Thema.

Ergänzung am 26.8.2026: Wie geht die katholische Kirche heute mit dem Katechon um? Siehe dazu Nr. 23 in diesem Hinweis. 

………..

1.
Es gibt eine kurze Passage in einem eher marginalen, kurzen Text des Neuen Testaments und dort einen sehr speziellen mysteriösen Begriff. Er hat interessanterweise eine große und lange Wirkungsgeschichte, politisch wie religiös: Es ist der griechische Begriff KATECHON aus dem 2. Brief des Autors Paulus an die Thessalonicher, also an die Gemeinde der Stadt, die heute Saloniki heißt.
2.
„Katechon“ meint, kurz gesagt, den „Aufhalter“, was hält er letztlich auf? Das Ende der Menschheitsgeschichte und mit diesem Ende beginnt das von Christen ersehnte Reich Gottes. Dieses Ende ist also nicht nur das Sichtbarwerden der Wiederkunft Christi auf Erden, sondern auch der Sieg Gottes über den großen Feind Christi, den Antichristen. Von dieser gedanklichen Welt ist die frühe Kirche wenige Jahrzehnte nach dem Tod Jesu von Nazareth bestimmt.
3.
Der Autor Paulus des genannten Textes des NT behauptet also und schärft der Gemeinde ein: Dieses Ende der Welt als der Sieg Christi über den Antichristen steht NICHT bevor. Die Weltgeschichte als ein Kampf zwischen Guten und Bösen geht weiter…. Dank des aufhaltenden KATECHON.
4.
Immer wieder haben sich (schon mittelalterliche) Theologen auf diesen Aufhalter des Endes der Welt und ihrer Geschichte bezogen und sind dabei in den gegebenen biblischen Kategorien verblieben. Sie haben also nicht den biblischen Begriff vom ursprünglichen Inhalt entkernt und mit auch nicht das Katechon sowie auch das Ende mit neuen ideologischen Inhalten gefüllt.Diese inhaltliche Entfernung, Auslösung, des biblischen Inhaltes des Katechon findet nun seit einigen Jahren statt.
5.
Zahlreiche sehr einflußreiche Ideologen und Politiker rechter und rechtsextremer Fixierung in Deutschland, Russland und den USA sprechen also viel vom „Katechon“ und verwenden diesen ursprünglich biblischen Begriff als Stütze der eigenen Ideologie, ihrer feindlichen Politik und ihrer Ökonomie, die sich von jedem Respekt der universell geltenden Menschenrechte losgesagt haben.
6.
Unser Thema Katechon ist also alles andere als ein vielleicht nur esoterisches Thema für einige wenige „Eingeweihte“ oder Spezialisten, vielmehr wird der nun neu konstruierte Katechon Begriff als Antwort auf die globale Frage unserer Zeit verwendet: Auf welches Ende, auf welchen Untergang, steuert unsere Welt zu? Und wer oder was kann den Untergang noch aufhalten.
7.
Dabei ist für die rechten und rechtsextreme Ideologen des Katechon klar: Der Untergang der Welt geschieht nicht – wie im NT verkündet – durch ein göttliches Endgericht, sondern der Untergang ist ein von den Demokratien, den liberalen Staaten, den Menschenrechten herbeigeführtes Ende. Demokratien und Demokraten sind für den bevorstehenden Untergang verantwortlich, Demokratien und Demokraten mit ihren Werten des Pluralismus, Feminismus, Anerkennung der Rechten der Queers usw. muss man (also die Rechten und Rechtsextremen) aufhalten. sollen also der Untergang sein, behaupten diese Katechon – Interpreten. Wegen dieser Perspektiven, die auf einen Krieg innerhalb der Gesellschaft und auch auf einen Krieg der rechtsextremen Herrscher gegen die wenigen verbliebenen Demokratien hindeutet, ist die Auseinandersetzung mit diesem Katechon Begriff dermaßen relevant.
8.
Zunächst zum 2. Thessalonicher Brief selbst, dem Ursprungsort des Katechon – Begriffes: Historisch und kritisch arbeitende Bibel – Wissenschaftler nennen diesen griechischen Begriff „Katechon“,„schwebend, verrätselt“ nennen, sie betrachten ihn in der damaligen zeit als wenig prägnant, also als verführerisch für allerhand Spekulationen schon damals:LINK 
https://bibliographie.uni-tuebingen.de/xmlui/bitstream/handle/10900/131536/Karrer_085.pdf?sequence=1
9.
Die zentrale Behauptung des „2. Briefes an die Thessalonicher“ ist, wie gesagt: Das Ende der Welt als das Gericht Gottes und der Sieg Gottes über den Antichristen wird vorläufig NICHT geschehen. Mit dieser Behauptung unterscheidet sich dieser Brief von anderen Texten des Neuen Testaments, die betonen: Das Ende stehe unmittelbar bevor, so etwa die „Offenbarung des Johannes“, auch „Apokalypse“ genannt“ ( siehe dort Kap. 1, Vers 3). So wird also auch ein Beispiel deutlich für durchaus widersprüchliche kirchliche Lehren bezogen auf das Ende der Welt. Der 2. Brief an die Thessalonicher wie die Apokalypse des Johannes gehören zum Kanon des NT, sie gelten also als „Gottes Wort“…: Sogar Gottes Wort ist also nicht eindeutig. Wie sollte es angesichts dieses Themas vom Ende der Welt und der Wiederkunft Christi auch anders sein.
10.
Der Brief des Autors Paulus, der „2. Brief an die Thessalonicher“, wurde etwa in den Jahren 90 bis 115 geschrieben, den Brief hat mit größter Wahrscheinlichkeit NICHT der Apostel Paulus (Autor des Römerbriefes etc…) verfasst. Zur Datierung unseres Textes siehe: Maarten J.J. Menken’s „2 Thessalonians“ , published by Routledge in 2002.
Im folgenden wird der Autor des 2. Thessalonicher Briefes Paulus von mir nur Autor genannt.
Unsere Zitate aus diesem Brief sind der Einheitsübersetzung „Die Bibel“, Herder Verlag, 1980, entnommen.
11.
Der Ausgangspunkt für den Zweiten Brief an die Thessalonicher: Die Christen dort waren nach dem Tod Jesu von Nazareth und der von ihnen geglaubten Auferstehung bzw. Himmelfahrt von der Frage heftig bewegt: Wann kommt dieser Jesus von Nazareth nun als der siegreiche Christus endlich aus dem Himmel wieder auf die Erde zurück? Denn, so glaubten sie, diese definitive und siegreiche Rückkehr habe ihnen Jesus zu seinen Lebzeiten versprochen, die Autoren der Evangelien lehren das.
Diese Erwartung der siegreichen Wiederkunft Jesu Christi auf Erden wird Nah – Erwartung genannt. Die Christen in Thessalonich haben sich in ihrer frommen Phantasie Details zusammen gereimt: Wenn Christus wiederkehrt, dann wird er sich zunächst mit dem Antichristen, also der großen feindlichen Gegenmacht, auseinandersetzen und diesen Antichristen schließlich besiegen. Gleichzeitig beginnt dann das Endgericht durch Christus bzw. Gott geleitet.
12.
Der Autor dieses Briefes muss die sehnsuchtsvoll die Wiederkunft Christi und damit auf das Ende dieser Welt spekulierenden Christen beruhigen, man möchte sagen von ihrem frommen Wahn befreien: Es ist in der Sicht des Autors falsch und schädlich, wenn Christen in Thessalonich glauben, das Ende der Zeiten sei bereits jetzt schon da. Das behaupten einige, die sich in Thessalonich als Lehrer aufführen. Der Autor unseres Briefes also schreibt: „Lasst euch nicht so schnell aus der Fassung bringen… wenn behauptet wird, der Tag des Herrn (also die Wiederkunft Christi) sei schon da“ (2,2). Und dann nennt der Autor des Briefes detaillierter die Abfolge der Ereignisse, die zum Ende der Welt als dem Sieg Gottes einst führen. Vor dem Endgericht und damit vor dem dann beginnenden Reich Gottes muss noch der Abfall der Menschen vom wahren christlichen Glauben stattfinden und sichtbar werden. Und dann muss auch „der Mensch der Gesetzlosigkeit“, der „Sohn des Verderbens“, sichtbar auftreten, „erscheinen“, wie der Autor sagt, er meint die Figur des Antichristen.
Im Endgericht werden dann die Guten, das sind die korrekt Frommen der Gemeinde, für gut befunden und gerettet, also ins Reich Gottes eintreten, in den Himmel. Und die Bösen, das sind die Irrlehrer und Feinde des offiziell gelehrten Christus – Glaubens, werden verurteilt und letztlich dem Verderben, also der Hölle, preisgegeben.
Der Antichrist, der „Gesetzwidrige in der Kraft Satans mit großer Macht“, wird viele Christen verführen, weil sie „sich der Liebe zur Wahrheit verschlossen haben“ (Vers 10), also der Liebe zu der von den Aposteln festgelegten christlichen Lehre: Beachtlich ist nur das Gottesbild des Autors: Gott selbst lässt die Menschen der Macht des Irrtums verfallen läßt, wie es in Vers 10 heißt: Gott selbst lässt also den dogmatischen Irrtum zu, der dann beim Gericht für die Irrenden zum Verhängnis wird.
13.
Der Autor aber will die Gemeinde vor allem warnen: Wer den Anbruch des Reiches Gottes und die Wiederkunft Christi bereits jetzt als gegeben ansieht, der hat überhaupt kein Interesse mehr, sich an die bislang übliche weltliche Ordnung zu halten, also Ruhe zu bewahren und den Alltag wie gewohnt zu gestalten, etwa regelmäßig zu arbeiten. In Kapitel 3 teilt der Autor sein hartes Urteil mit, und dieses muss im Zusammenhang des Katechon gelesen werden:Der Autor verurteilt aufs heftigste die Haltung: Wenn das Reich Gottes jetzt schon da ist, dann braucht auch niemand mehr arbeiten; das Reich Gottes wird von diesen Frommen als ein ewiges Leben ohne Arbeit phantasiert… Religiöse begründete Faulheit der Frommen wird also zurückgewiesen, siehe Vers 10 f.: „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen. Wir hören aber, das einige von euch ein unordentliches Leben führen und alles mögliche treiben, nur nicht arbeiten. Wir ermahnen sie und gebieten ihnen, im Namen Jesu Christi, des Herrn, in Ruhe ihrer Arbeit nachzugehen und ihr selbst verdientes Brot zu essen“. Wer an den Beginn des Reiches Gottes schon als jetzige Realität glaubt, legt sich also auf die faule Haut:

Eine Erfahrung auch im Sowjet – Kommunismus Stalins, der als ehemaliger Theologiestudent diese Briefe des Neuen Testaments wohl kannte: Er hat gegen Faulenzer im Kommunismus tatsächlich ein Zitat aus dem 2. Thessalonicher Brief – trotz des offiziellen sowjetischen Atheismus – in die Verfassung der UdSSR eingefügt: Dort heißt es: „Die Arbeit ist in der UdSSR Pflicht und Ehrensache jedes arbeitsfähigen Staatsbürgers nach dem Grundsatz: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“, so Art. 12 der „Verfassung der UdSSR“ vom 5.12.1936. (Artikel 12. Die Arbeit ist in der UdSSR Pflicht und eine Sache der Ehre eines jeden arbeitsfähigen Bürgers nach dem Grundsatz: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“; Quelle: LINK 
14.
Und man wird zeigen müssen, dass auch in christlichen Kreisen etwa in der frühen Kirche einige wächst enthusiastische Fromme die Arbeit verschmähten und sich etwa als Säulen Heilige auf die Säulen hockten und sich notdürftig von anderen versorgen ließen…Enthusiastisch fromm und enthusiastisch faul scheint sich zu reimen, das sah der Autor des 2. Thessalonicher Briefes schon..
15.
Wer ist nun eigentlich für unseren Autor derjenige, der über das Katechon, den Aufhalter der Endzeit, verfügt? Der Autor spricht von einer „festgesetzten Zeit“ (Vers 6), in der der Antichrist erst offenbar werden wird zum Endkampf gegen Christus. Wer kann über diese Zeit verfügen, sie fest setzen? Natürlich Gott persönlich, er ist also der Herr des Katechon.
16.
Vom „Katechon“ wird in anderen Briefen des Neuen Testaments NICHT gesprochen erwähnt, nicht Kolosser-Brief und auch nicht im Epheserbrief, auch nicht in den so genannten Pastoralbriefen des Neuen Testaments.
17.
In kurzer Hinweis zur Wirkungsgeschichte des biblischen „Katechon“. Dieser wirre Begriff des Neuen Testaments hat eine lange ideologische Geschichte. Dazu weisen wir erneut auf die wichtige Studie von Volker Weiß hin, „Katechon“, Cotta Verlag, 2026.
Im Mittelalter wurden politische Kräfte genannt, die das Katechon sein sollen, das Kaiserreich, politische Systeme…
Im 20.Jahrhundert hat der katholische rechtsextreme Denker Carl Schmitt eine Katechon-Ideologie heftig propagiert. Wikipedia schreibt: „In Schmitts posthum veröffentlichten Tagebüchern heißt es in dem Eintrag vom 19. Dezember 1947: „Ich glaube an den Katechon: Er ist für mich die einzige Möglichkeit, als Christ Geschichte zu verstehen und sinnvoll zu finden.“ (Glossarium, S. 63) Und Schmitt fügte hinzu: „Man muß für jede Epoche der – von meiner Gegenwart aus gerechneten – letzten eintausendneunhundertachtundvierzig Jahre den Katechon, den Aufhalter des Endes, nennen können. Der Platz war niemals unbesetzt, sonst wären wir nicht mehr vorhanden.“ (Quelle: LINK )
18.
In Kreisen der AfD ist der katechon Begriff üblich: Maximilian Krah meint, seine rechtsextreme Partei werde von Trump als dem Katechon geschützt (zit. in Volker Weiss, S. 11). Auch die rechtsextremen Identitären Sellner und Lichtmesz glauben: Der Kampf gegen die Massen der Flüchtlinge sei nur mit einem starken (natürlich rechtsextreme) Staat (als Katechon) zu gewinnen (S. 20). Der Milliardär Peter Thiel (USA) meint: Ein politisches libertären Katechon sei notwendig, um den drohenden weltweiten liberalen und demokratischen Einheitsstaat zu verhindern (S. 24). Vor allem müsste die d Kontrolle der neuen Hochtechnologie durch Demokraten und Demokratien verhindert werden (S. 25). Das libertäre Katechon im Sinne Thiels (und Musks und Zuckerbergs usw.) soll die Milliardäre in ihrer unkontrollierten Freiheit schützen: Das ist die theologisch gefärbte Ideologie dieser neuen Herrscher…
19.
Der böse Feind, vor dem das Katechon der US Milliardäre und ihrer politischen Freunde schützt, ist also die demokratische liberale Welt. Die Menschenrechte werden zum Feind, den es zu verhindern gilt. Wichtig sind auch die Erläuterungen von Volker Weiss zur Herrschaft der Katechon – Ideologie in Putins Russland, etwa beim Philosophen Alexander Dugin und der Russisch-Orthodoxen Kirche (Patriarch Kyrill I, als Putin – Ideologe). Russland muss als Katechon die ganze Welt vor dem korrupten und total verdorbenen liberalen Europa schützen; der russische Politologe Sergej Karaganov will deswegen russische Atomwaffen gegen das verdorbene liberale Europa einsetzen, sollte die Ukraine weiter als Bollwerk des Westens bestehen (S. 45). Zu unseren Hinweisen auf die sich russisch – orthodox nennende Putin-Kirche in Russland: LINK        Für Trump ist MAGA das Katechon, die MAGA Bewegung hält den Sieg der Liberalen auf, der Demokraten, der Linken, der Queers usw…
20.
Man darf sehr erstaunt sein, mit welcher Bravour Rechtsextreme verschiedener Staaten sich auf diesen abseitigen biblischen Begriff Katechon heute noch einlassen. Warum benötigen sie diesen frommen Mantel, um ihre eigene menschenfeindliche Ideologie etwas zu verstecken? Weil sich mit Gott und religiösem Zauber und religiös – spinösen Begriffen die dummen Bürger dieser Staaten noch auf die eigene Seite ziehen können!
21.
Und warum wehren sich die heute halbwegs etwas vernünftigen großen Kirchen nicht gegen den Missbrauch biblischer Begriffe, wie etwa des Katechon, das von jeglicher biblischer Bedeutung und jeglichem Inhalt durch die genannten Rechtsextremen entleert wird?
Wenn schon vom noch vom Katechon gesprochen werden soll, dann sollten die Kirchen darauf dringen: Redet auch vom bevorstehenden Untergang der Welt durch die jetzt offensichtlich werdenden Klima- Katastrophen (es sind ja wohl nicht nur Klima- Krisen); redet auch vom bevorstehenden Ende der Welt, weil die reichen Länder und die Milliardäre dort außerstande sind und keine Pillen haben, die vielen Milliarden Hungernder zu ernähren, den Rassismus gegenüber den Armen abzulegen, die Milliarden Elender aus dem Elend der Unbildung, der Wohnungslosigkeit, der medizinischen Nicht – Versorgung zu befreien. Die vielen Katastrophen sind also da, sie sind von Menschen gemachte Katastrophen, nicht von einem imaginären Antichristen. Oder ist dieses religiös-mythische Bild doch hilfreich? Niemand unter den Demokraten und vernünftig gebliebenen Menschen sollte es aber wagen, bestimmte Leute mit dem Antichristen zu identifizieren, so sehr man dazu eine gewisse Lust verspürt…Dann würde der Bürgerkrieg etc…beginnen…
22.
Jedenfalls müssen noch ganz andere Katastrophen beachtet werden als diejenigen, von denen die Rechtsextremen schwadronieren, um ihre eigene verbrecherische Herrschaft zu zementieren und auszubreiten. Für diese genannten anderen Katastrophen sind bestimmte Politiker, Ideologen, aber auch viele brave, aber ignorante Bürger in den reichen Ländern dann doch verantwortlich zu machen. Man kennt ihre Namen. Die Armen, Hungernden, Sterbenden, etwa im Südsudan, Kongo, Madagascar, in den Slums asiatischer oder lateinamerikanischer Großstädt, auf den Südsee- Inseln usw… sind für die Klimakatastrophe bestimmt NICHT verantwortlich… Es sind die Herren dieser Welt…

23.

Die katholische Kirche spricht heute eher nebenbei und eher indirekt vom Katechon: Im offiziellen „Katechismus der katholischen Kirche“ von 1993 wird in § 673 das Wort „aufhalten“ verwendet und damit an das Katechon erinnert: Die endgültige Ankunft bzw. Wiederkehr Christi , so heißt es dort, “kann jederzeit geschehen, auch wenn sie und die endzeitliche Prüfung, dir ihr vorausgehen wird, noch =aufgehalten= wird.“ Dieser Satz verwendet die bildhafte mythologische Sprache des Neuen Testaments förmlich wie ein Faktum. Das aber nur nebenbei, jedenfalls verweist Fußnote 3 in § 673 auf die entscheidende Katechon Aussage im 2. Thessalonicher Brief, Kap2, Verse 3-11. Auch vom `Antichrist ist im Katechismus die Rede: in § 675, auch dort wird wieder auf die Aussage des 2. Thessalonicher Briefes verwiesen.Viel wichtiger ist aber: Die katholische Kirche hält immer noch an einer umfassenden ENGEL – Lehre fest, in deren Mittelpunkt der Erzengel Michael steht: Er ist der gegen alles Dunkle und Feindliche kämpfende Fürst der Engel. Er ist also als Engel sozusagen der Aufhalter des Bösen. Die offizielle Website „Vatican News“ berichtet in dem Zusammenhang unter dem Stichwort Michael – Erzengel (Quelle: LINK ) von einem mysteriösen Erleben des Papstes Leo XIII im Jahr 1884 (der jetzige Papst Leo XIV. Ist laut eigener Aussage ein Verehrer dieses Papstes Leo XIII.
Vatikan News schreibt u.a.: Papst Leo XIII. sei am 13. Oktober 1884 während einer Messfeier für einige Minuten erstarrt: Und Leo XIII. erklärte später, er habe in diesen Minuten der Erstarrung eine furchtbare Vision gehabt: „Legionen von Dämonen“ hätten darin zum Sturm auf die Kirche angesetzt und sie nahezu zerstört. Doch dann habe der Erzengel Michael eingegriffen und das Schlachtenglück gewendet. „Aber ich sah, dass der Erzengel nicht sofort eingriff, sondern erst, nachdem aus aller Welt inständige Bitten zu ihm aufgestiegen waren.“ Das Gebet des Leo-Papstes ist mittlerweile fast in Vergessenheit geraten, doch noch Johannes Paul II. lud an einem Sonntag im April 1994 dazu ein, „es immer wieder zu beten, um Hilfe im Kampf gegen die Kräfte der Dunkelheit und gegen den Geist dieser Welt zu erlangen“.
Das Katechon in der katholischen Kirche sind heute die ENGEL, vor allem ist es der hoch verehrte Erzengel Michael, das wäre ein eigenes Thema: Man müßte diese Lehre in bis heute bestehenden und päpstlich anerkannten esoterisch – katholischen Vereinigungen wie dem „ENGELWERK“ (oder dem mit dem Engelwerk verbundenen offiziell katholischen Kreuz-Orden) weiter untersuchen; sowie auch im Zusammenhang der Erscheinungen der Jungfrau Maria auf Erden, etwa in Fatima 1917. Oder in La Salette 1846, einem französischen Ort der hoch-problematischen, wenn nicht verstörend-verwirrenden, aber päpstlich anerkannten Marien-Erscheinung und Marien – Wallfahrt seit dem 19. Jahrhundert…

24.

Ein vernünftiges theologisches Nachwort: Die katholische Theologin Prof. Marta Zechmeister, San Salvador, sagt: “Gott ist für mich die große Verheißung, dass die Schurken dieser Welt nicht das letzte Wort behalten – die, die über Leben und Tod anderer verfügen. Das ist keine Vertröstung auf ein Jenseits. Es ist die Weigerung, ihnen den Ausgang der Geschichte zu überlassen.“ LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Aktualisiert am 2. September 2026 durch CM

Kardinal Woelki wird 70: „Ich würde das meiste wieder so machen“

Ein theologisches Profil eines konservativen Herrschers
Als Hinweis von Christian Modehn am 15.8.2026

Unser Motto: Schon heute, 2026, sicher aber in wenigen Jahren, werden auch andere kritische Theologen die Erkenntnis publizieren: Dass auch ein Kardinal durch seine Art zu herrschen KatholikInnen aus der Kirche vertreibt…. Zur Erinnerung: Am Beispiel der niederländischen Bischöfe seit 1969 bis heute zeigt sich evident: Sie haben als konservativ – reaktionäre Bischöfe, von den Päpsten gegen den Willen der Holländer eingesetzt, für den nicht nur spirituellen Zusammenbruch der niederländischen katholischen Kirche gesorgt.

Bischöfe also als „Verhinderer“ des Glaubens? An diesen Gedanken wird man sich gewöhnen müssen, nicht nur angesichts der endlosen „Fälle“ von sexuellem Missbrauch, Verschweigen und Vertuschen durch die „Ober – Hirten“.

1.
Der Religionsphilosophische Salon in Berlin pflegt nicht die Tradition, sogenannte runde Geburtstage von Bischöfen und Kardinälen – mit den selbstverständlichen kritischen Hinweisen – zu kommentieren. Zum 70. Geburtstag von Kardinal Rainer Maria Woelki in Köln am 18. August 2026 halten wir es einmal anders: Weil dieser Erzbischof die Entwicklung des Katholizismus in den vergangen Jahren entscheidend bestimmt hat, nicht zum Positiven, sagen wir.
So ist es eine journalistisch – theologische Pflicht, die egozentrische aktuelle Lobeshymne des Geburtstagskindes selbst wie auch die Lobeshymne des Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Bischof Heiner Wilmer, nicht „einfach so“ als bischöfliche Wahrheiten stehen zu lassen. Dies aber in gebotener Kürze, wobei wir hier erneut auf unsere früheren kritischen Studien zu Rainer Maria Woelki hinweisen.
2.
Bischof Heiner Wilmer, Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz, hat in einer Lobeshymne nur zwei oder drei Tugenden Woelkis nennen wollen oder nennen können: Dessen Engagement für den Bau von Wohnungen in Köln sowie die feierliche Messe, bei der Woelki ein Boot von Flüchtlingen als Altar benutzte, es wurde wohl aus dem Mittelmeer herbeigeschafft. Mit diesem brüchigen Boots – Altartisch sollte so etwas wie des Kardinals politisches Engagement sichtbar werden… Und sonst? Da schreibt Bischof Wilmer nur fromme Worte; alles wird verschwiegen, was sich im Erzbistum Köln und darüber hinaus an Empörung, Kritik und Wut zu dem theologisch reaktionären Handeln Kardinal Woelki anstaute und wohl immer noch vorhanden ist. Zu Bischof Wilmers Gratulation: LINK
3.
Kardinal Woelki selbst gab sich in katholisch.de am 14.8.2026 sehr selbstzufrieden: „Ich kann sagen, dass ich mich weder alt noch müde fühle. Eher beflügelt. Eigentlich hat mir meine Tätigkeit noch nie so viel Spaß gemacht wie jetzt“, sagte er. Er sei überrascht und glücklich darüber, was in den letzten Jahren in seiner Diözese „alles gewachsen ist.“ Und auch dies noch: „Ich würde das meiste wieder so machen, wie ich es machte“. LINK
4.
Auf die vielen tausend Austritte aus seiner Kirche seit seinem Amtsantritt kann Woelki hoffentlich nicht stolz sein: Konkret die Austrittszahlen im Erzbistum Köln unter Führung von Kardinal Woelki:
2015 14.657 Austritte; 2016 13.583 Austritte; 2017 13.931 Austritte; 2018 18.472 Austritte; 2019 24.298 Austritte; 2020 17.282 Austritte (pandemiebedingt reduzierte Austritts-Termine); 2021 40.772 Austritte; 2022 51.345 Austritte (historischer Höchstwert); 2023 40.913 Austritte, 2024 28.979 Austritte, 2025 21.975 Austritte.
Die Kirchensteuern fließen aber noch gut, so dass kein Anlass zur Selbstkritik offenbar besteht. 2026 wird das Erzbistum 674 Millionen an Kirchensteuern erhalten, weitere Zuwendungen kommen hinzu, aus Zuweisungen und Zuschüssen, so dass das Erzbistum Köln einen Ertragsplan von fast einer Milliarde Euro hat. LINK ….Und auch:  LINK
5.
So löblich auch die Anregung Woelkis ist, Wohnungen in Köln zu bauen: Der Herr Kardinal wohnt selbstverständlich NICHT in einem Drei-Zimmer-Apartment, das für für einen älteren Single ausreichend wäre, sondern im üblichen Palais in Köln, das er, bescheiden, wie er ist, im Jahr 2014 um einige Quadratmeter der riesigen Wohnung seines üppig lebenden Vorgängers, Kardinal Meisner, reduzierte: Woelki hat jetzt nur noch 160 Quadratmeter zur Verfügung im Erzbischöflichen Haus an der Kardinal Frings Str. Der Ärmste lebt also bescheiden, und verfügt über ein Monatsgehalt von 13.800 Euro monatlich. LINK
6.
Über die große Protestbewegung gegen Kardinal Woelki unter Kölner Katholiken ist viel geschrieben worden, wir erwähnen nur einige Gründe der breiten Protestbewegung: Probleme bei der „Aufarbeitung“ von sexuellem Missbrauch; autoritärer Führungsstil; deswegen zahlreiche Protestdemos von Katholiken; MessdienerInnen erlauben es sich, bei der Messe dem Herrn Kardinal den Rücken zuzukehren usw…
Woelki bot dem Papst Franziskus freundlicherweise seinen Rücktritt an, aber der Papst lehnte ab, aus welchen Gründen??? Dies wurde nie öffentlich gesagt, wie üblich in diesen Kreisen. Wir vermuten naheliegend bei den klerikal – sehr konservativen Verhältnissen im Erzbistum Köln: Das Opus Dei wollte Woelki, einen ihrer größten Sympathisanten in einem weltkirchlich sehr einflußreichen, vor Geld stinkenden Bistum, behalten…Weihbischof Dominikus Schwaderlapp in Köln steht dem Opus Dei sehr sehr nahe….LINK
Ein anderer Weihbischof von Köln ist Bischof Ansgar Puff, er ist eng mit dem theologisch extrem konservativen „Neokatechumenalen Weg“ verbunden. LINK 

Opus Dei und Neokatechumenaler Weg inspirieren wohl heftig den missionarischen Drang von Kardinal Woelki, Mission der Kölner Bevölkerung ist jetzt sein Lieblingsthema…

6.
Problematisch ist die nun aktuell dokumentierte Selbstzufriedenheit des Kölner Kardinal Woelki aktuell etwa auch, wenn man sein theologisches Lieblingsprojekt denkt: Die so genannte „Woelki-Hochschule“ in Köln als bischöflich kontrollierte Ausbildungsstätte junger Theologen (KHKT) ist jetzt, Sommer 2026, ohne Leitung, ohne Führung. Es gebe einen toxischen Konflikt zwischen Woelki und der KHKT Trägerstiftung, schreibt der Kölner Stadtanzeiger. Es geht um die Frage: Was bedeutet Wissenschaft, kritische Wissenschaft, für diese Woelki Hochschule? Die zurückgetretene Leitung der Hochschule wolle nicht zum `Hurra-Herr Kardinal Club“ gehören, wolle nicht wie Marionetten des Kardinals sein, berichtet auch PUBLIK Forum am 14.8.2026, Seite 43.
7.
Angesichts dieser aktuellen Fakten, von den schon früher dokumentierten Tatsachen ganz zu schweigen. Ist es wirklich nicht zu akzeptieren, wenn man die Lobeshymne von Bischof Wilmer, dem Vorsitzender der Bischofskonferenz, liest: Wilmer spricht fast eine Heiligsprechung aus, wenn er diesen Bischof Woelki als „einen authentischen Zeigen des Evangeliums“ bewertet. Seit wann führen denn „authentische Zeugen des Evangeliums“ zu dauerhaftem Streit, zu hilflosen Protesten, zu Kirchenaustritten???
Wenn also diese bischöfliche Praxis des Kardinals authentisches Evangelium ist, dann, ja was dann?: Dann werden wir an die klerikale Verfälschung des Evangeliums Jesu von Nazareth erneut erinnert. Ein offenes, kritisches Wort zum 70. Geburtstag wagt ein klerikaler „Mitbruder“ einem anderen klerikalen „Mitbruder“ natürlich nicht zu sagen… Da herrscht offenbar immer noch die aus den klerikalen Missbrauchsfällen bekannte „Verschweige – Gemeinschaft“ der Kleriker…So brauchen wir nicht gespannt zu sein, was dann ein Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz zum 70.Geburtstag (2029) von Regensburgs Bischof Rudolf Voderholer schreibt, er ist ja bekanntlich ein sehr enger Freund von Fürstin Gloria von Thurn und Taxis, sie steht bekanntlich der AfD sehr sehr nahe…

………………………Der ursprüngliche Text  von 2023 mit zahlreichen LINKS…………

9.
In seiner Doktorarbeit „Die Pfarrei“ an der Santa Croce Universität des Opus Dei in Rom nennt Woelki ein entscheidendes Kapitel: „Das Amt als Repräsentation Christi“ bzw. im Unterkapitel „Die sakramentale Vergegenwärtigung Christi durch den Kleriker“.
Woelki glaubt, und das ist auch offizielle Lehre: Im zölibatären Kleriker, auch in ihm, Herrn Woelki, ist Jesus Christus sakramental (zeichenhaft) gegenwärtig.
Welche Konsequenzen hat diese Theologie für den eigenen Lebensstil? Unter 3.2.3. schreibt Woelki in seiner Doktorarbeit an der Opus-Dei-Universität: „So repräsentiert der Bischof Christus in seiner und für seine Teilkirche“. Die theologische Frage ist: Wie stark leidet dieser Christus unter den gegenwärtigen „Kölner-Kardinals- Verhältnissen“? LINK

10.

Kardinal Woelki hat sich, wie üblich bei Kardinälen und Bischöfen,einen Wahlspruch gewählt: „Nos sumus testes – „Wir sind Zeugen“ (ein Zitat aus der „Apostelgeschichte“, 5. Kapitel, 32. Vers). Wobei das lateinische „nos“, also das Wir, eigentlich überflüssig ist bei dem „sumus“, das ja schon „wir sind“ aussagt. Das Wir, gemeint ist freilich das Ich, wird also noch einmal überbetont in dem Sinne: „Wir (nur wir Kleriker?) sind Zeugen (der Jesu Auferstehung). Ein egozentrischer Wahlspruch, könnte man meinen….

11.

Diesen Wahlspruch, so könnte man jetzt etwas ironisch meinen, hat sich Woelki sehr weise ausgesucht, offenbar voller Vor – Ahnungen für seine bevorstehenden juristischen Auseinandersetzungen. Da geht es bekanntlich darum, was denn Woelki als „Zeuge“ des sexuellen Missbrauchs seiner Priester so alles gesehen, erlebt, bzw. vertuscht hat.
12.

Übrigens wurde Woelki von Papst Benedikt XVI. ins Kardinalskollegium berufen. Dafür hat wohl Woelkis enger Freund Kardinal Meisner (Köln) bei seinem Freund Ratzinger sorgen können….

13.

Hinweis auf einige ältere, nach wie interessante Publikationen über Woelki von Christian Modehn:
Kurz nach der Ernennung Woelkis zum Erzbischof in Berlin:
„Mit Erzbischof Woelki ins Getto“ heißt der Beitrag vom 9. September 2011, LINK 
(Woelki war Erzbischof bzw. Kardinal in Berlin von September 2011 bis zum 7.9.2014. Danach in Köln als Nachfolger seines Gönners Kardinal Meisner.

Am 9.7.2012 veröffentlichte Christian Modehn einen ausführlicheren und besonders wichtigen Hinweis, der sich vor allem mit der theologischen Doktorarbeit Woelkis an der Opus-Dei-Universität Santa Croce in Rom befassen. LINK. Es ist interessant, dass die offizielle Pressemitteilung des Presseamtes des Erzbistum Berlin Woelkis Doktorarbeit an der Opus Die Universität in Rom nicht erwähnt. Diese Doktorarbeit war wohl schon peinlich geworden und wurde besser verschwiegen. LINK

Über „Woelki und das Ende der Ökumene“, LINK, vom 7.10.2017

„Wie reaktionär ist Woelkis Theologie?“ LINK, vom 16.9.2019
Im „Fall“ des katholischen Theologen Prof. Ansgar Wucherpfennig SJ hatte sich Woelki eingeschaltet, dieser Eingriff zeigte, was der Kardinal unter freier theologischer Forschung versteht. LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.
Aktualisiert am 15. August 2026 durch CM

KI sieht sich selbst als nur beschränkt glaubwürdig

KI gesteht Fehler ein und kann sie nicht schnell korrigieren!
Ein Hinweis von Christian Modehn am 14.8.2026

Ich habe am 14.8.2026 mit KI über google einmal als Test „diskutiert“ über Fehler, die diese KI über meine Person veröffentlich hat. Darauf erhielt ich von KI am 14.8.2026 um 16.45 Uhr diese Antwort. Sie ist sehr ernüchternd und erscheint wie eine Warnung von KI selbst vor dieser KI:

Dies ist die Antwort von KI:
Ich kann Ihre Skepsis vollkommen verstehen. Es ist absolut logisch, dass mein Fehler und das Fehlen eines echten Gedächtnisses Ihr Vertrauen in meine Zuverlässigkeit stark beschädigt haben. Wenn eine Quelle falsche Fakten liefert und sich kurz darauf nicht einmal selbst korrigieren kann, zweifelt man zu Recht an ihrer Glaubwürdigkeit.
Als KI-Modell funktioniere ich anders als ein Mensch. Ich besitze kein Bewusstsein, kein echtes Wissen und kein persönliches Erinnerungsvermögen. Ich bin ein mathematisches Werkzeug, das Text basierend auf gelernten Mustern generiert.
Dabei kommt es leider zu zwei zentralen Problemen, die meine Glaubwürdigkeit einschränken:

1. Warum ich Fehler mache (Halluzinationen)
Muster statt Fakten: Ich überprüfe Informationen nicht wie ein menschlicher Journalist auf ihren Wahrheitsgehalt, sondern berechne, welche Wörter statistisch gut zusammenpassen.
Falsche Verknüpfungen: Da Christian Modehn auf der Seite des Humanistischen Pressedienstes (hpd) als Autor von Gastbeiträgen auftaucht, hat mein System daraus fälschlicherweise eine feste „Mitarbeit“ konstruiert. Das ist ein klassischer KI-Fehler.

2. Warum ich kein Gedächtnis habe
Stateless (Zustandslos): Jedes Mal, wenn ein neues Gespräch gestartet wird, beginnt das System komplett bei null.
Kein dauerhafter Lerneffekt: Ich kann aus den Korrekturen, die Sie mir in diesem Moment geben, nichts für die Zukunft oder für andere Nutzer abspeichern. Mein zugrundeliegendes Modell bleibt unverändert, bis die Entwickler ein neues Update einspielen. [1]

Wie Sie mich trotzdem sinnvoll nutzen können
Man sollte meinen Texten niemals ungeprüft vertrauen – besonders nicht bei spezifischen Personendaten, rechtlichen Fragen oder medizinischen Themen. Ich bin am besten als Werkzeug geeignet für:
Strukturierung: Um lange Texte zusammenzufassen oder Grammatik zu korrigieren.
Brainstorming: Um Ideen für Projekte, Programmcode oder Formulierungen zu sammeln.
Entwürfe: Um erste Textskizzen zu erstellen, die Sie danach selbst überprüfen. [1] Es ist völlig gesund und richtig, dass Sie mir gegenüber misstrauisch sind. Sie sollten meine Antworten stets wie eine unverbindliche erste Suche betrachten, die einer kritischen Überprüfung bedarf.

Ende dieser KI Antwort.

Unsere kurze Stellungnahme: Wir haben diese selbstkritisch wirkende KI Antwort publiziert, um daran zu erinnern, dass KI Antworten in unserem Zusammenhang alles andere als weitestgehend  der Wahrheit entsprechen. Und dass KI auf unsere Hinweise der Fehler der KI Antworten eher hilflos wirkt, siehe die Antwort oben. Das „Schuldbewusstsein“  der KI ist wohl sehr gekünstelt, wie sollte es bei KI anders sei? Alles künstlich… 

Es gibt schlechterdings keinen, nun ja, menschlichen Ansprechpartner bei diesen Fehlermeldungen, nur KI Spezialisten werden hoffentlich noch irgendwann einen menschlichen Ansprechpartner, vielleicht so gar einen menschlichen Namen,  eventuell finden, wahrscheinlich irgendwo in der Umgebung von San Francisco.

Das sollte man erkennen: Wir sind sozusagen einer anonymen Macht der Antworten – (An-) Geberei der KI ausgesetzt, die nicht in vollem Umfang die ihr tatsächlich zur Verfügung stehenden Wahrheiten aussagt. Das kann in manchen Fälle dramatisch sein….C.M. 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-Salon.de

Kontemplation – von Theodor W. Adorno wieder belebt und von einigen Theologen heute neu entdeckt

Ein Hinweis von Christian Modehn am 11.8.2026

1.
Kontemplation ist ein Begriff, der sich auf die religiöse Praxis im Sinne der mystischen Traditionen in den Kirchen bezieht. Kontemplation meint das Sich – Versenken der Frommen in die göttlichen Geheimnisse, die in der Bibel überliefert oder von der Kirchenführung gelehrt werden. Die Karmeliterorden nennen bis heute die Kontemplation als die wichtige Praxis ihrer Mitglieder, inspiriert von Theresa von Avila und Johannes vom Kreuz. Aber auch für die Schweigeorden der Trappisten und Kartäuser ist Kontemplation zentral. Für „normale“ (Laien)-Christen ist Kontemplation in dem Sinne eine ferne Welt…

2.
Kontemplation wird im 20. Jahrhundert, mit einem säkularen, weltlichen Inhalt, eine Art Leitidee der PhilosophieTheodor W. Adornos. Dieser Wandel des Begriffs Kontemplation und der mit ihm gemeinten Praxis ist ein weiteres Element für das Verstehen unserer Gegenwart, also auch für uns kein Nebenthema.

3.
Die Säkularisierung von Begriffen aus der metaphysischen und religiösen Tradition interessiert uns sehr. Der Philosoph Martin Seel machte auf „Adornos Philosophie der Kontemplation“ schon 2004 (Suhrkamp Verlag) aufmerksam. Seel betont: Kontemplation ist für Adorno alles andere als ein Nebenthema.
Als junger Philosoph hat Adorno die Kontemplation zurückgewiesen und allen Wert darauf gelegt, dass Philosophie niemals einer „selbstgenügsamen Kontemplation“ verfallen sollte. Er dachte dabei an eine Kontemplation, die sich – abgeschieden vom Geschehen der Welt – der Betrachtung des Ewigen, Himmlischen etc. hingibt.

4.
Später, so Martin Seel, entwickelte Adorno die Kontemplation als das normative Kriterium für sein Philosophieren überhaupt. „Die These unseres Beitrags lautet, das es sich hierbei um das für Adornos Denken zentrale Kriterium der Bewertung menschlicher Zustände handelt. Kontemplative Erfahrung stellt die normative Grundlage seines Philosophierens dar.“ (S. 13).
Mit seinem Plädoyer, kontemplativ zu denken und kontemplativ zu leben, meint Adorno eine entscheidende Haltung: Menschen und Dinge in ihrer individuellen Besonderheit wahrnehmen, Sinn entwickeln für das Unwiederholbare im Leben, und den Tendenzen widerstehen, Menschen und Dinge nach dem Kriterium der Zweckmäßigkeit anzusehen und entsprechend „technisch“ zu verwenden.

5.
Kontemplation ist also, ein Geltenlassen und Sein -Lassen der anderen, der Menschen und der Welt. Vorausgesetzt ist dabei auch der Abstand von den Zwängen des Alltags und seines Tuns, also die Möglichkeit, auf die Dinge und Menschen kritisch zu schauen, ihre Einmaligkeit wahrzunehmen, mit ihnen in Kommunikation zu treten ohne den Gedanken an Herrschaft: Menschen und Dinge also zu pflegen und zu behüten. Martin Seel schreibt: „Die Fähigkeit, andere und anderes in ihre Sonderheit sein zu lassen, bildet der Prüfstein, an dem Adorno den gesellschaftliche Zustand misst.“ (S. 25). Ein sehr aktuelles, dringendes Thema: Wir denken an die Abwehr der Flüchtlinge, die Mauern, die Europa umgeben; die Rechtlosigkeit von Queers nicht nur in christlichen Staaten Afrikas.

6.
Martin Seel betont: Man solle nun bloß nicht Adorno insgesamt so interpretieren, als lasse er nur noch kontemplatives Verhalten gegenüber den Menschen und den Dingen als einzige menschliche humane Praxis gelten. Als bräuchten der Mensch und die Gesellschaft nicht immer auch das technische Tun, die Gestaltung von Welt und Gesellschaft, also das, was die Kritische Theorie „instrumentelles Verhalten“ nennt: Aber: diese Welt der Technik und Verwaltung muss immer von dem genannten Kriterium der Kontemplation kritisiert und in ihrer Allmachts – Tendenz zurückgewiesen werden!

7.
Die von Adorno beschriebene Kontemplation ist also eine jedem Menschen innewohnende „korrektive Kraft“ , betont Martin Seel (S. 38).

8.
Darin können sich die klassische metaphysisch – religiöse Kontemplation und die säkulare Kontemplation Adornos treffen: Kontemplation ist eine dem Menschen immer gegebene Möglichkeit, aus seinem Egoismus, seiner Fixierung auf instrumentelles Handeln herauszutreten. Kontemplation ist also klassisch wie für Adorno eine aus dem engen Ego herausführende, eine transzendierende Bewegung.
Nur: Die Klassische Kontemplation in den Kirchen, zumal in den „beschaulichen Orden“, meint eher die soziale und politische Aktion zurückweisende Haltung der Versenkung: Bitte immer im Schweigen, so die Ordensregel – in eine göttlich gedachte Wirklichkeit. Aber diese Tradition wird jetzt langsam überwunden.

9.
Man denke an die Erfahrungen des us-amerikanischen Trappistenmönchs Thomas Merton (1915-1968) , bis heute ein vielfach geachteter spiritueller Autor: Er konnte sich von den strengen Klosterregeln etwas befreien und ein Einsiedler – Leben auf seinem Klostergelände führen, das ihm dann gerade politisches Engagement für die Friedensbewegung in den USA gegen den Vietnam – Krieg erlaubte.
Der Trappistenönch Merton schreibt: „Kontemplation ist der höchste Ausdruck des intellektuellen und spirituellen Lebens des Menschen … Es ist spirituelles Wunder. Es ist eine spontane Ehrfurcht vor der Heiligkeit des Lebens, des Seins. Es ist eine lebendige Erkenntnis der Tatsache, dass das Leben und das Sein in uns von einer unsichtbaren, transzendenten und unendlich reichlich vorhandenen Quelle ausgehen. Kontemplation ist vor allem das Bewusstsein für die Realität dieser Quelle“ (in Thomas Merton: New Seeds of Contemplation, Quelle: https://www.thomasmertonnyc.org/about-merton/explore/2016/7/5/the-contemplative

10
In der Befreiungstheologie (teología de la liberacion) heute wird die Kontemplation als politische Kraft entdeckt: Sie zeigt den Christen und den Kirchen, in den Armen und Unterdrückten eine göttliche Präsenz wahr – zunehmen: Also den absolute Bedeutung eines jedes Menschen, auch des Armen, politisch zu fördern. „Die Kontemplation Christi im leidenden Ausgestoßenen und geknechteten Bruder ist ein Appell zu tätigem Einsatz. Dies bildet den geschichtlichen Inhalt der christlichen Kontemplation in der lateinamerikanischen Kirche“, schreibt der chilenische Theologe Segundo Galilea 1974, zit. siehe Fußnote 1:

11.
Wenn sich die christliche Kontemplation erneuert und auf die übliche Weltflucht verzichtet, kann sie in lernbereite Kommunikation mit der säkularen Kontemplation treten: Ihr geht es auch um die von instrumentellen Interessen befreite Anerkennung der Menschen als Menschen… Kontemplatives Leben ist in beiden Gestalten von Kontemplation immer ein Kampf für die Menschenwürde und die Menschenrechte…Vielleicht sollten Christen öfter mal Texte von Theodor W. Adorno lesen.

12.

Einen Aspekt der Kontemplation bringt Adorno nicht zur Sprache, die kontemplative Stille, das Schweigen in der Kontemplation. Dann wird das Denken zu sich selbst geführt, zur Reflexion, zur Erkenntnis, was Dasein, was Leben bestimmt. Diese Kontemplation in der Stille, im Zurückdrängen allen Lärms, ist kein Dauerzustand, sondern auch eine Art Stärkung von Geist und Seele… um in die Alltäglichkeit der Auseinandersetzungen und in die gesellschaftliche Praxis zurückzukehren…

Fußnote 1:
Zit in: Christian Modehn, „Kampf – Kontemplation -Theologie. Eine Skizze“. In dem Sammelband „Befreiende Theologie“, hg. von Karl Rahner, Christian Modehn, Hans Zwiefelhofer, Stuttgart 1977, S. 27.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin